Nestlé

21.07.17
Finanzabteilung

Jede zweite Aktivisten-Attacke ist erfolgreich

Die Zahl der aktivistischen Kampagnen in Europa steigt. Neben Hedgefonds müssen sich CFOs immer häufiger mit Asset Managern und Pensionsfonds auseinandersetzen. Sie fordern mehr Einfluss – und haben damit immer öfter Erfolg.

CFOs in Europa sind heute doppelt so oft mit aktivistischen Investoren konfrontiert wie noch vor fünf Jahren. Das geht aus einem aktuellen Report von JP Morgan hervor. Zählte die US-Investmentbank 2012 nur 62 Angriffe, waren es in den zwölf Monaten bis Ende Juni 2017 bereits 119. Als aktivistische Kampagne wertet die Studie die Einflussnahme auf die Besetzung von Vorstand und Aufsichtsrat, Mitsprache bei M&A-Deals, Strategiethemen sowie Corporate-Governance-Fragen.

Prominente Fälle gab es zuletzt einige: Der aktivistische Investor AOC, der im vergangenen Jahr eine aufsehenerregende Attacke gegen den Pharmakonzern Stada fuhr, zwang vor einigen Wochen bei PNE Wind den Aufsichtsratsvorsitzenden Alexis Fries aus dem Amt. Ende Juni stieg der Hedgefonds Third Point bei dem Lebensmittelriesen Nestlé ein. Third-Point-Gründer Daniel Loeb will die Schweizer dazu drängen, ihre Beteiligung an dem französischen Kosmetikkonzern L‘Oreal zu verkaufen.

Hedgefonds-Ikone Paul Singer stürzte Klaus Kleinfeld bei dem US-Metallkonzern Arconic vom Chefsessel. Bei dem Tec-Dax-Unternehmen SLM Solutions sorgte Singer mit seinem Hedgefonds Elliott dafür, dass die geplante Übernahme des 3D-Druckerherstellers durch General Electric platzte. 

Asset Manager werden zu Aktivisten

Doch es sind längst nicht mehr nur aggressive Hedgefonds wie Elliott oder Third Point, die Druck auf die Unternehmensführung ausüben. Auch Asset Manager, Pensionsfonds und Einzelinvestoren wollen stärker mitreden, um den Wert für ihre Anteilseigner zu steigern, stellt JP Morgan fest. Das gelte insbesondere für kleinere Vermögensverwalter, die sich auf kleine börsennotierte Unternehmen konzentrieren.

Diesen Trend bekommt gerade der unter einer Ertragsflaute leidende Laserspezialist LPKF zu spüren: Bei den Norddeutschen schwingt sich die Bantleon Bank, die bis dato nur als Vermögensverwalter in Erscheinung getreten ist, zum aktivistischen Investor auf. Einen Vertreter im Aufsichtsrat stellt der Großaktionär schon, jetzt steht die Neubesetzung des Vorstandschefs auf der Agenda.

Fondsgesellschaften schauen nicht nur auf Corporate Governance

Die Asset Manager gehen dabei zwar weniger radikal vor als Hedgefonds, Gehör verschaffen sie sich dennoch. Friedrich Merz, Deutschlandchef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, prangerte kürzlich in einem Interview die Gehaltsexzesse in Vorstandsetagen an. Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment ist bekannt für seine kritischen Worte bei Hauptversammlungen. Auch Deka Investment will künftig stärker mitreden – bei den Aktionärstreffen und in Gesprächen mit den Vorständen, erklärte Michael Schmidt, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft, jüngst gegenüber FINANCE-TV. 

Als aktivistische Investoren wollen sich die Asset Manager indes nicht bezeichnen. Sie wollen sich in der Regel nicht in die Unternehmensstrategie einmischen, sondern bei Corporate-Governance-Themen wie Vergütung und Aktionärsrechte mitreden. Doch ihr Fokus wird zunehmend breiter, stellt JP Morgan fest. Vor allem bei M&A-Deals pochen sie auf Mitsprache.

CFOs gehen häufiger auf Aktivisten ein

Die Erfolgschancen der Aktivisten, sich mehr Einfluss im Unternehmen zu sichern, steigen: Gelang es 2012 nur 29 Prozent der Investoren, einen Vertreter in den Aufsichtsrat zu entsenden, lag die Erfolgsquote in den vergangenen zwölf Monaten JP Morgan zufolge bei 46 Prozent.

Die Studienautoren führen dies auch darauf zurück, dass Unternehmen im Streit mit Investoren häufiger einlenken. Es gebe weniger Kampfabstimmungen bei Hauptversammlungen, man einige sich stattdessen häufiger im Vorfeld, ergibt der Report. Aus Sicht der CFOs hat das einen großen Vorteil: Es läuft geräuschloser ab.

Doch die Strategie birgt auch Risiken: Einerseits motiviert ein schnelles Einlenken aktivistische Investoren, sich immer wieder einzumischen. Andererseits kann dies bei anderen Anlegern auf Widerstand stoßen. JP Morgan zufolge haben drei der größten Indexinvestoren ihre Portfoliounternehmen aufgefordert, erst das Feedback der Fonds einzuholen, bevor man sich auf die Forderungen der Aktivisten einlässt. Denn die Interessen der Investoren stimmen nicht immer überein.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

Die Angriffe aktivistischer Investoren in Europa häufen sich. Welche Unternehmen betroffen sind, das erfahren Sie auf der FINANCE Themenseite zu aktivistischen Investoren.