Stefan Fromme von VC Trade will mit Banken zusammenarbeiten – diese brächten durchaus einige sehr wichtige Punkte in Transaktionen ein, findet er.

VC Trade

14.01.19

„Wir setzen voll auf die Zusammenarbeit mit Banken“

Für mehr Effizienz und Transparenz im Corporate-Finance-Bereich wollen Stefan Fromme und Sebastian Glock als Co-Founder von VC Trade sorgen. Im Interview berichten sie, wie sie die Emission von Schuldscheinen effizienter machen wollen und was die Banken zu ihren Plänen sagen.

Herr Fromme, Herr Glock, welche Expertise hat Ihr Gründerteam, und wie sind Sie finanziert?

Wir haben ein breites Erfahrungsspektrum: ein Corporate Banker, ein Bankenberater mit dem Fokus IT und ein auf den Kapitalmarkt spezialisierter Rechtsanwalt. Darüber hinaus sind einige geniale Informatiker-Kollegen der ersten Stunde Teil des Teams. Unser Unternehmen haben wir mit unserem eigenen Geld aufgebaut und brauchen bislang kein externes Kapital. Das verschafft uns unternehmerische Freiheit und Geschwindigkeit in Entscheidung und Umsetzung.

Wie kamen Sie auf Ihre Plattform-Idee?

Wir haben vor einigen Jahren beobachtet, dass das Bankgeschäft sich unaufhaltsam in Richtung Digitalisierung und Transparenz entwickelt, die Banken sich selbst damit aber noch schwertaten. 2016 wurden Banken gerade mit Blick auf die Abschlusskosten in Kreditverträgen mit verstärkten Transparenzanforderungen konfrontiert. Wir haben dann eine Long List mit Ideen und eine Short List mit möglichen Produkten erstellt. Schließlich haben wir uns dann für eine Corporate-Finance-Plattform entschieden, die zwei Kernelemente als Leitlinie aufweist: Effizienz durch Digitalisierung und Transparenz für alle Beteiligten.

„Es findet in der Breite ein Umdenken statt.“

Stefan Fromme, VC Trade

Was hat Sie vermuten lassen, dass Banken Interesse an Transparenz haben könnten?

Das ist eine wichtige Frage. Viele haben die Notwendigkeit bereits verstanden, andere befinden sich mitten in Evaluations- und Umsetzungsprozessen, einige sind noch etwas zögerlich. Es findet aber in der Breite ein Umdenken statt. Die Banken wollen ihre Kundenbeziehungen halten und pflegen. Das funktioniert nur durch eine Begegnung auf Augenhöhe, auch was den Zugang zu Informationen angeht.

Was heißt das konkret?

Dazu gehört im Kapitalmarktgeschäft vor allem, Einblick zu geben: Wie sehen die Orderbücher aus? Wie tief ist der Markt? Warum kommt eine Order nicht zu Stande, wie wird der Preis generiert?

Banken bringen hohe Prozesssicherheit mit

Da wird doch Herrschaftswissen weggegeben, das einen Preis hat …

Schon, aber diese Informationsasymmetrie kann nicht bestehen bleiben. Banken werden in Zukunft andere Ertragsquellen generieren. Am Kapitalmarkt wird heute zum Teil noch sehr manuell und damit oft ineffizient gearbeitet. Der Schuldschein zum Beispiel wird in einer Art „Manufaktur“ begeben. Die Abläufe sind zwar eingeübt, die Teilnehmer sprechen miteinander, aber es ist wenig automatisiert. Damit bestehen teure, ineffiziente Prozesse. Wir verschlanken diese deutlich. Seit 2016 haben wir ein transparentes Handelssystem entwickelt, das außerhalb einer Bank verfügbar ist. Mit dem Corporate-Schuldschein haben wir den ersten Business Layer live genommen.

Wie positionieren Sie sich damit gegenüber den Banken?

Wir setzen voll auf die Zusammenarbeit mit Banken. Die Emittenten wollen nämlich unserer Erfahrung nach gar nicht selbst und direkt die gesamte Kommunikation mit den Investoren führen – schon gar nicht in schwierigen Marktphasen. Die Bank kann alle Schritte einer Emission professionell beraten und begleiten. 

