Deutsche Telekom

09.02.16
Finanzabteilung

Deutsche Telekom muss Milliardenschulden auf Bilanz nehmen

Durch die neue Leasingbilanzierung muss die Deutsche Telekom künftig mehrere Milliarden Euro Schulden zusätzlich in der Bilanz ausweisen. Damit trifft der neue IFRS-Standard den Konzern besonders hart.

Fast könnte man meinen, die Behörden wollen die Deutsche Telekom mit der neuen Leasingbilanzierung ärgern: Zum zweiten Mal in Folge wurde eine neue IFRS-Regel verkündet, die den Ex-Monopolisten zwingt, die eigene Bilanz stark umzubauen.

Zuerst kam der Standard zum Umsatzerfassung IFRS 15 vor rund einem Jahr, der vor allem so genannte Mehrkomponentenverträge betrifft, wie sie bei Telekomunternehmen die Regel sind. Mehrere Millionen Euro werde die Telekom die Umstellung kosten, erzählte der Konzern damals gegenüber FINANCE.  

Und jetzt ist IFRS 16 da, der neue Standard zur Leasingbilanzierung, der ab Januar 2019 angewendet werden muss. Er zwingt die Unternehmen dazu, alle Ihre Leasingverhältnisse in der Bilanz auszuweisen. Bisher reichte es, sogenannte Operating Leasingverhältnisse nur im Anhang auszuweisen. Bei einigen Unternehmen sind die Folgen besonders krass: Gerade Handelsunternehmen, die Verkaufsflächen mieten, oder Fluggesellschaften, die ganze Flugzeugflotten mieten, haben außerbilanzielle Verpflichtungen, die in die Milliarden gehen. Diese Milliarden müssen die Unternehmen jetzt auf der Passivseite der Bilanz ausweisen.

Bei kaum einem Unternehmen dürfte es um so viel Geld gehen wie bei der Telekom. Im Anhang vom Geschäftsbericht aus dem Jahr 2014 finden sich nicht abgezinste Verpflichtungen aus Leasingverhältnissen in Höhe von rund 19 Milliarden Euro.

Zentrale Kennzahlen werden sich bei der Telekom verändern

Die Summe komme maßgeblich dadurch zustande, dass die Telekom weltweit Technikflächen beispielsweise auf Gebäuden für die Installation von Mobilfunkantennen anmieten muss, erklärt Norbert Panek, Senior-Experte im Bereich Accounting Principles, Policies and Research bei der Deutschen Telekom. „Und hier haben wir nur die Möglichkeit, die Flächen anzumieten, denn kaufen kann man sie nicht.“

Damit wehrt sich die Telekom auch gegen den häufig vorgebrachten Vorwurf, Unternehmen würden das Leasing massiv ausnutzen, um Bilanzkosmetik zu betreiben und Schulden zu verstecken. Diese Annahme war mit ein Grund dafür, warum die zuständige Behörde IASB sich nach einer jahrelangen Diskussion dazu entschlossen hat, den Standard zur Leasingbilanzierung anzupassen.

Wie hoch schlussendlich der abgezinste Betrag sein wird, den die Telekom ab 2019 in der Bilanz ausweisen muss, ist noch nicht bekannt – klar ist aber, dass es auf jeden Fall mehrere Milliarden Euro sein werden. Und das wird zentrale Kennzahlen verändern. „Wir rechnen mit einer signifikanten Erhöhung der Bilanzsumme zum Erstanwendungszeitpunkt. Einerseits aufgrund des Anstiegs der Leasing-Verbindlichkeiten in der Bilanz und andererseits aufgrund eines ähnlich hohen Anstiegs des Anlagevermögens“, sagt Norbert Panek. Gleichzeitig wird sich aber das operative Ergebnis vor Abschreibungen (Ebitda) verbessern, weil die Leasingverhältnisse künftig nicht mehr als Mietaufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst werden. Damit einhergehend wird sich auch die Ebitda-Marge verbessern.

Umstellungskosten durch IFRS 16

Genauere Zahlen könne die Telekom zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen, Deloitte rechnet aber in einem kürzlich veröffentlichten Papier mit einer Erhöhung der Ebitda-Margen bei Telekommunikationsunternehmen in Höhe von 2,5 Prozent, PwC spricht sogar von 8 Prozent. Dennoch: Das Ebitda verbessert sich nicht in gleichem Maße, wie sich die Finanzverbindlichkeiten erhöhen. Damit wird sich beispielsweise der relative Verschuldungsgrad – eine wichtige Kennzahl für Ratingagenturen und Analysten – rechnerisch verschlechtern.

Dass Ratingagenturen und Analysten die Telekom aufgrund der IFRS 16-Einführung schlechter bewerten, fürchtet Norbert Panek aber nicht. Diese wüssten um die Gründe und berücksichtigen Zahlungsverpflichtungen aus Operating-Leasingverhältnissen, die jetzt lediglich im Anhang stehen, ohnehin schon in ihren Modellen. Problematischer sind aber die Umstellungskosten, die IFRS 16 mit sich bringt. Auch hier wollte die Telekom keine Angaben zur geschätzten Höhe machen.

Der Konzern, der als Leasingnehmer mehrere hunderttausend Verträge und als Leasinggeber einige Millionen Verträge hat, muss diese nunmehr unter IFRS 16 würdigen. „Wir müssen sicherstellen, dass alle Leasingverhältnisse vollständig entsprechend IFRS 16 in der Bilanz erfasst werden“, so Panek. Und das ist gar nicht so einfach. „Wir feilen derzeit an der IT-Lösung, mit der wir das stemmen“.

Deutsche Telekom: „IFRS 16 wird die Vergleichbarkeit erhöhen“

Trotz der Herausforderungen, die auf den Konzern zukommen, ist Panek positiv auf IFRS 16 zu sprechen. Immerhin werde der neue Standard die Vergleichbarkeit zwischen den Unternehmen transparenter machen. „Durch IFRS 16 können die erwarteten zukünftigen Cash-Outflows durch Leser der Geschäftsberichte besser erkannt werden – sowohl der Höhe nach als auch vom Zeitpunkt her“, so Panek. Bisher gaben alle Unternehmen im Anhang die Zahlungsverpflichtungen grob zusammenfasst in bestimmten Zeitbändern unterteilt an – in welchem Jahr und in welcher Summe aber die Cash-Outflows genau fällig wurden, konnte nicht nachvollzogen werden.

Eine weitere Besonderheit bei den Verträgen der Telekom liegt darin, dass bestimmte Vertragsverlängerungsoptionen mit in die Zahlungsverpflichtungen einbezogen werden. Bei diesen Verlängerungsoptionen ist es heute noch unbestimmt, ob es in Zukunft zu einer Auszahlung kommt. Die Behandlung von Verlängerungsoptionen wird nach dem alten Bilanzierungsstandard nicht bei jedem Unternehmen einheitlich angewendet und macht es den Rating-Agenturen und Analysten oft schwer, die mit den Cash-Outflows verbundenen Unsicherheiten richtig einzuschätzen. Deshalb werden häufig nur vereinfachte Modelle genutzt. Hinzu kommt: „Jede Agentur hat ihre eigenen Berechnungsmodelle, das schlägt sich in uneinheitlichen Bewertungen nieder. Durch IFRS 16 wird die Vergleichbarkeit zwischen den Unternehmen einer Branche erhöht“, ist sich Panek sicher.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de


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