Die Marktvolatilität ist nicht der wahre Grund für den geplatzten Senvion-Börsengang, meint Michael Hedtstück.

Sascha Dus/Finance

16.03.16
Finanzierungen

Woran der Senvion-IPO wirklich gescheitert ist

Mit einer fast schon grotesk schwachen Begründung hat Senvion den geplanten Börsengang abgesagt. Das Problem sind nicht wie behauptet die Märkte – es geht um Vorstandschef Jürgen Geißinger.

Der Windanlagenbauer Senvion hat seinen für diesen Freitag geplanten Börsengang abgesagt. 600 bis 800 Millionen Euro sollte der IPO einspielen und damit einer der größten der vergangenen Jahre in Deutschland werden. Die Begründung, mit der Senvion den Deal abblies, ist so dünn wie banal. Angeführt wird „die jüngste Volatilität an den Märkten“, eine immer wieder gern genutzte Floskel bei gestoppten Kapitalmarkttransaktionen.

Doch selten hat diese Begründung so wenig verfangen wie jetzt bei Senvion. Seit der IPO-Ankündigung am 22. Februar hat sich der breite Aktienmarkt stetig nach oben bewegt, der Dax liegt heute 5 Prozent höher als damals. Auch aus der Windenergiebranche gab es keine negativen Signale, die Aktienkurse der beiden Senvion-Wettbewerber Nordex und Vestas haben sich stabil entwickelt.

Gleichzeitig konnte der Ölpreis deutlich zulegen – für Anbieter aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien eine positive Entwicklung. Und auch das überraschende geldpolitische Manöver der EZB aus der vergangenen Woche hat der Risikoneigung der Investoren gegenüber Corporate-Investments sicher nicht geschadet.

Kurzum: Alle ersichtlichen Ampeln an den Kapitalmärkten standen für den Senvion-IPO auf grün. Wenn Senvion tatsächlich so extrem auf ultra-stabile Marktverläufe angewiesen ist, wie das Unternehmen es uns allen glauben machen will, sollten die Hamburger besser einen besicherten Bond begeben. Aber dies würde dem PE-Investor Centerbridge natürlich nicht den (Teil-)Ausstieg aus seinem Investment ermöglichen, und darum geht es ja bei der ganzen Sache.

Auch zu niedrigeren Preisen wenig Nachfrage nach Senvion-Aktien

Was sind die wahren Hintergründe des Senvion-Rückzugs? FINANCE-Informationen zufolge eine stark ausgeprägte Zurückhaltung der Investoren gegenüber Senvion. Von Anfang an wollten sich die Orderbücher einfach nicht füllen. Senvion war offenbar sogar dazu bereit, die Preisspanne zu senken. Die Konsortialbanken starteten entsprechende Anfragen bei potentiellen Investoren. Doch selbst da wollte kaum einer zugreifen.

Senvion selbst gibt Hinweise, dass dies der eigentliche Grund für die Absage des Börsengangs ist. „Wir verfolgen den Börsengang zu den jetzigen Konditionen nicht weiter“, sagte eine Unternehmenssprecherin. Gänzlich abgeblasen sei das Vorhaben nicht. Mit einem erneuten Anlauf ist folglich zu rechnen, dann aber wahrscheinlich mit weniger Emissionsvolumen und deutlich niedrigerer Preisspanne.

Schaeffler-Vergangenheit holt Senvion-Chef Jürgen Geißinger ein

Ob Jürgen Geißinger dann erneut die Galionsfigur des Börsengangs sein wird? Im Herbst an Bord gekommen, sollte der erfolgreiche frühere Schaeffler-Chef in der Börsenstory eigentlich der Joker sein. Doch seine Vergangenheit ist nicht nur Nachweis seiner Eignung, ein Großunternehmen zu führen, sondern leider auch eine Hypothek. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Geißinger wegen des Verdachts auf Korruption. Es geht um angebliche Schmiergeldzahlungen in der Türkei während seiner Zeit bei Schaeffler.

Schaeffler wollte sich zu den Ermittlungen nicht äußern, gab aber an, Geißinger und weitere damalige Manager auf 13 Millionen Euro Schadensersatz verklagt zu haben. Ein Sprecher Geißingers beschwichtigt, es liege nur ein „niedrigschwelliger Anfangsverdacht“ vor, was auch immer das für eine juristische Kategorie sein mag.

Laut Senvion ist den Investoren diese Entwicklung bekannt gewesen, auch im Emissionsprojekt seien die Ermittlungen gegen den Vorstandschef aufgeführt gewesen, erklärte eine Senvion-Sprecherin. Dass die Causa Geißinger dann ausgerechnet gestern groß in der Finanzpresse lief, muss einen stutzig machen. So macht man eine Börsenstory toxisch – und einer schwächelnden Aktiennachfrage endgültig den Garaus. Die große Frage ist: Wollen interessierte Kreise nur den Preis der Senvion-Aktien drücken, oder führt hier jemand aus dem Hinterhalt eine private Fehde gegen Geißinger persönlich, um dessen Neustart als Top-Manager zu hintertreiben?

Jedenfalls droht der erhoffte „Quick Flip“ von Centerbridge – erst seit einem Jahr Haupteigentümer von Senvion – nun zu scheitern. Dies dürfte in Wahrheit weniger an einer nicht erkennbaren Marktvolatilität liegen, sondern eher an der unklaren Situation um den Vorstandschef. Solange die Rolle Geißingers bei der vermeintlichen Korruption in der Türkei nicht geklärt ist, wird Centerbridge vermutlich weiter auf „volatile Märkte“ treffen – jedenfalls in Bezug auf die Equity Story von Senvion. Der IPO-Versuch von Centerbridge kam schlicht und einfach zu früh.   

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de