Dresser-Rand und BSH: Siemens‘ milliardenschwerer Konzernumbau

Siemens

22.09.14
Deals

Dresser-Rand und BSH: Siemens‘ milliardenschwerer Konzernumbau

Siemens-Chef Joe Kaeser und CFO Ralf Thomas forcieren den Konzernumbau des Münchner Industriekonzerns mit zwei Transaktionen: dem Zukauf des US-Unternehmens Dresser-Rand und dem Verkauf des 50-prozentigen Anteils an Bosch Siemens Hausgeräte – zwei Milliarden-Deals mit weitreichenden Folgen.

Siemens-Chef Joe Kaeser setzt die tiefgreifende Neustrukturierung des Technologiekonzerns unter dem Namen Vision 2020 mit einem Zukauf und einem Desinvestment konsequent fort. Die Münchner planen im Rahmen eines Milliarden-Deals, den Ölindustrieausrüster Dresser-Rand zu übernehmen.

Siemens will alle ausstehenden Aktien des Ölindustrieausrüsters im Zuge eines freundlichen Übernahmeangebots erwerben, teilte Siemens am Montag mit. Das Angebot betrage 83 US-Dollar je Aktie in bar, was einem Gesamtwert von rund 7,6 Milliarden US-Dollar, umgerechnet etwa rund 5,8 Milliarden Euro entspricht. Darin dürften die Nettoschulden von Dresser-Rand in Höhe von knapp 1,1 Milliarden US-Dollar (Stand: Jahresende 2013) bereits enthalten sein.

Das Board of Directors von Dresser-Rand hat den Aktionären des Maschinenbauunternehmens einstimmig empfohlen, das Übernahmeangebot von Siemens anzunehmen. Die Münchner rechnen mit einem Abschluss der Transaktion bis zum Sommer 2015.

Dresser-Rand-M&A Deal: Siemens sticht Sulzer aus

Neben Siemens hatte auch der Schweizer Technologiekonzern Sulzer Interesse an Dresser-Rand bekundet. Die Tatsache, dass Siemens die Übernahme vollständig in bar bezahlen wird, dürfte den Münchnern einen entscheidenden Vorsprung im Bieterrennen gegeben haben, glauben verschiedene Analysten. Siemens verfügte zum Geschäftsjahresende (Ende September) 2013 über eine Liquidität von knapp 9,8 Milliarden Euro.

Dresser-Rand produziert Kompressoren, Turbinen und andere rotierende Maschinen und erzielte damit im Geschäftsjahr 2013 einen Umsatz von rund 3 Milliarden US-Dollar bei einem operativen Ergebnis von 321 Millionen Dollar. Das US-Unternehmen soll damit das Siemens-Portfolio ergänzen, das bereits Gasturbinen und Ausrüstung für Gasförderer umfasst. Mit dem geplanten Zukauf kann Siemens-Chef Joe Kaeser die Präsenz seines Konzerns auf dem amerikanischen Energiemarkt und der weltweiten Öl- und Gasindustrie ausbauen und am Schiefergasboom in den USA partizipieren.

„Als Premium-Marke in den globalen Märkten für Energieinfrastruktur passt Dresser-Rand perfekt in das Siemens-Portfolio“, sagt Siemens-Chef Joe Kaeser. „Beide Geschäfte zusammen schaffen einen Weltklasse-Anbieter für die wachsenden Öl- und Gasmärkte.“ Damit werde Dresser-Rand das Oil & Gas-Unternehmen innerhalb von Siemens und passe genau zur Siemens Vision 2020.

Für 3 Milliarden Euro: Siemens verkauft BSH-Anteil

Zeitgleich kündigt Siemens den erwarteten Ausstieg aus dem Hausgerätesegment an: Der 50-Prozent-Anteil an dem Hausgerätehersteller BSH Bosch und Siemens Hausgeräte soll wie erwartet an den Joint-Venture-Partner Bosch gehen. Die Geschäftsführung und der Aufsichtsrat von Bosch sowie der Vorstand und der Aufsichtsrat von Siemens haben der Transaktion bereits zugestimmt. Der Kaufpreis liegt bei 3 Milliarden Euro. Zudem erhalten Siemens und Bosch vor Vollzug der Transaktion eine zusätzliche Dividendenausschüttung in Höhe von jeweils 250 Millionen Euro von BSH“, wie Siemens mitteilte.

Diese Transaktion muss noch von den Kartellbehörden genehmigt werden und soll im ersten Kalenderhalbjahr 2015 abgeschlossen werden. 1967 gründeten Bosch und Siemens das Gemeinschaftsunternehmen BSH, das 2013 bei einem Umsatz von rund 10,5 Milliarden Euro ein Ergebnis nach Steuern in Höhe von knapp 1,3 Milliarden Euro erzielte. Bis 2025 will der Hausgerätehersteller, der in der Vergangenheit immer wieder durch innovative Finanzierungen auf sich aufmerksam gemacht hat, seinen Umsatz verdoppeln.

BSH darf Siemens-Markenrechte weiter nutzen

Ende Mai hatte es bereits Spekulationen gegeben, dass Siemens aus dem Gemeinschaftsunternehmen Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH) aussteigen will. Damals war allerdings die Rede davon, dass der M&A-Deal eine Größenordnung von mindestens 5 Milliarden Euro haben solle und die Nutzung der Markenrechte noch nicht geklärt sei. Diese Fragen konnte Bosch-CFO Stefan Asenkerschbaumer nun offenbar klären. BSH darf demnach langfristig Hausgeräte unter der Marke Siemens weiter produzieren und vertreiben.

Die Finanzierung des Zukaufs dürfte für Asenkerschbaumer nicht mehr das Problem sein, verfügt doch der Automobilzulieferer über eine bilanzielle Liquidität von 13,2 Milliarden Euro und eine Eigenkapitalquote von rund 50 Prozent (Stand: 31. Dezember 2013). Mit der Übernahme des BSH-Anteils von Siemens kann Bosch nun den Schwankungen des stark zyklischen Automobilgeschäfts entgegenwirken.

Technologisch gesehen bestehen unter anderem auch auf dem Zukunftsfeld des Internets der Dinge und Dienste Möglichkeiten der verstärkten Zusammenarbeit zwischen Bosch und BSH. „Im Rahmen von Smart Home-Konzepten werden Haushaltsgeräte zukünftig noch energieeffizienter eingesetzt werden können, und die Bedienerfreundlichkeit wird sich weiter erhöhen", sagt Uwe Raschke, Geschäftsführer bei Robert Bosch und zuständig für den Unternehmensbereich Gebrauchsgüter, zu dem bereits bisher die BSH gehört.

Für Siemens-CEO Joe Kaeser und CFO Ralf Thomas gehört die Trennung vom BSH-Anteil wie die Übernahme von Dresser-Rand zur Strategie Vision 2020. Das Desinvestment entspricht dem angekündigten Rückzug aus den letzten Geschäften mit Endverbrauchern im Siemens-Portfolio. Schon 2013 hatte Siemens den Leuchtenhersteller Osram im Rahmen eines Spin-Offs erfolgreich an die Börse gebracht. Im nächsten Geschäftsjahr will Siemens-Chef Kaeser seine Hörgerätesparte endlich an die Börse bringen, nachdem der Verkauf an Finanzinvestoren 2010 gescheitert war.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de