Bis zu 1 Milliarde Euro will die Deutsche Bahn in die Digitalisierung investieren. Deutsche Bahn Digital Ventures steht bis 2019 Wagniskapital von bis zu 100 Millionen Euro zur Verfügung.

Deutsche Bahn AG/Uwe Miethe

28.03.17
CFO

Wie Deutsche Bahn Digital Ventures und Konzern voneinander lernen

Boris Kühn leitet die Deutsche Bahn Digital Ventures und arbeitet zugleich im M&A-Bereich in der Finanzabteilung des Mutterkonzerns. Im Interview spricht er über beide Welten und verrät, was sie voneinander lernen können.

Die Deutsche Bahn hat im Rahmen ihrer Digitalisierungsoffensive die Deutsche Bahn Digital Ventures gegründet, die bis 2019 Wagniskapital von bis zu 100 Millionen Euro investieren kann. Wie investieren Sie?
Uns stehen mehrere Kanäle offen. Beteiligungen an Start-ups sind ebenso möglich wie Kooperationen mit anderen Unternehmen oder wissenschaftlichen Einrichtungen. Wir interessieren uns aber auch für Ideen, die im Konzern Deutsche Bahn entstanden sind, und entwickeln diese weiter.

Wieso gibt es für diese Aufgabe mit Digital Ventures eine eigene Gesellschaft?
Wir können schneller und agiler vorgehen, als es innerhalb der Konzernstruktur mit ihren ausgeprägten Reporting-Erfordernissen möglich wäre. Deshalb wurde Digital Ventures als eigenes Unternehmen gegründet.

Sie wollen auch den Unternehmergeist im Mutterkonzern fördern. Wie gehen Sie vor, wenn Sie dort eine interessante Idee sehen?
Wir haben mittlerweile in jeder Einheit der Deutschen Bahn auf oberster Managementebene IT- und Digital-Kompetenz verankert, und das nicht nur in der Organisationsstruktur, sondern vor allem in den Köpfen. Diese Kollegen in den Geschäftsfeldern sind unsere ersten Ansprechpartner. Mit ihnen schauen wir gemeinsam, unter welchen Voraussetzungen ein junges Projekt bei der DB Digital Ventures besser aufgehoben sein könnte. Letztlich verlagert sich ja auch das finanzielle Risiko, wenn die Entwicklung bei Digital Ventures stattfindet. Die Absprachen erfordern von allen Beteiligten Fingerspitzengefühl, wir wollen schließlich keinen internen Wettbewerb um Projekte.

Spagat zwischen Finanzabteilung und Digital Ventures

Sie arbeiten in beiden Welten: Sie sind Managing Director der Deutsche Bahn Digital Ventures und zugleich Head of Mergers & Acquisitions für den Bereich Logistik in der Finanzabteilung der Deutschen Bahn. Ist das ein großer Spagat?
Es ist ein Spagat, aber die Kombination ist spannend. An etablierte Unternehmen kann man sich gut über Zahlen annähern. Das geht bei Start-ups nicht, da müssen auch Finanzer den Blick weiten und sich über strategische Fragen und die Geschäftsidee annähern. Letztlich braucht man eine Kombination aus Produkt und Wirtschaftlichkeit, daher befruchten sich beide Perspektiven gegenseitig.

Was kann eine klassische Konzernfinanzabteilung Ihrer Erfahrung nach von der Arbeit im Start-up-Umfeld lernen?
Sie kann lernen, im Kopf agiler zu werden. Es gibt in innovationsgetriebenen Bereichen ganz unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit, die auch die Prozesse in der Finanzabteilung verändern. Die Ausgründung der Digital Ventures zeigt ja bereits ein Umdenken an: Man schafft neue Bereiche für Themen, die in der Konzernstruktur nicht optimal aufgehoben sind. Voneinander zu lernen funktioniert aber in beide Richtungen. Es gibt auch viele Themen, die ein klassischer Finanzer in ein Start-up-Umfeld einbringen kann.

Welche sind das?
Bei Investitionen in neue Ideen gehören Verluste manchmal dazu, man darf sie nicht grundsätzlich scheuen. Aber natürlich muss man den Budgetrahmen im Blick behalten. Finanzer sind darin sehr gut geschult und können so einen deutlichen Mehrwert für junge Unternehmen schaffen. Die Herausforderung liegt darin, die Innovationsbereitschaft nicht zu ersticken, aber zugleich eine nachhaltige Perspektive zu schaffen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de