„Es bestehen teure, ineffiziente Prozesse.“

Sebastian Glock, VC Trade

Wir sehen uns als Enabler für alle Beteiligten im Markt und ersetzen Banken nicht. Das hat zum einen regulatorische Gründe, zum anderen aber wollen die Kunden auch nicht das Risiko einer Emission alleine tragen. Aus unserer Sicht können Banken einige Dinge sehr gut, zum Beispiel Risiken messen, bewerten und transparent machen. Außerdem ist die Prozesssicherheit der Banken extrem hoch, was für Emittenten wie Investoren gleichermaßen wichtig ist. 

Wieviel Maßanzug bieten Sie den Banken?

Grundsätzlich ist unsere Plattform als Web-Applikation gebaut und damit für alle gleichermaßen leicht zugänglich und nutzbar. Aber wir bieten Customising im Transaktionshandling und in der Abwicklung: Die Banken können zum Beispiel Kundendaten individuell anlegen und den Kunden auch einem Sales-Mitarbeiter direkt zuweisen. Damit erlauben und ermöglichen wir die automatische Integration in die Banksysteme.  

Arrangeure zahlen für Plattformnutzung

Wie grenzen Sie sich von den bankeigenen und den unabhängigen Plattformen ab?

Grundsätzlich gilt: Wettbewerb belebt das Geschäft. Die proprietären Systeme der Banken sind nach unserem Eindruck im Wesentlichen ein neues Medium des bisherigen telefonischen Vertriebs. Das wird es vermutlich immer geben. Bankenunabhängige Plattformen haben ihre Daseinsberechtigung, das ist aber ein gänzlich anderer Business Case. Am Ende erfüllen diese Plattformen eher eine klassische Maklerfunktion, Wertschöpfungstiefe und Mehrwerte für die Marktteilnehmer sind dabei naturgemäß begrenzt. Vor allem aber ist es aus unserer Sicht nicht sinnvoll, die Banken auf die Rolle als Zahlstelle zu reduzieren und die sonstigen transaktionswichtigen Leistungen und Mehrwerte von Banken herauszuschneiden wie Beratung in der Strukturierung, Risikoübernahme und Transaktionssicherheit, Underwriting, Handling von Investorenfragen etc. Nur zur Klarstellung: Wir sind ebenfalls eine unabhängige Plattform, wir versuchen nur nicht, die Banken ohne Not und unter Verzicht auf die unbestreitbaren Vorteile einer Bankbegleitung aus dem Prozess zu drängen.

„Es ist nicht sinnvoll, die Banken auf die Rolle als Zahlstelle zu reduzieren.“

Stefan Fromme, VC Trade

Was kann Ihre Plattform?

Wir konzentrieren uns nicht auf einzelne Elemente, sondern auf die gesamte Wertschöpfungskette: Mandatierung, Strukturierung, rechtliche Begleitung, Term Sheet, Dokumentation und Dokumentenaustausch, Soft und Firm Commitments, Pricing, Settlement, Anlieferung der Daten an die Zahlstelle und die Integration ins Back-End der Transaktionsbeteiligten. 

Wir sind ein One-Stop-Shop und lösen die bislang gängigen Prozesse größtenteils ab – damit sind wir quasi ein Reisebüro für den Kapitalmarkt, und zwar all inclusive.

Wer zahlt dafür?

Ausschließlich der Arrangeur. Der Emittent muss nicht einmal den Nutzungsvertrag für VC Trade unterzeichnen. Wir wollen ja die Rolle des Arrangeurs aus den genannten Gründen stärken, der Emittent hat Leserechte und Kommunikationsmöglichkeiten und damit vollen Zugriff auf die Plattform und seine Transaktionen. Er muss diese aber nicht „bedienen“, diese Arbeit nimmt ihm nach wie vor der Arrangeur ab. Das hat sich sehr bewährt.

VC Trade hat 180 Investoren auf der Plattform

Kann ein erfahrener Emittent mit zwanzig Schuldschein-Emissionen auf dem Buckel über Ihre Plattform selbst emittieren?

Nein. Der Emittent geht weiterhin zu seiner Bank, weil sich die Vorteile der Begleitung durch eine Bank auch beim einundzwanzigsten Mal nicht „abnutzen“. Jede Transaktion ist den Widrigkeiten des Marktes und aktuellen Ereignissen ausgesetzt, unabhängig davon, wie erfahren das emittierende Unternehmen ist. Eventuell wird ein solcher Emittent mit dem Arrangeur eine geringere Fee vereinbaren, weil er nur einen Teil der Dienstleistung abfragt, aber da halten wir uns raus.

