Eine Milliardenwelle voll alternativer Debt-Finanzierungen schwappt über den europäischen Mittelstand. Für viele CFOs sind Kreditfonds schon eine echte Finanzierungssäule geworden.

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10.11.16
Finanzierungen

Private Debt: Auf CFOs rollt eine Milliardenwelle zu

Die Geldtöpfe der Private-Debt-Investoren füllen sich immer weiter. Die Milliarden drängen in den Mittelstand. In Deutschland tickt der Markt aber anders als im Rest Europas.

Die Töpfe der Alternativen Finanzierer quellen über: Allein Private-Debt-Fonds haben derzeit 191 Milliarden US-Dollar auf der hohen Kante, berichtet der Datendienst Preqin. Immer mehr Private-Equity-Häuser und Asset-Manager bauen Private-Debt-Teams auf, um bei dem neuen Trendthema mit von der Partie zu sein, und ein Fundraising jagt das nächste.

Auch Hedgefonds, Versicherungen, Pensionsfonds, Family Offices und reiche Unternehmer tummeln sich in diesem Markt, der aus drei Gründen gerade durch die Decke schießt, wie Benjamin Mohr, Chefvolkswirt der Ratingagentur Creditreform, gegenüber FINANCE-TV sagte: „Finanzierungslücken bei kleinen und bonitätsschwachen Unternehmen, die Suche nach Rendite im Niedrigzinsumfeld und der politische Wille, Finanzierungsalternativen zu den Banken zu entwickeln“ – so beschreibt Mohr die Stützpfeiler des Kreditfonds-Booms.

Die Folge des guten Umfelds: Jeder zweite alternative Kreditanbieter will seine Investmenttätigkeit ausweiten, hat eine Umfrage der Kanzlei Allen & Overy unter je 180 europäischen CFOs und Kreditfondsmanagern ergeben. Vor dem europäischen Mittelstand baut sich eine Milliardenwelle auf. 

CFOs verlieren Skepsis gegenüber Private Debt

„Der Sweet Spot ist der Mid Market“, glaubt Tim Conduit von Allen & Overy. Dort wollen 64 Prozent der befragten Investoren ihr Engagement verstärken, das ist deutlich mehr als bei Kleinunternehmen (44 Prozent) und Großkonzernen (29 Prozent). Der Anlagedurst der Kreditfondsmanager trifft auf interessierte CFOs: Jeder zweite befragte Finanzchef will in den nächsten fünf Jahren mehr Geld von alternativen Investoren aufnehmen als aktuell, in Deutschland sind es sogar 65 Prozent.

Von der Politik ist das durchaus gewollt – die Etablierung anderer Finanzierungssäulen neben dem klassischen Bankkredit ist das zentrale Ziel der Europäischen Kapitalmarktunion, die Brüssel gerade aufbaut. Jedoch ist noch unklar, ob die anstehende Präzisierung der Regulierung den alternativen Kreditmarkt nicht aus dem Tritt bringt, warnt Marktbeobachter Mohr. In Deutschland allerdings hat es gerade einen wichtigen Fortschritt gegeben: Die Bafin hat genau definiert, in welchem Rahmen Debt-Fonds Kredite an Unternehmen ausreichen dürfen und die Kreditfonds zumindest in Deutschland damit aus der rechtlichen Grauzone geholt.

Deutschland hat eine eigene Konjunktur bei Private Debt

Die deutschen Unternehmen können die weitere Entwicklung im Bereich Private Debt auch deshalb aus einer komfortablen Position heraus verfolgen, denn neben britischen sind es vor allem deutsche Investoren, die in Europa eine wichtige Rolle spielen. In Frankreich und Benelux etwa sind die CFOs hungrig nach Kontakten mit deutschen Investoren. Die deutschen Finanzchefs finden diese Finanzierungspartner direkt vor ihrer Haustür.

Jedoch ist die Lage am deutschen Markt etwas anders als in weiten Teilen Europas. Hier sind es es nicht die Private-Equity- und Private-Debt-Häuser, die die Milliarden in die Unternehmen schaufeln, sondern eher reiche Privatpersonen und deren Family Offices. Noch wichtiger ist allerdings der boomende Schuldscheinmarkt, auf dem meistens deutsche Banken und Versicherungen als Investoren auftreten. Er ist der zentrale Treiber des deutschen alternativen Kreditmarkts. Dank des Schuldscheinbooms stieg der Anteil der befragten deutschen Unternehmen, die sich alternativ finanzieren, gegenüber der Allen-&-Overy-Befragung aus dem Vorjahr von 20 auf 33 Prozent.

Die letztendlichen Geldgeber sind damit aber häufig immer noch Banken, weswegen Neil George Weiand, Bank- und Finanzrechts-Partner bei Allen & Overy in Deutschland, die Entwicklung differenziert sieht: „Eine Substitution von Banken durch alternative Kreditgeber findet hierzulande derzeit nur graduell statt, vor allem bei bestimmten margenträchtigen Finanzierungen.“

Das Anleihekaufprogramm der EZB verzerrt den Trend

Außerhalb Deutschlands fällt der Schuldschein-Faktor hingegen kaum ins Gewicht. In den beiden wichtigsten Direct-Lending-Märkten Europas, Großbritannien und Frankreich, prägen Finanzinvestoren das Geschehen. Laut Benjamin Mohr haben Direct-Lending-Vehikel mit Europafokus bis Mitte diesen Jahres rund 60 Milliarden Euro eingesammelt, mit zunehmender Dynamik. Erst am Montag dieser Woche gab der Londoner Assetmanager Pemberton bekannt, dass Investoren ihm 1,2 Milliarden Euro für einen paneuropäischen, auf den Mid-Market ausgerichteten Debt-Fonds zur Verfügung gestellt haben. Pemberton hat auch ein Büro in Deutschland, und Deutschland soll auch ein Investitionsschwerpunkt des neuen Fonds sein, wie Deutschlandchef Jürgen Breuer verspricht. 

Die Anlage dieser Gelder prägt in vielen Ländern bereits den Finanzierungsmix, europaweit kommen alternative Quellen mittlerweile auf einen Anteil von einem Drittel an den Langfristfinanzierungen der Unternehmen. Bankdarlehen liegen stabil bei 48 Prozent. Der Anstieg des Anteils der Alternativen geht zu Lasten der Kapitalmarktfinanzierung, die europaweit tendenziell auf dem Rückzug ist. Allen & Overy hält das fast 2 Billionen Euro umfassenden Anleihekaufprogramm der EZB für mit verantwortlich, das mittlerweile auch Corporate Bonds umfasst. Dieses habe den Banken und institutionellen Investoren so viel Liquidität verschafft, dass dort in hohem Maße Mittel für die Corporate-Finanzierung freigeworden seien – zu Lasten des offiziellen Kapitalmarkts.

Langfristig dürften sich die Banken aber eher in eine Vermittlerrolle begeben, schätzt Allen & Overy, quasi als Gatekeeper zwischen den Großinvestoren und den Unternehmen. In den USA ist das schon lange der Fall. Auch das ist ein Grund, warum die US-Banken erheblich profitabler wirtschaften als die europäischen. Dass die europäischen Politiker möchten, dass die europäischen Banken aufschließen, wertet Mohr als positives Vorzeichen für die anstehenden Regulierungsrunden. „Sofern dort keine großen Fehler passieren, werden die Kreditfonds auf mittlere Sicht ihre Wachstumsraten hoch halten können“, schätzt der Creditreform-Rating-Analyst.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Das komplette FINANCE-TV-Interview mit Daniel Mohr gibt es hier zu sehen.