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Industrieversicherung: „Kunde steht längst nicht mehr im Mittelpunkt“

Christian Böhm GVNW
Christian Böhm ist Interims-Vorstandsvorsitzender des Gesamtverbands der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW) Foto: Freudenberg & Co. KG

Es knirscht gewaltig im Verhältnis zwischen Unternehmen und Industrieversicherern. Von Vertrauensverlust, teilweise schlechtem Service und fehlender Kundenfokussierung ist die Rede. „In den vergangenen Jahren ist viel Porzellan zerschlagen worden“, sagt Christian Böhm, Interims-Vorstandsvorsitzender des Gesamtverbands der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW) im Gespräch mit FINANCE.

Der GVNW ist der einzige Interessenverband für Industrieversicherungskunden. Seine Mitglieder sind Verbände, Industrie- und Handelskammern sowie Unternehmen aller Größen bis hin zum Dax-Konzern.

Die Preise in der Industrieversicherung steigen

Der Markt für Industrieversicherungen war in den vergangenen Jahren verhärtet. Viele Industrieversicherer machten Verluste, erhöhten deshalb die Prämien, reduzierten Kapazitäten und schrieben mehr Ausschlüsse in die Versicherungsbedingungen. Mit dem Ergebnis, dass die Unternehmen nun weniger Versicherungsschutz zu deutlich höheren Preisen bekommen.

Böhm hat Verständnis dafür, dass die Versicherer zurück in die Gewinnzone wollen. „Die sollen ihr Geld verdienen“, sagt er. Ihn und viele Mitgliedsunternehmen störe aber die Art und Weise, wie die Industrieversicherer in den vergangenen Jahren mit ihren Kunden umgegangen seien.

Teilweise hätten die Versicherer seit Jahrzehnten bestehende Geschäftsbeziehungen von heute auf morgen beendet. „Teilweise erst Ende November, wenn die betroffenen Unternehmen nicht mehr reagieren konnten“, klagt der Interimschef des GVNW.

Die Industrieversicherung ist im Gegensatz zur Individualversicherung vergleichsweise wenig automatisiert und standardisiert. Versicherungsverträge werden oft bilateral zwischen Unternehmen oder Versicherungsmaklern und Industrieversicherern ausgehandelt. Zum Jahresende finden die meisten Vertragsverhandlungen – die sogenannten Renewals – zwischen Industrieversicherern und Unternehmen über den Versicherungsschutz im nächsten Jahr statt.

Cyberversicherung bleibt ein Problemkind

Auch die diesjährigen Renewals trugen nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zu verbessern. Insgesamt seien sie zwar besser gelaufen als in den vergangenen Jahren, vor allem im D&O-Geschäft. Trotzdem gebe es noch viele Sorgenkinder.

„Das größte Problemkind bleibt die Cyberversicherung. Hier sehen wir weitere Prämienanstiege, aber auch eine Verschärfung der Versicherungsbedingungen sowie gestiegene Anforderungen an die Cybersicherheit der Unternehmen“, sagt Böhm. „Die Zahl der Unternehmen, die keinen Cyberversicherungsschutz mehr einkaufen, nimmt zu.“ Dabei werden immer mehr Unternehmen Opfer von Cybercrimes, wie zuletzt etwa Continental oder Thyssenkrupp.

„Das größte Problemkind bleibt die Cyberversicherung.“

Christian Böhm, Interims-Vorstandsvorsitzender des GVNW

 „Viele kleinere Unternehmen schließen aus ökonomischen Gründen keine Cyberversicherungen mehr ab, und für die großen Konzerne sind die bereitgestellten Deckungskapazitäten oftmals zu gering“, moniert Böhm. Auch hier zeige sich eine Tendenz der abnehmenden Relevanz der Industrieversicherung für die Wirtschaft.

Auch in anderen Bereichen und Branchen der Sachversicherung habe es Prämienanstiege gegeben, so zum Beispiel in der Kfz-Flottenversicherung. In der Feuerversicherung seien „Problembranchen“ etwa Recycling, die Holz- und Papierindustrie, Galvanik und Gießereien sowie die Lebensmittelbranche, die schwer einen Versicherungsschutz fänden. Außerdem hätten sich für viele Unternehmen die Deckungsbedingungen bei der Absicherung gegen Naturkatastrophen verschlechtert.

