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Neuer Player in der Industrieversicherung

Im Gap 15 in Düsseldorf hat Everest Deutschland seinen Sitz.
Im Hochhaus Gap 15 in Düsseldorf hat Everest Deutschland seinen Sitz. Foto: shokokoart - stock.adobe.com

Über zu wenig Arbeit kann sich Bernd Wiemann zurzeit nicht beklagen. Seit Mai dieses Jahres ist der erfahrene Versicherungsmanager damit beschäftigt, in Düsseldorf die deutsche Niederlassung des Industrieversicherers Everest Insurance Ireland aufzubauen, der in Dublin sein Hauptquartier hat.

Deutschland sei ein attraktiver Markt für Industrieversicherer, betont der Head of Germany. „Deutschland als eine führende Industrienation bietet viel Spielraum für die Industrieversicherung.“ Hinzu kommt: „Viele Industrieversicherer haben ihre Kapazitäten reduziert. Das bietet Platz für neue Anbieter, den wir natürlich gerne ausfüllen wollen.“

Everest startet zunächst in drei Sparten

Im September erteilte die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin) die Erlaubnis zur Aufnahme des Geschäftsbetriebs und seitdem versucht Wiemann den Spagat zu meistern, einerseits Geschäft zu zeichnen und gleichzeitig geeignetes Personal zu finden.

Zunächst werde Everest in den Sparten Sachversicherung, Haftpflicht und Financial Lines und dort mit den Schwerpunkten D&O-, Vertrauensschaden- und klassische Vermögensschadenhaftpflicht-Versicherung starten. Eine Marktverhärtung spürt Wiemann momentan vor allem bei Financial Lines und D&O sowie bei Cyberversicherungen. „Im Bereich Cyber wollen wir nächstes Jahr Kapazitäten bereitstellen“, kündigt er an. Dort sei es aktuell schwer, überhaupt nachgefragte Deckungssummen zu erhalten.

Fachkräftemangel erschwert die Personalsuche

Als zurzeit größte Herausforderung bezeichnet der Deutschlandchef von Everest die Personalsuche, denn der Fachkräftemangel mache auch vor der Industrieversicherung nicht halt. „Wir sind sehr darauf bedacht, hoch qualifizierte Personen für uns gewinnen zu können“, sagt Wiemann. „Doch je spezieller das Fachgebiet, desto schwieriger wird es, gute Leute zu finden.“

Bernd Wiemann ist Head of Germany der neu gegründeten Deutschland-Niederlassung von Everest Insurance. Foto: Everest Insurance

Insofern sei die Personalsuche herausfordernd. Was erschwerend hinzukommt, sind die Kündigungsfristen: „Je höher die aktuelle Position ist, die jemand bekleidet, desto länger ist sie. Das heißt, wenn heute jemand den Vertrag unterschreibt, ist die Person manchmal erst in sechs Monaten bei uns“, so Wiemann. Dennoch ist er zuversichtlich, die noch vakanten Positionen bald besetzen zu können.

Everest habe für Leute, die etwas Neues schaffen wollen, viel zu bieten, ist Wiemann überzeugt. „Wer handbuchgesteuert arbeiten will, ist bei uns an der falschen Stelle. Aber wer das Handbuch mitschreiben will, dann sind wir die Richtigen.“

Die ersten Seiten des Everest-„Handbuchs“ tragen ganz klar Wiemanns Handschrift. Wirklich von Null ohne Altlasten beginnen zu können, habe ihn gereizt. „Das ist der Trigger gewesen, warum ich hier bin und warum viele andere bei uns anfangen wollen“, erinnert sich Everest-Deutschland-Mitarbeiter Nummer 1.

Genügend Manpower in der Sachversicherung

Im Bereich der Sachversicherung sei Everest schon mit genügend Manpower am Start, um Geschäft zu zeichnen. „In den Bereichen Financial Lines und Haftpflicht sind wir noch auf der Suche nach geeigneten Underwritern, also Mitarbeitern, die selbstständig Risiken einschätzen, Anträge prüfen und schließlich auch Verträge zum Abschluss bringen“, sagt Wiemann, der seit mehr als 30 Jahren in der Industrieversicherung tätig ist. Dank der Amtshilfe der niederländischen Everest-Niederlassung könne man aber auch in diesen Sparten schon Versicherungskapazitäten zur Verfügung stellen.

Wiemann strebt an, jeden Versicherungsbereich mit zwei Underwritern zu besetzen, sodass bis Ende 2023 insgesamt zehn Underwriter für Everest Deutschland tätig sein sollen. Punkten will Everest vor allem mit Service. „In unseren Gesprächen mit versicherungsnehmenden Firmen ist uns immer wieder zugetragen worden, dass es hier noch Nachholbedarf geben würde“, hat Wiemann festgestellt. Manchmal sei es für Unternehmen schon schwer, überhaupt jemanden ans Telefon zu bekommen.

Das soll bei Everest anders laufen, auch für die Schadenregulierung, die ebenfalls von Deutschland aus betrieben werde. Wichtig sei auch, dass man sowohl für die Schadenregulierung als auch für das Underwriting Entscheidungsvollmacht in Deutschland habe. „Denn Service betrifft auch die Entscheidungswege. Wenn die so lang sind, dass eine Entscheidung zwei, drei Monate braucht, fällt das ebenfalls unter schlechten Service.“

Everest will in Deutschland mit Service punkten

Deshalb wolle man sich hierzulande zunächst auf eine ausgewählte Klientel konzentrieren, so Wiemann. „Wir haben als Zielgruppe zurzeit Unternehmen im Blick, die 250 Millionen Euro oder mehr erwirtschaften.“ Diesen will Everest als Beteiligungsversicherer Kapazitäten anbieten. Ins Führungsgeschäft werde man wechseln, wenn die deutsche Niederlassung fertig aufgebaut sei.

Das Deutschlandgeschäft soll behutsam wachsen. Als Ziel hat sich Wiemann 5 Millionen Euro Prämie pro Underwriter gesetzt. Bis Ende 2023 wäre man damit bei Prämieneinnahmen von rund 50 Millionen Euro. „Uns ist wichtig: Wir wollen nicht wachsen um des Wachstums willen, sondern wir wollen das Geschäft hier nachhaltig aufbauen“, betont Wiemann, „und nachhaltig heißt: profitabel.“

Auch schwierige Risiken will Everest nicht per se ausschließen

Aber das bedeute nicht, dass man sich nur „die Rosinen herauspicken“ wolle. „Wir schauen uns auch herausfordernde Risiken an, die bei anderen Gesellschaften vielleicht nicht so auf der Wunschliste stehen.“ Wiemann sei wichtig, vernünftige Lösungen zu finden, die für alle Beteiligten tragbar seien, also Kunde, Makler und Versicherer. „Das kann für ein schwieriges Risiko genauso gut sein wie für das vermeintlich einfache Risiko.“

Das Kundenfeedback sei bislang gut, zeigt sich Wiemann erfreut. Die ersten Verträge seien unterzeichnet. Kurz- oder mittelfristige Marktanteilsziele habe man sich nicht gesetzt, so der Head of Germany. „Aber wir wollen eine relevante Größe am deutschen Markt und spartenübergreifend ein relevanter Partner für unsere Kunden werden.“ Bis es so weit ist, wird sich Wiemann auch weiterhin nicht über zu wenig Arbeit beklagen können. Und wenn der Akku doch einmal drohen sollte, sich zu leeren, hilft ihm eine ausgedehnte Runde durch den Wald mit seiner belgisch-deutschen Schäferhündin. „Von der Runde komme ich immer energiegeladen zurück.“

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.