Unternehmen in Deutschland und Europa, aber auch weltweit, haben es derzeit nicht leicht: Die drohenden US-Zölle, schwankende Aktienkurse sowie geopolitische Spannungen und Cyber-Risiken stellen Unternehmen vor eine Vielzahl an Schwierigkeiten. Seit Corona befinden sich diese im Dauerkrisenmodus – die Anzahl der Herausforderungen dürfte sogar zugenommen haben, wenn man auf die vergangenen fünf Jahre zurückblickt.
„Momentan gleicht es einem Marathon, den das Management und die Führungsebenen absolvieren müssen“, beobachtet Mario Barisic, Senior Manager bei der Personalberatung Fricke Finance & Legal. Unternehmen versuchen weiterhin, die Risiken zu minimieren – das steigert die Nachfrage nach Spezialisten im Risikomanagement.
Risikomanager verstehen interne Prozesse
Dabei haben sich die Anforderungen an Risikomanager dem Personaler zufolge sukzessiv verändert. „Das liegt vor allem an der Digitalisierung und dem vorhandenen Datenfluss im Unternehmen sowie der Herausforderung, daraus datenbasierte Entscheidungen zu treffen“, so Barisic. „Die Risikoadjustierung besteht heutzutage zu einem Teil daraus, so viele Daten wie möglich einzuspeisen und bestehende Systeme zu nutzen, Risikofaktoren beziehungsweise Optimierungspotenziale zu erkennen.“
Daher sei es essentiell, dass die Spezialisten interne Prozesse verstehen. Durch die geänderten Anforderungen seien neue Expert Tracks entstanden, beispielsweise mit dem Fokus auf Business Intelligence und Analytics.
Deshalb seien Risikothemen vor allem in Abteilungen angesiedelt, die mit Zahlen und Daten zu tun haben. Dabei ist die Rolle des Risikomanagers laut Barisic oftmals nicht auf eine Person festgelegt, sondern geht mit anderen Funktionen wie der des Controllers einher. Je größer das Unternehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass das finanzielle Risikomanagement in einer zentralen Rolle oder Abteilung, zum Beispiel Financial Planning and Analysis (FP&A), zusammengefasst ist.
US-Zölle belasten deutsche Unternehmen
Dass Unternehmen nun die Risikokompetenzen in ihren eigenen Reihen ausbauen, ist wenig verwunderlich, müssen sie doch immer schneller auf geopolitische Spannungen reagieren. Derzeit im Fokus: Trumps Zollpolitik. Anfang April hatte der US-Präsident den internationalen Handelspartnern ein riesiges Zollpaket auferlegt – für Deutschland und Europa wären Zölle in Höhe von 25 Prozent fällig geworden. Nach einer Talfahrt der Aktienkurse ruderte Trump zurück und setzte die bereits in Kraft getretenen Zölle wenige Tage später für 90 Tage aus.
Als exportorientiertes Land schaden die US-Zölle der deutschen Wirtschaft und den Unternehmen. Vor allem deutsche Autozulieferer haben an Trumps Politik zu knabbern. Kaum jemand weiß, wie er darauf reagieren soll und wie es weitergehen wird – für CFOs und ihre Finanzabteilung gibt es kaum Planungssicherheit. Mit Blick auf die Geopolitik hat das Risikomanagement also alle Hände voll zu tun: Was bedeuten die Zölle für das Geschäftsmodell und sollte man künftig unabhängiger von der US-amerikanischen Wirtschaft planen?
Risikomanager müssen kühlen Kopf bewahren
„Besonders nach der Wahl von Trump und den darauffolgenden und den zuvor geopolitischen Entwicklungen haben Unternehmen begonnen, sich stärker auf lokale Märkte zu konzentrieren und ihre Strategien anzupassen“, beobachtet Barisic. Das fällt unter anderem in das Aufgabenfeld des Risikomanagers. „Für erfahrene Fachkräfte ist es wichtig, in diesen Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren, flexibel zu bleiben und strategisch vorauszudenken“, empfiehlt der Personalberater. „Eine enge Abstimmung mit dem Unternehmen und eine erhöhte Kommunikationsbereitschaft sind essentiell.“
Aber auch junge Risikomanager können aus turbulenten Zeiten viel lernen. Young Professionals sollten die Zeit als Chance sehen, um Auswirkungen auf das Unternehmen in Krisenzeiten besser kennenzulernen, sagt Barisic. Mit diesem Wissen können sich Nachwuchskräfte abheben und in ihren weiteren Karriereweg als besonderen Erfahrungswert einbringen.
Neben den internationalen Spannungen beschäftigen sich Risikomanager mit allen Risiken. In der Finanzabteilung liegt die Priorität der Manager primär auf dem Liquiditätsmanagement: Liquiditätsbedarf genau ermitteln und Lösungen zur Optimierung und Steuerung des Working Capital erarbeiten.
Digitalisierung bringt neue Risiken
Ein weiteres Risikofeld, das nicht nur die Finanzabteilung betrifft, sondern das ganze Unternehmen vor Risiken stellt, ist die Digitalisierung. Technologische Veränderungen bringen den Unternehmen nicht nur Fortschritt und Automatisierungen, sondern bergen auch Risiken. Insbesondere das Thema Cybersecurity stellt sowohl für Mittelständler als auch Großkonzerne ein großes Risiko dar.
„Risikomanager müssen in der Lage sein, hierbei Szenarien zu antizipieren und Modelle zur Risikobewertung zu optimieren“, sagt Barisic. „Für das Risk Management sind Technologiekenntnisse mittlerweile mindestens genauso wichtig wie traditionelle Finanzkenntnisse.“ Vor allem einige mittelständische Unternehmen haben dem Personalberater zufolge hierbei noch Nachholbedarf.
Die Integration neuer Technologien erfordert von Risikomanagern, sich stetig weiterzubilden und neue Fähigkeiten zu entwickeln, erklärt Barisic. „Das umfasst sowohl die Nutzung von Business Intelligence-Tools als auch das Verständnis für Systemlandschaften und Prozesse.“ Er empfiehlt: „Die Risikospezialisten sollten sich intensiv mit Datenflüssen und entsprechenden Tools beschäftigen sowie sich kontinuierlich hinsichtlich neuer Technologien weiterbilden.“
Bedarf an Risikomanagern wächst
Auch in Zukunft werden Risikomanager Barisic zufolge alle Hände voll zu tun haben. Künftig würden im Risikomanagement datengestützte Entscheidungen sowie prozessorientiertes Denken an Bedeutung zunehmen. „Unternehmen werden verstärkt versuchen, Risiken durch systematisches Vorgehen zu minimieren“, prognostiziert er.
Am Ende des Tages geht es für die Risikospezialisten darum, Themen wie Marktrisiko, Liquiditätsrisiko, Wettbewerbsintensität und Rechtsrisiko so gut wie möglich zu bewerten und gegensteuern zu können.
Jasmin Rehne ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die Themen Controlling, Gehalt und Personal. Sie hat in Marburg Sprache und Kommunikation studiert. Neben ihrem Studium arbeitete Jasmin Rehne bereits als studentische Hilfskraft bei FINANCE.