Soziale Inflation bei Haftpflichtrisiken in den USA

In der Haftplicht-Sparte laufe auch nicht alles rund. „Neben den Branchen Pharma und Medizinprodukte, für die es traditionell schwierig ist, Versicherungsschutz zu bekommen, haben es international tätige Unternehmen zuletzt schwer gehabt, Haftpflichtschutz für ihr US-Geschäft zu bekommen“, sagt Böhm.

Als Grund sähen die Versicherer die sogenannte „soziale Inflation“, was bedeutet, dass Gerichtsurteile in Zivilrechtsverfahren gegen Unternehmen in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden sind, auch durch die zunehmende Prozessfinanzierung von außen, dem „litigation funding“.

„Das Industrieversicherungsgeschäft ist ein volatiles Geschäft, da kann man nicht mit gleichbleibenden Margen kalkulieren.“

Christian Böhm

Ein weiterer Punkt, der Böhm stört, ist die mangelnde Kundenzentrierung: „Die Versicherer mögen zwar das Gegenteil behaupten, aber mittlerweile scheint bei ihnen schon längst nicht mehr der Kunde im Mittelpunkt zu stehen, sondern sie selbst.“

Das macht er auch an den festen Gewinnmargen fest, die manche Industrieversicherer seit einiger Zeit jährlich erzielen wollten. „Das Industrieversicherungsgeschäft ist ein volatiles Geschäft, da kann man nicht mit gleichbleibenden Margen kalkulieren.“

Für Kritik sorgt auch der Service, den Böhm für verbesserungswürdig hält. „Aber das hängt auch am mangelnden Fachpersonal bei den Versicherern.“ Die Assekuranz versucht das Problem mit stärkerer Automatisierung und Standardisierung zu lösen, was aber neue Probleme hervorruft.

Industrieversicherungslösungen sind oft zu pauschal

Die Versicherer verließen sich in der Risikobetrachtung zu oft alleine auf ihre Algorithmen. „Wir finden aber, dass am Ende des Tages der Underwriter, der die zu versichernden Unternehmen oft schon seit vielen Jahren kennt, das letzte Wort haben sollte.“ Außerdem gefällt Böhm nicht, dass viele Versicherer ihre Kunden in Schubladen nach Wirtschaftsbranche steckten, statt sie individuell mit ihren jeweiligen Risiken und Schadenhistorien zu betrachten.

Vor allem größere Unternehmen versuchen das Problem zu lösen, indem sie einen firmeneigenen Versicherer gründen. Diese sogenannte Captive sichert dann die Risiken des Mutterunternehmens ab. Der Versicherungsbranche sollte diese Entwicklung zu denken geben, denn: „Was einmal als Kapazität in einer Captive ist, das kommt auch nicht wieder zurück in den Versicherungsmarkt“, weiß Böhm aus seiner langjährigen Branchenerfahrung.

Der belgische Cyberversicherer Miris Insurance, der von europäischen Industrieunternehmen gegründet wurde, ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Entfremdung von Wirtschaft und Industrieversicherern.

„Was einmal als Kapazität in einer Captive ist, das kommt auch nicht wieder zurück in den Versicherungsmarkt.“

Christian Böhm

Doch auch diese Entwicklungen scheint die Assekuranz nicht von ihrer harten Zeichnungspolitik abbringen zu können. Im Gegenteil. Auch die zunehmende „Rosinenpickerei“ ist den GVNW-Mitgliedern ein Dorn im Auge.

„Die meisten Unternehmen wollen, dass sich ihre Versicherer an Deckungen in möglichst vielen Versicherungssparten beteiligen, doch viele Industrieversicherer wollen nur noch risikoarmes Geschäft in ausgesuchten Sparten versichern“, bemängelt Böhm.

Fehlende Innovationen in der Industrieversicherung

Doch statt das Angebot durch Ausschlüsse immer weiter einzuschränken, wenn ein neues Risiko auftaucht, wünscht sich Böhm insbesondere hier mehr Innovationen von der Assekuranz, „um die Risiken versichern zu können, die Unternehmen haben“.

Als Vorschlag nennt er ein Public Private Partnership (PPP), wie es mit dem Terrorismusversicherer Extremus schon eines zwischen Staat und Assekuranz gibt. „Ich könnte mir solche PPP-Lösungen für Elementarschäden, Pandemien oder auch Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur gut vorstellen.“

Viel Hoffnung, dass es in nächster Zeit dazu kommen wird, hat Böhm aber nicht. „Die Politik ist zurzeit mit anderen Themen beschäftigt.“

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.