FINANCE Transformation 2026: Kein Zurück zum „New Normal“

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Tobias Braun, CFO von Benteler. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto
Tobias Braun, CFO von Benteler. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Wer am 5. März 2026 den F.A.Z. Tower in Frankfurt betrat, spürte schnell, dass dieser Tag anders ist. Die dritte FINANCE Transformation versammelte rund 70 Branchenexpertinnen und -experten – und sie alle hatten eines gemeinsam: die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten nicht nur zu hören, sondern auch zu handeln.

Geopolitische Verwerfungen, Cyber-Bedrohungen, volatile Märkte, der Druck zur KI-Adoption und fundamentale Fragen der Unternehmensresilienz – die Agenda der FINANCE Transformation war eine Landkarte der Herausforderungen, vor denen Finanzverantwortliche heute stehen. Und sie zeigte: Diese Themen sind keine getrennten Baustellen. Sie bedingen und verstärken einander.

Christian Mölling: Sicherheit als neue Unternehmensrealität

Sicherheitsexperte Christian Mölling. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Selten beginnt eine Finanzkonferenz mit einem Vortrag über Kriegsszenarien und Sicherheitsgesetze. Doch Christian Mölling, ausgewiesener Sicherheitsexperte, lieferte genau das – und traf damit den Nerv des Tages. Seine Botschaft war so klar wie unbequem: Die geopolitische Instabilität ist kein vorübergehender Zustand, der sich wieder normalisiert. Sie ist die neue Baseline.

Mölling zeichnete eine Welt, in der Unternehmen längst Gegenstand politischer Konflikte geworden sind. Die Ökonomie werde politisch instrumentalisiert, um geopolitische Ziele durchzusetzen – mit direkten Auswirkungen auf Lieferketten, Personalplanung und Risikoexposition. Sein Appell an die Finanzentscheider im Saal: Sicherheitsgesetze im Blick behalten, bevor sie zur Pflicht werden. Sonst wird der IT-Leiter als Reservist eingezogen oder der Lkw-Fahrer aus Litauen muss nach Hause, sobald dort die Mobilmachungsgesetze greifen. Das klingt abstrakt – bis es passiert.

„Leben Sie mit dem Risiko. Es wird nicht mehr so werden wie es war.“

Christian Mölling, Sicherheitsexperte

Das Dreieck aus Risiko, Resilienz und Rendite, so Mölling, muss neu ausbalanciert werden. Maximale Risikovermeidung sei keine Option mehr – es gehe um optimale Risikoaufnahme. Ein Paradigmenwechsel, der viele CFOs noch beschäftigen wird.

Benteler, Varta, Deutz: Drei Transformationen, eine Botschaft

Teil der Veranstaltung waren auch drei Praxisberichte – mit einer gemeinsamen Lektion: Transformation gelingt nur, wenn man aufhört, sie zu verwalten, und anfängt, sie wirklich zu wollen.

Tobias Braun, CFO von Benteler, lieferte den vielleicht direktesten Beitrag des Tages. Der Automobilzulieferer hatte über Jahre mit Feigenblatt-Programmen auf sich ändernde Marktbedingungen reagiert – mit begrenztem Erfolg. Der Kurswechsel kam mit einer radikalen Restrukturierung: Standortschließungen, konsequente Einkaufsoptimierung, kein Schonen mehr. Das Credo: keine Ausreden, keine Ausnahmen. Das Ergebnis: ein dauerhaft verdoppeltes Ebitda.

KI-Implementierung beginnt bei Varta mit Kulturwandel

Sebastian Rudow, CTRO von Varta. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Varta-CTRO Sebastian Rudow rückte das Thema KI in ein realistisches Licht. Nicht als Wundermittel, sondern als Transformationsaufgabe, die tief in die Unternehmenskultur hineinreicht. Um KI wirklich produktiv zu machen, braucht es mehr als Technologie: angepasste Strukturen, neue Rollen, veränderte Prozesse. Aus dem Sachbearbeiter wird der KI-Controller – mit Kompetenzen in Prompting, Prozessdenken und Datenverständnis. Dieser Kulturwandel, so Rudow, ist die eigentliche Herausforderung – und sie beginnt, lange bevor die ersten messbaren Effekte sichtbar werden.

Oliver Neu, CFO von Deutz. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Oliver Neu, Finanzvorstand bei Deutz, erzählte schließlich die Geschichte eines Unternehmens, das sich neu erfinden muss: von einem klassischen Dieselmotorenhersteller zu einem Systemanbieter für nachhaltige Mobilitäts- und Energielösungen. Die Expansion in neue Segmente wie Service, New Technology, Energy und Defence erfordere nicht nur strategisches Denken, sondern ebenfalls kulturellen Wandel, Mut und vor allem: einen langen Plan. Sein Fazit: Ohne klare Werte ist selbst der beste Finanzplan am Ende nichts wert.

