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Währungsrisiken: „Planungssicherheit nutzt nichts“

Siegfried Jaschinski attestiert Mittelständlern Defizite beim Währungsmanagement.
Maks Richter, Stuttgart / PaulPaladin - stock.adobe.com

Herr Jaschinski, Sie haben gemeinsam mit der Unternehmensberatung Simon Kucher einen neuen Ansatz für den Umgang mit Fremdwährungsrisiken entwickelt. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Wechselkursschwankungen können einen immensen Einfluss auf den Umsatz und vor allem auf das Ergebnis eines Unternehmens haben. Während meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der LBBW habe ich mehrfach erlebt, wie wichtig Fremdwährungsrisiken sind und wie wenig insbesondere Mittelständlern den Umgang mit ihnen bisher beherrschen – beziehungsweise wie wenig Kapazität sie dafür aufwenden oder aufwenden können.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Unternehmen, das im Euro-Raum produziert und nach China exportiert, sein komplettes Währungsrisiko in chinesischen Renminbi abgesichert hatte. Dann verlor der Euro gegenüber dem Renminbi an Wert und ein Konkurrent des Unternehmens, der keine Sicherungsgeschäfte abgeschlossen hatte, senkte seine Preise in Renminbi. Das Unternehmen musste nachziehen, um keine Aufträge zu verlieren. Das ging natürlich zu Lasten der Marge. Die Folge: Im Ergebnis fehlte am Jahresende ein zweistelliger Millionenbetrag.

„Der CFO muss das FX-Management koordinieren“

Was hätte das Unternehmen aus Ihrer Sicht anders machen sollen? Das Ziel von Hedging-Maßnahmen ist ja, Planungssicherheit zu schaffen. Wenn das Unternehmen keine Sicherungsgeschäfte abgeschlossen hätte, und sich der Kurs anders entwickelt hätte, hätte das Treasury vermutlich auch in der Kritik gestanden.
Es geht darum, Transparenz zu schaffen, flexibel zu bleiben und gleichzeitig die Risiken zu beherrschen. Aus Treasury-Sicht mag es richtig sein, keine oder nur wenige offene Währungspositionen zu haben. Für die Auslandsgesellschaft kann es aber verheerend sein: Planungssicherheit nutzt nichts, wenn man die geplanten Preise am Markt nicht durchsetzen kann. Wir wollen den tatsächlichen Risikoträger, also den Vertrieb, daher stärker in den Hedging-Prozess einbinden. Es muss einen echten Austausch zwischen Markt- bzw. Preisverantwortlichen und dem Treasury geben – und der CFO sollte das Ganze koordinieren.

Viele Unternehmen adressieren den Spagat zwischen Planungssicherheit und Flexibilität dadurch, dass sie rollierend absichern – also Hedging-Quoten nach und nach hochfahren und damit Durchschnittskurse erzielen. Was halten Sie davon?
Das ist natürlich besser als eine starre Absicherung. Aber auch mit Durchschnittskursen rennt man der Entwicklung nur hinterher. Wir plädieren daher für einen gänzlich anderen Angang.

Und wie sieht der aus?
Unser Ziel ist es, den Einfluss von Wechselkursschwankungen zunächst durch Preisanpassungen abzufedern – und erst danach – falls nötig – Hedging-Maßnahmen über Devisentermingeschäfte, Optionen und Co. zu ergreifen. Deshalb wir uns bei Augur Corporate Finance mit der auf Preisfindung fokussierten Unternehmensberatung Simon + Kucher zusammengetan. Wir wollen das Preis- und das Währungsmanagement miteinander verzahnen.

„Aus Treasury-Sicht mag es richtig sein, keine oder nur wenige offene Währungspositionen zu haben. Für die Auslandsgesellschaft kann es aber verheerend sein.“

Siegfried Jaschinski, Partner bei Augur Capital

FX-Effekte auf Umsatz und Ertrag simulieren

Wie soll das konkret funktionieren?
Wir haben ein webbasiertes Simulationsprogramm entwickelt. Im ersten Schritt werden dabei Währungsszenarien bestimmt. Das sind keine kurzfristigen Wechselkursprognosen, wie sie von Banken üblicherweise erstellt werden, sondern Trendbestimmungen anhand von fundamentalen Einflussfaktoren wie Leistungsbilanz- und Zinsdifferenzen sowie der Konjunkturentwicklung. Im zweiten Schritt simuliert das Programm die Auswirkung verschiedener FX-Szenarien auf Ertrag und Umsatz des Unternehmens. Es geht darum, Transparenz zu schaffen.

Soweit ist das nicht neu. Solche Programme bieten auch andere Beratungshäuser an.
Der neue Aspekt kommt im dritten Schritt hinzu. Dann werden die Auswirkungen der Wechselkursschwankungen auf die Wettbewerbssituation durchgespielt. Das Unternehmen muss verschiedene Fragen beantworten: Wie preissensitiv sind die Produkte? In welchem Währungsraum sind die Wettbewerber ansässig? Wie hoch ist der Differenzierungsgrad meiner Produkte? Der Vertrieb erhält so je nach FX-Situation unterschiedliche Preiskorridore für die Produkte.

„Der Vertrieb erhält je nach FX-Situation unterschiedliche Preiskorridore für die Produkte.“ 

Siegfried Jaschinski, Partner bei Augur Capital

Unter welchen Umständen sollten die Unternehmen aus Ihrer Sicht dann Hedging-Geschäfte abschließen?
Erst wenn die Preismaßnahmen im Hinblick auf Marktposition und Wettbewerb ausgeschöpft sind. Das Programm simuliert mit aktuellen Marktdaten die vorhandenen FX-Risiken auf die GuV anschließend erneut und schlägt entsprechende Hedging-Transaktionen vor.

Damit Treasurer all diese Analysen überhaupt durchführen können, braucht es viele Informationen. Diese zusammenzutragen dürfte langwierig sein…
Das ist richtig. Es ist ein gewisser Einmalaufwand mit der Implementierung verbunden. Der zahlt sich allerdings aus, weil man Umsatz und Ertrag entscheidend verbessern kann.

desiree.buchholz[at]finance-magazin.de

Info

Siegfried Jaschinski ist ein erfahrener deutscher Banker: Von 2005 bis 2009 führte er die Landesbank Baden-Württemberg als Vorstandschef, von 2011 bis 2014 war der heute 66-Jährige Partner bei der Investmentbank MainFirst. Anschließend heuerte Jaschinski bei dem auf den Mittelstand fokussierten Finanzinvestor Augur Capital an. Von 2015 bis 2019 war Jaschinski Aufsichtsratschef von Heidelberger Druckmaschinen.

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Desirée Buchholz ist Redakteurin bei FINANCE und Leitende Redakteurin der Schwesterpublikation DerTreasurer. Seit 2014 moderiert sie beim Web-TV-Sender FINANCE-TV. Desirée Buchholz hat einen Masterabschluss im Fach International Business and Economics und schrieb während des Studiums als freie Journalistin unter anderem für das Handelsblatt sowie die Wirtschaftsmedien von Gruner + Jahr.

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