Das Coronavirus belastet die Unternehmen massiv. Die Bafin will CFOs nun mit Blick auf die Ad-Hoc-Pflicht entlasten.

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27.03.20
Finanzabteilung

So verändert Corona die Ad-hoc-Pflichten

Wegen der Coronakrise passt die Bafin die Vorgaben für die Ad-hoc-Publizität an. An vielen Stellen gewährt die Aufsicht den CFOs nun mehr Spielraum. Doch vor allem mit Blick auf die nahenden Q1-Berichte stehen Finanzchefs vor schweren Entscheidungen.

Das erste Quartal 2020 neigt sich dem Ende zu. Schon bald werden die ersten deutschen Unternehmen den Kapitalmarkt darüber informieren, wie sich ihr Geschäft in den ersten drei Monaten des Jahres entwickelt hat. Klar ist: Wegen des Coronavirus dürften Umsatz und Ergebnis in den allermeisten Branchen geringer ausfallen als im Vorjahr. Doch ist das auch ein Grund für die Veröffentlichung einer Ad-hoc-Mitteilung? Vor dieser schwierigen Entscheidung dürften derzeit zahlreiche CFOs stehen.

Eine Ad-hoc-Mitteilung ist dann erforderlich, wenn sich absehen lässt, dass die Zahlen von der Markterwartung abweichen und damit den Aktienkurs potentiell erheblich beeinflussen werden. Allerdings ist es nach den Kursverwerfungen der vergangenen Wochen für Finanzchefs schwierig abzuschätzen, wie stark Investoren mögliche Einbußen bereits eingepreist haben.

Bafin kommt CFOs bei Ad-hoc-Pflichten entgegen

Deshalb hat die Finanzaufsicht Bafin, die die Einhaltung der Publizitätspflichten überwacht, nun reagiert und klargestellt, wie sie im Zuge des Coronakrise mit Ad-hoc-Pflichten umgehen will. „Die Bafin gibt den Unternehmen größeren Spielraum bei der Bewertung, ob Zahlen von der Markterwartung abweichen“, sagt Dirk Busch, Kapitalmarktrechtler bei der Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller. „Eine Abweichung von etwa 3 Prozent, die unter normalen Umständen schon als kursrelevant eingestuft werden könnte, dürfte nun grundsätzlich kein Grund mehr für die Veröffentlichung einer Ad-hoc-Mitteilung sein.“

Der Rechtsanwalt wertet das als Umdenken der Bafin. „Ziel ist es, die Unternehmen in der gegenwärtig volatilen und kaum absehbaren Situation zu entlasten und mehr Rechtssicherheit zu schaffen.“ Schließlich können Verstöße gegen Ad-hoc-Pflichten die Unternehmen teuer zu stehen kommen.

CFOs dürfen Analysten-Konsensus bereinigen

Dennoch ist die Situation für Finanzchefs nicht einfach. Sie müssen zunächst ermitteln, welches die „relevante Benchmark“ für die Bewertung der anstehenden Quartalsergebnisse darstellt, erklärt Busch. Die eigene Prognose ist es in der Regel nicht. Denn diese ist zum einen in der Regel auf das Gesamtjahr bezogen, nicht auf das Quartal. Zum anderen haben viele Unternehmen – von Volkswagen über Hugo Boss und Ceconomy bis hin zu Osram – in den vergangenen Wochen die Gesamtjahresprognose ohnehin bereits zurück gezogen, ohne eine neue zu veröffentlichen. Auch diese Praxis toleriert die Bafin, wie sie nun klargestellt hat.

Ein realistischeres Bild der Marktmeinung dürften deshalb die Analystenschätzungen darstellen. Allerdings sind auch diese teilweise bereits veraltet. „Die Bafin gestattet es Unternehmen deshalb nun, Analystenschätzungen zu bereinigen“, erklärt Kapitalmarktrechler Busch. So sei es Finanzchefs nun in begründeten Einzelfällen erlaubt, zur Ermittlung der Benchmark veraltete Analystenbewertungen herauszurechnen und im Gegenzug etwa neue Presseberichte miteinzubeziehen. Sind Analystenschätzungen nicht vorhanden oder nicht belastbar, verbleibt als letzte Benchmark-Stufe der Vergleich mit der relevanten Vorjahresperiode.

„Wenn nicht-kursrelevante Informationen als Ad-hoc veröffentlicht werden, erfüllt dies ebenfalls einen Bußgeldtatbestand.“

Dirk Busch, Kapitalmarktrechtler Hengeler Mueller

„Wichtig ist dabei stets, dass die Unternehmen gut dokumentieren, welche Informationen mit in die Bewertung eingeflossen sind“, sagt Busch. Denn wenn sich die Investor-Relations-Abteilung auf Ausnahmen von der Ad-hoc-Pflicht berufe, müsse sie dies auch argumentativ belegen können.

Die Taktik, im Zweifel lieber eine Ad-hoc- statt einer einfachen Pressemitteilung zu veröffentlichen, könnte hingegen gefährlich werden, warnt Busch: „Wenn nicht-kursrelevante Informationen als Ad-hoc veröffentlicht werden, erfüllt dies ebenfalls einen Bußgeldtatbestand.“ Hinzu komme, dass auch das Timing der Veröffentlichung entscheidend sei.

Hengeler Mueller rät zu kombinierten Meldungen

Der Kapitalmarktrechtler rechnet deshalb damit, dass Finanzchefs in den kommenden Wochen vermehrt kombinierte Mitteilungen veröffentlichen werden – so wie es etwa Airbus vergangene Woche gemacht hat. Der Flugzeugbauer kündigte an, dass er seine Prognose für 2020 zurückzieht, was eine Ad-hoc-Pflicht auslöste. Zeitgleich informierte er darüber, dass die Liquiditätsreserve durch den Abschluss einer neuen Kreditlinie um 10 Milliarden Euro auf 30 Milliarden Euro aufgestockt wurde.

„Solche kombinierten Meldungen – sofern rechtlich darstellbar – können ein intelligenter Weg sein, um gleichzeitig mehrere, auch gegenläufige Sachverhalte zu adressieren“, sagt Busch. Denn ihm zufolge löst die Aufnahme von neuem Fremdkapital oder das Ziehen von Kreditlinien nicht zwingend eine Ad-hoc-Pflicht aus. „Das gilt auch für die Inanspruchnahme von Staatshilfe – sofern der Markt bereits eingepreist hat, dass es zu Liquiditätsengpässen kommen könnte.“ Wenn diesbezüglich Unsicherheit besteht, könnte die Kombination mit anderen Sachverhalten die Schwelle für Anforderungen an Ad-hoc-Mitteilungen senken.

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