Carve-outs, Treuhand und die Kunst des Neuanfangs

Bernd Richter von Pluta. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Wer transformiert, kommt um das Thema Restrukturierung nicht herum. Bernd Richter von Pluta stellte ein Instrument vor, das in der Praxis nach wie vor unterschätzt wird: die Sanierungstreuhand als strategisches Werkzeug. Die temporäre Übernahme von Gesellschafterstellungen durch einen Treuhänder eröffnet in komplexen Restrukturierungssituationen Handlungsspielräume, die ohne dieses Instrument verloren gingen.

Alexandra Schluck-Amend von CMS. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Alexandra Schluck-Amend von CMS vertiefte das Thema mit einem Blick auf eines der komplexeren Sanierungsinstrumente: den Carve-out. Als Leiterin des Geschäftsbereichs Restrukturierung und Insolvenz kennt sie die Fallstricke – und sie nannte sie offen. Carve-outs sind kein Selbstläufer, aber in der richtigen Situation ein mächtiges Mittel zur Werterhaltung und strategischen Neuausrichtung.

Die menschliche Seite der Transformation

Stefan Bauerreis von Mann + Hummel (r.) und Julian Drellmann von FTI-Andersch. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

In den parallel stattfindenden Sessions zeigte die FINANCE Transformation, dass Transformation nie nur eine Frage der Zahlen ist. Stefan Bauerreis von Mann + Hummel und Julian Drellmann von FTI-Andersch diskutierten, was einen gelungenen CFO-Start wirklich ausmacht: klares Priorisieren in den ersten 100 Tagen, frühes Vertrauen – intern wie extern – und die Fähigkeit, typische Krisenmuster zu erkennen, bevor sie eskalieren.

Die Personal-Branding-Expertin Marina Zayats. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Die Personal-Branding-Expertin Marina Zayats von Schaffensgeist öffnete einen weiteren Blickwinkel: Wirkung und Glaubwürdigkeit als Führungsinstrument. In Zeiten der Unsicherheit entscheide nicht nur, was ein CFO sagt – sondern wie es wirkt. Authentische Kommunikation sei keine Soft-Skill-Übung, sondern ein strategisches Mittel, um in turbulenten Phasen Orientierung zu geben.

Resilienz ist kein Krisenreflex, sondern Wettbewerbsvorteil

Die Diskussionsrunde am Nachmittag vereinte Franziska Biehl von der ING, Sebastian Rudow von Varta, den Chief Restructuring Officer Robert Simon und Natalie Venc von Eurazeo. Sie vertraten eine gemeinsame These: Resilienz ist kein reaktiver Zustand, der in der Krise aktiviert wird – sie ist eine dauerhafte strategische Kapazität, die täglich aufgebaut werden muss.

Die Diskussionsrunde mit Sebastian Rudow, CTRO bei Varta (v.l.n.r.), CRO Robert Simon, Managing Director Natalie Venc von Eurazeo und Volkswirtin Franziska Biehl von der ING. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

An die Finanzentscheider im Saal richteten die Podiumsteilnehmenden eine klare Botschaft: „Schauen Sie auf die Qualität des Planungssystems!“ Wer nur Vergangenheitswerte fortschreibe, habe keine Vorstellung davon, was morgen kommen könnte.

KI als strategische Priorität

Den Abschluss übernahm Hamidreza Hosseini, Gründer und CEO von Ecodynamics, mit einer Keynote, die die Ereignisse des Tages in eine strategische Perspektive setzte. Generative KI, so Hosseini, ist kein IT-Thema, das delegiert werden kann. Sie verändert Geschäftsmodelle und Wettbewerbsdynamiken in einem Tempo, das viele Unternehmen noch immer unterschätzen.

Hamidreza Hosseini von Ecodynamics. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Sein Appell war unmissverständlich: CFOs, die KI an die Technikabteilung abgeben, riskieren, in drei bis fünf Jahren vor vollendeten Tatsachen zu stehen. Die Chancen sind real, die Risiken bekannt – und die nächsten Schritte der digitalen Transformation werden über Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Jahren entscheiden. Wer heute nicht investiert, zahlt morgen einen deutlich höheren Preis.

Networking: Das Gespräch jenseits der Agenda

Networking außerhalb der Sessions. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Zwischen den Sessions entstand das, was keine Agenda erzwingen kann: ehrliche Gespräche unter Peers. Die FINANCE Transformation schuf Raum für den direkten Austausch zwischen CFOs und Entscheidern, die alle mit denselben Fragen ringen: Wie viel Risiko ist tragbar? Wo beginnt echte Resilienz? Und wie führt man in einer Welt, die sich nicht mehr beruhigt?

Organisiertes Speed Networking. Foto: F.A.Z. Business Media GmbH/Dirk Beichert BusinessPhoto

Die FINANCE Transformation 2026 hat eines eindrucksvoll demonstriert: Wer als CFO heute Wirkung entfalten will, muss weit über die klassische Finanzbrille hinausschauen. Sicherheitspolitik, Resilienz und technologischer Wandel sind keine getrennten Agendapunkte – und der Kompass für die Arbeit der nächsten Jahre.

Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.