Die Hoffnungen auf ein besseres Börsenklima sind nach dem Skandal bei Hess begraben.

Deutsche Börse

21.01.13
Deals

Hess-Skandal zerstört Börsenklima

Der Verdacht auf Bilanzmanipulation beim Börsenneuling Hess ist nicht nur für die Anleger ein Schock. Wer auch nur vage mit dem Gedanken eines Börsengangs gespielt hat, muss nun noch mehr zittern. Das ohnehin angekratzte Zutrauen der Anleger in IPO-Kandidaten ist jedenfalls dahin.

Was war die Erleichterung groß, als Hess im vergangenen Herbst den Sprung aufs Frankfurter Börsenparkett geschafft hatte: Endlich, nach langer Durststrecke, gelang einem Mittelständler mal wieder ein Börsengang. Rund drei Monate später steht Hess vor einem Scherbenhaufen, und das Börsensentiment ist mit zerstört. Der Verdacht, Hess könnte die Zahlen manipuliert haben, kostete nicht nur CEO Christoph Hess und CFO Peter Ziegler den Job, sie kostet auch das Vertrauen vieler Anleger in Neuemissionen.

Denn Hess brachte einiges mit, was ein Börsenaspirant braucht, um bei Anlegern zu punkten. Der PE-Investor Holland Private Equity ist auch nach dem IPO noch mit gut 20 Prozent beteiligt - das sprach für hohe Effizienz und gute Geschäftsaussichten des Unternehmens. Nun leidet auch der PE-Investor unter dem dramatischen Absturz der Aktie von 70 Prozent. Das liefert Hinweise auf die Art des potentiellen Vergehens. Sollten sich die Manipulationsvorwürfe erhärten, müssen sie mit einem großen Geschick begangen worden sein – schließlich gelten PE-Investoren nicht von ungefähr als penibel und versiert im Umgang mit Bilanzzahlen. Holland hat offensichtlich nichts gemerkt, sonst hätte der PE-Investor nach dem IPO wohl nicht auch noch Aktien nachgekauft.

Bitter für die Hess-Konsortialbank LBBW

Noch schwerer wiegt der Vorfall, weil Hess ein traditionsreiches Familienunternehmen ist, wie es sie viele gibt – und fast alle genießen einen guten Ruf am Kapitalmarkt. Der nun gefeuerte CEO Christoph Hess ist Mitglied der Gründerfamilie und führte das Unternehmen in dritter Generation. Den Vorwürfen zufolge soll er von den vermeintlichen Unregelmäßigkeiten gewusst haben.

Und auch an den anderen Beteiligten dieses möglichen Börsenskandals wird etwas hängen bleiben.  Dass ein Unternehmen, bei dem es nach Angaben des neuen Vorstands Dr. Till Becker „wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum mit Kenntnis des Vorstands zu Verstößen gegen Bilanzierungsregelungen gekommen“ ist, mit professioneller Begleitung den Sprung an die Börse schafft, ist erschreckend. Die  Konsortialbanken LBBW, M.M. Warburg und Kempen werden sich kritischen Fragen stellen müssen. Noch unangenehmer könnte der Vorfall für die Wirtschaftsprüfer der Karlsruher dhmp werden, die den Hess-Abschluss 2011 testiert haben. Eine weitere Runde in der Debatte um das Für und Wider der Big Four im Wirtschaftsprüfungssektor dürfte damit eingeläutet sein.

Der Fall Hess wird die Finanzbranche eine ganze Weile lang beschäftigen – mit Konsequenzen weit über den Umkreis des Familienunternehmens hinaus. Gerade jetzt stellen einige Unternehmen die Weichen in Richtung Börsengang, wie das Immobilienunternehmen LEG, das den Gang auf das Parkett für den 1. Februar geplant hat. Das wird jetzt schwer werden, denn das Vertrauen ist weg. Mehr als ein IPO-Vorhaben wird jetzt wieder in der Schublade landen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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