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16.02.18
Finanzierungen

EZB greift bei Corporate Bonds weiter zu

Die EZB hat das Volumen ihrer Anleihekaufprogramme seit Anfang des Jahres zwar halbiert, doch Unternehmensanleihen sind davon kaum betroffen. Hier schlägt die Zentralbank nach wie vor als Großinvestor zu – vor allem bei den Neuemissionen.

Seit Anfang des Jahres pumpt die europäische Zentralbank mit ihren Anleihekäufen nur noch 30 statt wie bisher 60 Milliarden Euro in den Markt. Den Corporate-Bond-Markt trifft dieses eingeschränkte Volumen allerdings wenig, wie die neuesten Zahlen belegen. Im Januar kaufte die Zentralbank Unternehmensanleihen über rund 5,6 Milliarden Euro. Im zweiten Halbjahr 2017 variierten die monatlichen Kaufvolumina zwischen 3,1 und 7,7 Milliarden.

„Im Verhältnis zu den anderen Kaufprogrammen hat das Corporate-Bond-Programm sogar deutlich an Gewicht gewonnen“, kommentiert Marc Müller, Co-Head of European DCM bei der Deutschen Bank. „Die Zentralbank hat vor allem ihre Käufe von Staatsanleihen zurückgefahren“. Seit Beginn der EZB-Käufe entsprach das Volumen der gekauften Corporate Bonds (CSPP) rund 13 Prozent des Staatsanleihevolumens (PSPP). Im Januar stieg dieser Wert auf rund 27 Prozent an.

Spreads von Unternehmensanleihen weiter eingeengt

Überrascht hat den Experten die Entwicklung nicht, da das Corporate-Kaufprogramm als letztes gestartet wurde. „Wir erwarten daher auch, dass sich die Zentralbank hier am langsamsten zurückziehen wird.“

Dass die EZB weiterhin als Großkäufer am Markt mitmischt, zeigt sich auch bei der Entwicklung der Spreads. „Hier sehen wir in den vergangenen Wochen sogar eine weitere Einengung der Spreads“, berichtet Müller. Der EZB-Effekt, der nach Einschätzung der Deutschen Bank bei BBB-gerateten Anleihen mit fünfjähriger Laufzeit zwischen 10 und 15 Basispunkten ausmachen kann, wirkt also auch 2018 noch.

„Nach unserer Einschätzung wird es erst im zweiten Halbjahr wieder eine Ausweitung der Spreads geben“, prognostiziert Bondexperte Müller. Bei ihrer Sitzung im Juni könnte die EZB erste Details zum langsamen Auslaufen ihres Anleihekaufprogramms nennen, erwarten Volkswirte.

„Nach unserer Einschätzung wird es erst im zweiten Halbjahr wieder eine Ausweitung der Spreads geben“

Marc Müller, Deutsche Bank

Anleihemarkt resistent gegenüber Aktienturbulenzen

Die stabile Verfassung des Bondmarkts zeigt sich auch in der milden Reaktion auf die Börsenturbulenzen der vergangenen Wochen. Während Dow Jones & Co deutlich Federn lassen mussten, stieg bei den Anleihen zwar die Volatilität zeitweise an. „Das ging kurzzeitig auch mit einer Spread-Ausweitung einher“, erklärt Müller. Dann seien die Spreads aber auch zügig wieder zurückgegangen.
 
Das hohe Investorenvertrauen zeigt sich laut Müller derzeit nach wie vor in den langen Laufzeiten, die Unternehmen platzieren können: „Daran hat auch der kurze Börsenschock nichts geändert.“ Zwei Bondemissionen der vergangenen Woche bestätigten den Trend: der Schweizer Pharmakonzern Novartis brachte eine Anleihe über 20,5 Jahre, die Deutsche Bahn einen Bond mit mehr als 15 Jahren Laufzeit an den Markt.

EZB verstärkt Kauf von Neuemissionen

Mit dem ungebremsten Einsatz der EZB am Corporate-Bond-Markt werden auch wieder kritische Stimmen laut, die den Einfluss der Zentralbank als zu dominant betrachten. Die Marktmacht der Zentralbank habe viele Investoren, die auf Rendite angewiesen sind, in deutlich risikoreichere Anlagen verdrängt, lautet der gängigste Kritikpunkt.

41 Prozent der Corporate Bonds kaufte die Zentralbank im Januar am Primärmarkt.

Gerade am Primärmarkt dürfte es in den kommenden Wochen für Investoren noch schwieriger werden, in ausreichendem Maße bei den Neuemissionen zum Zuge zu kommen. Grund dafür ist, dass die EZB im Januar ihre Käufe am Sekundärmarkt zurückgefahren hat, dafür aber deutlich stärker am Primärmarkt auftritt. 41 Prozent der Corporate Bonds kaufte die Zentralbank im Januar am Primärmarkt. Laut einer Analyse der Deutschen Bank ist das der bisher höchste Wert.

Bondexperte Müller geht davon aus, dass sich diese Entwicklung auch in den kommenden Wochen fortsetzen wird. Ob die EZB ihre Käufe am Primärmarkt auf demselben Niveau halten kann, wird jedoch auch stark von den Emissionsaktivitäten abhängen.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de