Getting Deals Done

Abonnements

Startseite Finanzierungen Kapitalmarkt Boom am Schuldscheinmarkt geht weiter

Boom am Schuldscheinmarkt geht weiter

Der Automobilzulieferer Mann+Hummel hat mit seinem Mega-Schuldschein für Aufsehen gesorgt und das Gesamtvolumen am Markt ein Stück weiter nach oben geschraubt.
Mann+Hummel

Das Jahr 2015 hat am Schuldscheinmarkt auch zum Ende hin nichts an Spannung verloren. Der Automobilzulieferer Mann+Hummel sorgte im Oktober mit seiner Mega-Transaktion über 1,1 Milliarden Euro für einen Paukenschlag. Der Debütemittent reihte sich damit bei den ganz Großen ein – es ist das drittgrößte Schuldscheindarlehen aller Zeiten. Die Emission treibt auch das gesamte Volumen des Markts weiter nach oben.
  
„Es ist jetzt schon das zweit stärkste Jahr am Schuldscheinmarkt überhaupt“, sagt Alex Lembcke, der den Markt für den Datenanbieter Thomson Reuters beobachtet. „Bis zum Ende des Jahres könnte das Emissionsvolumen bei 17 oder 18 Milliarden Euro liegen.“  Nur das Krisenjahr 2008 war mit einem Volumen von mehr als 19 Milliarden Euro noch aktiver. Doch auch dieser Rekordwert könnte wackeln.

„Aktuell liegen wir mit rund 90 Deals bei einem Emissionsvolumen von mehr als 14 Milliarden Euro“, sagt Lembcke. „Weitere 1,6 Milliarden Euro sind in der Pipeline und sollen noch in diesem Jahr platziert werden.“ Und die 1,6 Milliarden Euro beziehen sich nur auf die geplanten Emissionsgrößen. „Wir haben in diesem Jahr bereits extreme Überzeichnungen gesehen, wenn das so weiter geht, könnten wir auch in diesem Jahr den Rekordwert knacken“, so Lembcke. Auch der Schuldscheinbanker Andreas Petrie von der Helaba rechnet mit einem starken Jahresendgeschäft. Petrie hatte erst kürzlich bei FINANCE-TV davon berichtet, dass die Dealpipeline für den Rest des Jahres gut gefüllt sei.

Extreme Überzeichnungen am Schuldscheinmarkt möglich

Eine dieser starken Überzeichnungen erlebte Anfang des Jahres der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen. Ursprünglich wollte das Unternehmen nur einen bestehenden Schuldschein über 400 Millionen Euro refinanzieren. Aufgrund des hohen Investoreninteresses sammelte das Unternehmen letztlich 2,2 Milliarden Euro ein und hat damit den größten Schuldschein eines Industrieunternehmens aller Zeiten platziert. Auch Mann+Hummel wollte ursprünglich nur 400 Millionen Euro einsammeln.

Allerdings können nicht alle Unternehmen mit so starken Überzeichnungen rechnen. Auch wenn der Schuldscheinmarkt aufgrund seiner Investorenstruktur, die unter anderem viele Sparkassen umfasst, sehr stabil ist, kann er sich der Volatilität der anderen Märkte nicht ganz entziehen. „Auch am Schuldscheinmarkt merkt man im schwierigeren Marktumfeld die Tendenz der Investoren zu Unternehmen mit gutem Namen und gutem Kreditprofil“, sagt Lembcke. „Finanziell schwächere Unternehmen erreichen im Moment keine so hohen Überzeichnungen“. Sie erreichen in der Regel allerdings ihr Zielvolumen.

Volatilität treibt Schuldscheinemissionen

Bei kleineren Unternehmen wird der Schuldschein als Konkurrenzprodukt zu Bankkrediten und Mittelstandsanleihen gesehen. Doch auch für größere Unternehmen hat die Finanzierungsform in den vergangenen Monaten an Attraktivität gewonnen. Wenn der Anleihemarkt zeitweise geschlossen ist oder das Preisniveau dort steigt, wird das Schuldscheindarlehen auch für Emittenten interessant, die sich sonst auch über eine Anleihe finanzieren könnten. Das zeigt auch das Rekordvolumen des Krisenjahrs 2008, in dem der Bondmarkt zeitweise komplett geschlossen war.

Der Verpackungshersteller Gerresheimer hätte sich beispielsweise über den Anleihemarkt finanzieren können. Ein externes Rating liegt vor, eine Anleihe gehört bereits zur Finanzierungsstruktur. Dennoch hat der Konzern im November den Schuldscheinmarkt angezapft. Die Schuldschein-Transaktion war überzeichnet, Gerresheimer stockte das geplante Volumen von 250 auf 425 Millionen Euro auf und will mit den Mitteln eine Brückenfinanzierung für einen M&A-Deal begleichen. Gerresheimer hat im September das US-Unternehmen Centor übernommen. 

Schuldscheinmarkt profitiert von M&A-Welle

Damit zeigt sich ein weiterer Treiber für den Markt: die starken M&A-Aktivitäten sorgen dafür, dass Unternehmen einen höheren Finanzierungsbedarf haben. Auch das österreichische Glücksspielunternehmen Novomatic hat im Oktober einen Schuldschein über 275 Millionen Euro platziert, wie die FINANCE-Schwesterpublikation DerTreasurer berichtete, und steckt gerade mitten in der Übernahme der teilstaatlichen Casino Austria.

Für das kommende Jahr rechnen Marktbeobachter weiter mit regem Interesse am Schuldschein als Finanzierungsform. Möglicherweise gewinnen mittelständische Unternehmen wieder einen größeren Anteil an den Aktivitäten, wenn sich der Anleihemarkt weiter beruhigt und größere kapitalmarktorientierte Unternehmen sich wieder häufiger für eine Bond-Finanzierung entscheiden. Die M&A-Welle wird jedenfalls auch 2016 noch für weiteren Bedarf an Schuldscheinen sorgen.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

+ posts

Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.