Fintechs setzen inzwischen bei allen Teilen einer Unternehmensbilanz an, auf der Aktiv- wie Passivseite.

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08.06.17
Finanzierungen

Firmenkunden-Fintechs nehmen Mittelstand ins Visier

Mehr als 100 deutsche Fintechs sind relevant für Firmenkunden – welche Lösungen sie anbieten und wie die Banken auf die neue Konkurrenz reagieren.

Deutsche Fintechs nehmen den Mittelstand ins Visier. Das ergibt eine aktuelle Studie, in der FINANCE zusammen mit Barkow Consulting, ING, Deloitte und CMS den deutschen B2B-Fintech-Markt genau unter die Lupe genommen hat.

Untersucht wurden auf Basis von Daten der Beratungsgesellschaft Barkow Consulting insgesamt 544 Fintechs in Deutschland. Davon betreiben 299 Fintechs B2B-Geschäft, sie richten sich also mit ihren Produkten und Dienstleistungen an Unternehmenskunden. Davon wiederum sind 103 für das Firmenkundengeschäft der Banken relevant und haben das Potential, dieses zu beeinflussen. 

60 Prozent der Firmenkunden-Fintechs bieten Finanzierung an

Rund 60 Prozent dieser relevanten Firmenkunden-Fintechs beschäftigen sich mit Finanzierungslösungen. Deutlich weniger, aber immerhin noch ein Drittel, setzen beim Zahlungsverkehr an. Das sind derzeit die beiden mit Abstand bedeutendsten Spielfelder im Fintech-Firmenkundengeschäft.

Eindeutig definiert ist auch die Zielgruppe der Firmenkunden-Fintechs. Der klare Fokus liegt auf kleinen und mittelgroßen Unternehmen, also dem Mittelstand. Zwei Drittel der relevanten Fintechs haben ausschließlich diese Zielgruppe im Visier. Großkunden werden immerhin von einem weiteren Viertel mit angesprochen. Explizit auf Großkunden ausgerichtet sind allerdings die wenigsten Fintechs – nicht einmal jedes zehnte hat diesen Fokus gewählt.

Die Vorteile, die Fintechs den mittelständischen Firmen versprechen, gehen von einer erhöhten Transparenz – zum Beispiel über Fremdwährungspositionen – über effizientere Prozesse bis hin zu geringeren Kosten für Dienstleistungen und Produkte, die der Mittelständler bezieht.

Fintechs bieten Lösungen für Aktiv- und Passivseite der Bilanz

Bemerkenswert ist, dass Fintechs inzwischen Lösungen für alle Teile der Unternehmensbilanz anbieten. Sie setzen auf der Aktivseite bei Anlagevermögen, Working Capital, Investments und der Liquidität von Unternehmen an. Auf der Passivseite vermitteln oder beschaffen Fintechs Eigen-, Mezzanine- oder Fremdkapitalfinanzierungen.

Vor allem auf der Finanzierungsseite haben sich zahlreiche Anbieter etabliert, die entlang der Lieferkette Finanzierungen arrangieren – sogenannte Supply-Chain-Finanzierer. Außerdem hat sich eine Vielzahl von Kreditplattformen etabliert, die Kapitalsuchende mit Investoren zusammenbringt. Fintechs tauchen aber auch in Prozesse und Funktionen der Unternehmen ein und stellen beispielsweise Lösungen für den Zahlungsverkehr, die Bilanzierung und sogar M&A-Prozesse bereit. 

Banken investieren in Firmenkunden-Fintechs

Die Präsenz der Fintechs ist auch den Banken nicht verborgen geblieben, die unterschiedliche Fintech-Strategien ausgearbeitet haben. Keine Bank kann es sich heute mehr erlauben, den Fintechs die kalte Schulter zu zeigen. Das Stadium der Abweisung sei längst einem intensiven Dialog gewichen. Das zeigt auch das rege Finanzierungs- und Beteiligungsverhalten der Unternehmen aus dem Finanzsektor im vergangenen Jahr.

Gab es laut der Studie 2014 und 2015 jeweils nur zwei Investments von etablierten Finanzunternehmen in Fintechs, verzeichneten die Datensammler von Barkow Consulting 2016 bereits 16 Transaktionen. Zu den Investoren zählten namhafte Geldhäuser wie Commerzbank (Main Incubator und Commerz Ventures), Deutsche Bank, NordLB, DZ Bank oder auch die Deutsche Börse. 

Es gibt zu viele Firmenkunden-Fintechs

Die Studie adressiert außerdem ein großes Problem, dem sich die Fintechs noch immer ausgesetzt sehen: Vertrauen und Verlässlichkeit. Für viele Fintechs steht die Bewährungsprobe noch aus, ein qualitativ hochwertiger Dienstleister über einen langen Zeitraum zu sein. Firmenkunden legen großen Wert auf Sicherheit, Fehler werden kaum toleriert. Start-ups mit unerprobten Strukturen und Geschäftsmodellen tun sich deshalb gerne mit Banken zusammen, die trotz der Finanzkrise noch immer ein Gütesiegel in Punkto Professionalität und Zuverlässigkeit darstellen.

Ein weiteres Problem: Es gibt schlicht zu viele Firmenkunden-Fintechs, die das gleiche oder zumindest ähnliche Geschäftsmodelle verfolgen, was vor allem für die zahlreichen Finanzierungsplattformen gilt. Der Markt wird sich noch deutlich konsolidieren. Am Ende, so prognostiziert die Studie, werden je ein oder zwei Plattformbetreiber und Supply-Chain-Finanzierer übrig bleiben. Für die Banken, die sich zuletzt an den Fintechs beteiligt oder diese finanziell unterstützt haben, zeigt sich dann, ob sie auf das richtige Pferd gesetzt haben.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Eines der relevanten Firmenkunden-Fintechs ist Trustbills. Hier geht es zum Interview mit dem CEO der Auktionsplattform für Handelsforderungen. Noch mehr Fintech-Interviews finden Sie in der neuen FINANCE-Studie Gegner, Helfer, Partner: Fintechs und das Firmenkundengeschäft der Banken", die Sie hier herunterladen können.