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Kanzlei Dechert: „Mittelstandsanleihen leiden unter massivem Reputationsverlust“

Die schlechten Nachrichten nehmen bei Mittelstandsanleihen zu.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Herr Friedl, Mittelstandsanleihen verzeichnen eine hohe Insolvenzquote. Lügen die Prospekte?
Die Prospekte geben durchaus das richtige Bild der Unternehmen wieder. Nicht umsonst werden sie von der BaFin geprüft. Der Prospekt ist das einzig Wahre, das der Investor bei seiner Kaufentscheidung in Händen halten kann, und bei Mittelstandsanleihen genau so wertvoll wie bei Aktienemissionen.

Inwiefern können die Parteien, die bei der Prospekterstellung beteiligt sind, in Haftung genommen werden?
Es gibt eine strenge Prospekthaftung für unvollständige und fehlerhafte Angaben, sowohl für das Unternehmen als auch für die an der Emission beteiligten Banken, Berater und Kanzleien. Gerade für Anwälte besteht ein Haftungsrisiko, da der Emittent Ansprüche der Investoren an diese weiterleiten kann. Der Käufer der Anleihe kann aber selbst keinen direkten Schadensersatz gegenüber Anwälten oder Beratern geltend machen.

Bei einigen Mittelstandsanleihen wird auch geprüft, ob Insiderhandel vorliegt.
Die Insidergeschäfte sind ein schwerer Verstoß gegen geltende Gesetze. Und sie zerstören das Vertrauen in die Handelbarkeit von Mittelstandsanleihen insgesamt. Das ganze Segment würde dadurch einen massiven Reputationsverlust erleiden.

Sollten die Mittelstandsanleihen anders strukturiert werden, beispielsweise immer besichert sein?
Die Anleihestruktur ist generell in Ordnung, nicht zuletzt, weil sie relativ einfach ist. Eine grundsätzliche Besicherung halte ich nicht für sinnvoll, da Mittelstandsanleihen dann wieder an Attraktivität gegenüber Krediten verlieren würden. Es gibt allerdings Ableger bei denen man sich fragen kann, ob sie richtig aufgesetzt wurden. Das zeigt die insolvente Immobiliengesellschaft WGF, bei der der Wert der Immobilien viel zu gering war, um die Forderungen aus der Anleihe abzusichern. Zudem handelte es sich hierbei eher um eine Projektfinanzierung als um eine Unternehmensfinanzierung.

Welche Regularien sollten ihrer Ansicht nach strenger sein?
Vor der Emission müssen die Unternehmen einen Prospekt erstellen. Nach der Platzierung aber kommunizieren die meisten Emittenten kaum noch mit ihren Investoren. Es existiert kein Frühwarnsystem für die Anleger. Vor allem gibt es keine strenge ad-hoc-Pflicht, deren Verletzung eine Schadensersatzpflicht gegenüber den Anleiheinhabern begründet. Das führt oft dazu, dass viele Emittenten ihr Geschäft einfach weiter betreiben, bis auf einmal der Ausfall der Anleihe droht. Die Börsen sollten ihre Regelwerke strenger gestalten, um Mittelstandsanleihen attraktiv zu halten, ohne Emittenten mit undursichtigen Geschäftsmodellen Zugang zu Kapital zu verschaffen, das sie sonst nicht erhalten würden.

Sollten die Covenants bei den Mittelstandsanleihen strenger sein?
Es bleibt jedem Emittenten selbst überlassen, sich strengere Covenants aufzuerlegen. Im Moment aber helfen auch strengere Covenants nicht bei der Platzierung. Emittenten machen sich vielmehr durch extrem hohe Kupons attraktiv. Da selbst bei einem hohen Kupon die Anleihe nicht immer vollständig platziert werden kann, zeigt das aber auch, dass die Investoren vorsichtiger geworden sind. Das ist ein gutes Zeichen. Der Markt wird erwachsen.

Werden sich die Mittelstandsanleihen als fester Bestandteil der Unternehmensfinanzierung etablieren?
Ich hoffe es. Es ist ein gutes Finanzierungsinstrument für Unternehmen, auch wenn in den Anfängen einige Fehler gemacht wurden. 2015 und 2016 steht die erste Refinanzierungswelle an. Dann wird sich herausstellen, ob das Segment überleben kann.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de

Info

Boom bei Mittelstandsanleihen
Nur wenige Jahre alt, boomt der Markt für Mittelstandsanleihen stärker, als selbst die kühnsten Optimisten erwartet hätten. Über 100 Mittelständler haben sich über eine Mittelstandsanleihe bereits Geld vom Kapitalmarkt besorgt, das Marktvolumen liegt im Milliardenbereich. Doch während der Markt immer weiter anzieht, wachsen auch die Zweifel an den Mittelstandsanleihen, und die Kritik wird lauter. Hoch verschuldete Emittenten, zunehmende Ausfälle und intransparente Bilanzen drohen, die Stimmung gegenüber Mittelstandsanleihen kippen zu lassen. Unsere Themenseite Mittelstandsanleihen bietet einen profunden Überblick über das noch junge Kapitalmarktsegment.

sabine.paulus@finance-magazin.de | + posts

Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.

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