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Die letzten Tage von Windreich (Teil 2)

Mit seinen Windparkprojekten hat Windreich-Chef Willi Balz ein großes Rad gedreht. Am Ende verlor er das Vertrauen seiner Gläubiger.
Thinkstock / Getty Images

Auch nach Einreichung des Insolvenzantrags Anfang September rückt Windreich-Chef Willi Balz von seiner Sicht der Dinge nicht ab: Hinter der – von einem seiner größten Gläubiger – erzwungenen Insolvenz wittert Balz eine Verschwörung der Energiekonzerne. Dabei hat er selbst nach Kräften dazu beigetragen, dass die Lage bei Windreich derart eskaliert ist: mit seiner Alles-oder-nichts-Strategie, die Windparkprojekte bis zur Stromproduktion in den Büchern zu halten und nicht schon vorher Teilexits zu suchen, wie andere Projektierer das tun. Und mit einem Führungsstil, an dem ehemalige Mitarbeiter kein gutes Haar lassen.

„Selbstherrlich“ und „nicht kritikfähig“ soll Balz agiert haben. So hat der Unternehmer in höherer Schlagzahl Manager verschlissen als neue Windparks ans Netz gebracht – darunter diverse Energiefachleute wie den Ex-EnBW-Manager Peter Vest, aber auch Finanzer wie CFO Matthias Hassels und Karl-Gerhard Eick, der Windreich ein paar Monate lang beraten hatte. Unvergessen ist der mediale Schlagabtausch zwischen Eick („Windreich ist nicht börsenfähig.“) und Balz („Habe ihn gefeuert.“) nach dem Abgang des früheren Telekom-Finanzchefs.

Die Windreich-Bücher? „Ein einziges Chaos“

Sicher ist, dass Willi Balz‘ Eigensinn einen großen Anteil am Scheitern des Unternehmens hat. Balz ist Alleininhaber von Windreich, und so verhielt er sich auch. So baute er ein komplexes Firmengeflecht aus privaten Vermögenswerten und Windreich-Gesellschaften auf, in dem er munter Beteiligungen hin- und herschob. „Es ist egal, ob das Geld aus der linken oder der rechten Tasche kommt, die Hosen habe ich an“, antwortete Willi Balz einmal, von FINANCE nach den Beteiligungsverhältnissen in seinem Reich befragt.

Den Bilanzierungsvorschriften und dem Steuerrecht schenkte Balz dabei möglicherweise nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. „Spätestens Mitte 2012 hat Balz den Überblick verloren“, sagt einer der vielen Whistleblower, die von Balz am Ende genug hatten.

Der unrühmliche Höhepunkt: Im März durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Windreich-Büros und startete Ermittlungen gegen Balz und weitere Windreich-Manager wegen Bilanzmanipulation, Kredit- und Kapitalanlagebetrugs. „Ab da war die Sache eigentlich gelaufen“, glaubt ein Insider. Dass Balz wirklich einen Käufer für den Windpark MEG 1 an der Hand hatte, bezweifelt er. „Jeder Interessent hatte doch Bedenken, ob ein Deal insolvenzfest ist.“

Und Balz hatte am Schluss kaum eine Chance, das verlorene Vertrauen seiner Gläubiger und Verhandlungspartner wiederherzustellen. Ein testierter Jahresabschluss 2012 hätte geholfen, aber den konnte Balz nicht liefern. „Weil die Staatsanwaltschaft die Unterlagen beschlagnahmt hat!“, sagt Balz. „Weil die Bücher ein einziges Chaos waren!“, meint ein Kritiker.

Windreich hat eine Überlebenschance

Am Ende hatte sich Balz mit so ziemlich allen überworfen. Mit früheren Mitarbeitern, die über Balz’ Ruppigkeit klagten. Mit seinen Beratern, die der Windreich-Chef wie Schuljungen herunterputzte. Mit der Ratingagentur Creditreform, der Balz wegen einer angekündigten Herabstufung im März die Tür wies und dafür sogar den Verlust der Zulassung seiner Bonds zum Anleihesegment BondM der Börse Stuttgart hinnahm.

Zu seiner wichtigsten Stütze im Kampf gegen den Untergang wurde der schottische Industrielle Lord Irvine Laidlaw, bei dem Balz zum Schluss mit gut 100 Millionen Euro in der Kreide stand – zu Konditionen, die selbst einem sizilianischen Pfandleiher die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.

Aber auch der Beistand seines wichtigsten einzelnen Geldgebers konnte Balz am Ende nicht retten. Sein persönliches finanzielles Engagement bei Windreich bezifferte Balz Mitte August in einem Interview mit FINANCE-Online auf 250 Millionen Euro.

Das dürfte nun unwiederbringlich verloren sein. Windreichs Gläubiger hingegen haben begründeten Anlass zur Hoffnung, dass in den begonnenen Großprojekten in der Nordsee genügend Wert schlummert, damit sie am Ende des Schutzschirms- beziehungsweise eines möglichen Insolvenzverfahrens wenigstens einen Teil ihrer Außenstände wieder hereinholen können. Windreich mag am Ende sogar eventuell überleben – Willi Balz’ Vermögen aber ist vom Winde verweht.

michael.hedtstueck(*)finance-magazin(.)de

Info

Lesen Sie in Teil 1 der letzten Tage von Windreich, wie Willi Balz auf den letzten Metern noch verzweifelt versuchte, Cash ins Unternehmen zu bekommen – und wie ein Großgläubiger seine Rettungsversuche scheitern ließ.

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Chronik: Der Aufstieg und Fall von Windreich

2010 und 2011: Windreich begibt zwei Mittelstandsanleihen im Volumen von 125 Millionen Euro. Mit dem Geld schiebt CEO Willi Balz große Windparkprojekte in der Nordsee an.

Mai 2012:Willi Balz trennt sich von seinem CFO Matthias Hassels und führt das Finanzressort fortan selbst.

Dezember 2012:Ex-Telekom-CFO Karl-Gerhard Eick beendet im Streit sein Beraterengagement bei Windreich. Wenige Tage zuvor senkte die Creditreform das WindreichRating auf BB+ – wegen „unzureichender Informationen“.

März 2013:Schwarzer Monat für Windreich: Die Staatsanwaltschaft durchsucht die Büroräume, und Willi Balz kann den Zinskupon einer seiner beiden Anleihen erst mit einigen Tagen Verspätung bezahlen.

September 2013: Windreich beantragt Gläubigerschutz, Willi Balz zieht sich zurück.

Alle Details zur Windreich-Story finden Sie in unserem ausführlichen Themendossier zu Windreich. 

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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