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Die großen NPL-Transaktionen kommen nicht

Krisenbranche Solar: Bernd Köhler hielt einen mitreißenden Vortrag über die Rettung von Phoenix Solar.
Annette Hausmanns für FINANCE

Die deutsche Wirtschaft präsentiert sich trotz Konjunkturdelle und Zypern-Krise weiterhin robust. Deshalb waren sich Investoren in Distressed Assets auch gleichbleibend darüber einig, dass die Investitionsmöglichkeiten in angeschlagene Unternehmen zwar da sind, aber relativ selektiv bleiben. Das liegt auch daran, dass Banken und Abwicklungsanstalten aus früheren Verkäufen gelernt haben und heute viel mehr in die eigene Hand nehmen. „Wir sind ein motivated, aber kein forced Seller“, sagte etwa Sven Guckelberger, Leiter Kreditrisikomanagement bei der Ersten Abwicklungsanstalt (EAA) in Düsseldorf, in der Diskussion mit Oliver Kehren (Morgan Stanley) und Jens Alsleben (H.I.G. European Capital Partners). Deswegen dürften sich Hedgefonds auch keine Hoffnungen machen, zum Billigpreise in zahlungsgestörte Kredite einzusteigen. Auch Claus Radünz, Director Global Restructuring der LBBW, sieht keinen Anlass für große Kreditverkäufe. Für die Landesbank sei dies immer die „Ultima Ratio“.

Dennoch kommen sich Käufer und Verkäufer von Distressed Assets schrittweise näher. Lösungen müssen deutsche Banken etwa für Schiffskreditportfolien oder bei faulen Immobilienkrediten finden, die bei einzelnen Instituten nicht mehr zum Kerngeschäft zählen. „Notverkäufe wird es im Immobilienbereich allerdings kaum geben“, glaubt Jochen Wentzler, der bei Deloitte innerhalb des Bereichs Corporate Finance die Restructuring Services in Deutschland leitet. Vielmehr ließen sich Modelle aus dem angeschlagenen Shipping auch auf Immobilienrestrukturierungen übertragen.
 

Solar im Brennpunkt

Die Krise in der Solarindustrie bildete einen weiteren Schwerpunkt der diesjährigen Konferenz. Viele Unternehmen wie Centrotherm oder Solarwatt haben bereits den Schutzschirm genutzt, um Rezepte gegen die drohende Zahlungsunfähigkeit zu finden. Zu den Fällen äußerten sich Jan von Schuckmann (CEO Centrotherm) und Carsten Bovenschen (CFO Solarwatt). Andere wie Phoenix Solar konnten sich mit den Gläubigern außergerichtlich auf eine Rettungsfinanzierung einigen. „Dafür ist eine schnelle und konsequente Umsetzung der Restrukturierung nötig“, betonte Dr. Bernd Köhler, der im November 2011 als CFO zu Phoenix Solar stieß und das Geschäft inzwischen als CEO leitet. „Man muss bereit sein, alles bisher Erfolgreiche in Frage zu stellen.“ Darüber, dass die Krise der Solarindustrie längst nicht ausgestanden ist, waren sich die Teilnehmern ebenfalls einig. Als jüngstes Beispiel wurde der Bonner Konzern Solarworld angeführt, der mit Hochdruck an einer Einigung mit den verschiedenen Gläubigergruppen arbeitet.

Mit einer weiteren Konsolidierung der Solarbranche rechnet Dr. Thomas Sittel, Head of Distressed M&A beim Beratungshaus Goetzpartners. „Die Konsolidierung in der Solarindustrie ist zwar noch nicht beendet, jedoch bereits weit fortgeschritten“, sagte er in seinem Vortrag. Gerade in der Automobilindustrie seien aufgrund der Branchenkonjunktur weitere Distressed-Fälle zu erwarten.

ESUG: Zwischenbilanz von Schutzschirm & Co.

Für vielfältige Diskussionen sorgte die Insolvenzrechtsreform ESUG. Ein Jahr nach deren Einführung im März 2012 war es an der Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Besonders der Berufsstand des Insolvenzverwalters wird durch Schutzschirm & Co. ganz schön durcheinander gewirbelt. Man müsse jetzt mehr Dienstleister und Berater sein, sagte Bernd Depping, Insolvenzverwalter und Geschäftsführer der Kanzlei dnp Depping.

Bei den neuen Instrumenten gebe es immer noch viele Unsicherheitsfaktoren – nicht nur für Unternehmen selbst, sondern vor allem auch bei den Gläubigern, wie Carsten Bovenschen, der als CFO im vergangenen Jahr mit Solarwatt das Schutzschirmverfahren und die Insolvenz in Eigenverwaltung durchlaufen hat, berichtete: „Das wichtigste ist, Vertrauen zu schaffen. Dazu muss man sich aber immer wieder selbst erklären, da die Verfahren noch so neu sind.“

Trotz einzelner erfolgreicher Verfahren wie bei Solarwatt oder Centrotherm sei es für ein abschließendes Urteil über den Erfolg des ESUG allerdings noch zu früh, da waren sich die Experten einig: „Ich hätte jetzt schon eine Renaissance der freiwilligen Insolvenzen erwartet“, meinte Christoph Kauter von Trigon Equity Partners. „Aber ich gehe davon aus, dass die neuen Regeln sich über die Zeit weiter etablieren werden.“

markus.dentz[at]finance-magazin.de

Info

8. Deutsche Distressed Assets Konferenz

Am 20. März fand im Frankfurter Hotel Jumeirah zum achten Mal die Deutsche Distressed Assets Konferenz statt. Rund 160 Experten aus Investmentbanken, Sanierungsabteilungen von Banken, Insolvenzverwalter und  Turnaround-Spezialisten nahmen teil. Neben FINANCE fungierten CMS Hasche Sigle, Deloitte, dnp Depping, Goetzpartners, Noerr und Weil, Gotshal & Manges als Mitveranstalter. Das Programm finden Sie hier.

Markus Dentz ist Chefredakteur von FINANCE und der Fachzeitschrift DerTreasurer. Seine journalistischen Schwerpunktthemen sind Unternehmensfinanzierung, Restrukturierung und Treasury. Nach dem Studium und dem Volontariat beim F.A.Z.-Institut stieß Dentz zur FRANKFURT BUSINESS MEDIA GmbH, einer Tochter der F.A.Z.-Verlagsgruppe und Herausgeberin von DerTreasurer und FINANCE. Mehrfach wurden seine Artikel aus den Bereichen Private Equity und M&A mit Journalistenpreisen ausgezeichnet.