Befüllen Sie die Plattform ausschließlich mit Hilfe der Banken?

Wir gehen zum Teil selbst direkt auf Emittenten zu. Das Thema Digitalisierung steht für viele Corporates ganz oben auf der Agenda. Und natürlich möchten wir die CFOs und Treasurer für unsere Plattform begeistern, damit sie auch ihre begleitenden Arrangeure motivieren, VC Trade aktiv zu nutzen, sofern diese uns nicht ohnehin schon kennen. Die großen Banken fassen Transaktionen unter 80 Millionen Euro heute kaum an. VC Trade ist aber auch perfekt für kleine Tranchen geeignet, um punktuell zugeschnitten auf den Liquiditätsbedarf emittieren zu können. 

Was sehen die Banken von den Transaktionen eines anderen Hauses?

Nichts, wenn sie nicht Co-Arrangeur sind. Allerdings hat jeder Arrangeur Zugriff auf die komplette Investorenlandschaft, was für uns zu Beginn mühsam zu erklären war. Aber die schiere Zahl besticht: Wir haben bereits über 180 Investoren auf unserer Plattform.

„Große Banken fassen Transaktionen unter 80 Millionen Euro kaum an.“

Sebastian Glock, VC Trade

Welche Investorentypen haben Sie?

Etwa ein Drittel sind Sparkassen, ein Drittel andere Banken, dann noch einige der klassischen Kapitalverwahrstellen sowie diverse internationale Banken und Versicherungen.

Sie sehen sich als Plattform für Corporate Finance. Da muss doch noch mehr passieren als die Emission von Schuldscheinen …

Das stimmt. Wir arbeiten mit Hochdruck an einem Sekundärmarkt auf der Plattform und der Abbildung von Reverse-Inquiry-Transaktionen, außerdem nehmen wir als nächstes syndizierte Kredite mit auf.

Syndizierte Kredite als nächster Schritt

Welches Interesse sollen Banken daran haben, syndizierte Kredite über eine Plattform laufen zu lassen?

Wir haben konkrete Anfragen, zum Beispiel von Volksbanken und Sparkassen. Deren größte Kunden sind ihnen eigentlich „über den Kopf gewachsen“, was den Finanzierungsbedarf angeht. Über unsere Plattform können sie diese stark wachsenden Unternehmen aber weiterhin bedienen. Wir unterstützen diese Banken damit ein Stück weit bei der Realisierung solcher Finanzierungen, etwa verbundintern syndizierten Transaktionen, die aufgrund ihres Volumens andernfalls notgedrungen zu anderen Banken abwandern würden. Aber auch internationale Geschäftsbanken haben starkes Interesse an einer Begebung syndizierter Kredite über unsere Plattform signalisiert – sie sehen Effizienz-, Kosten- und Geschwindigkeitsvorteile.

Wo sehen Sie aus Plattformsicht Parallelen, wo Unterschiede zum Schuldscheinmarkt?

Im Syndizierungsmarkt hat die Verhandlung von Dokumenten sehr viel mehr Gewicht, dafür entwickeln wir gerade ein Modul. Natürlich ist auch die Zahl der involvierten Kreditgeber deutlich geringer. Ansonsten sind die Unterschiede nicht sehr groß. Im Fokus steht auch hier der Austausch und die Verhandlung von Dokumenten mit dezidierten Zugriffsrechten und die Ablösung manueller Prozesse, mit anderen Worten: hier können wir sehr gut unterstützen.

Interesse am Anleihemarkt

Der Markt ist auf der Bankenseite doch viel kleiner und viel stärker von persönlichen Beziehungen geprägt als der Schuldscheinmarkt …

Das ist wahr. Wir sehen uns daher auch nicht bei den Jumbo-Transaktionen, sondern eher bei kleinteiligeren Finanzierungen beziehungsweise bei Finanzierungen über Häuser, die das syndizierte Kreditgeschäft nicht als absolutes Kerngeschäft betreiben. Natürlich sind auch die Gebühren in diesem Marktsegment niedriger als bei Schuldscheinen. Dafür ist der Markt riesig.

Sie haben Anleihen noch nicht erwähnt …

Der Schuldscheinmarkt wächst international, da gibt es für uns noch viel Potential. Aber natürlich ist der Anleihemarkt auch spannend. Wir können uns gut vorstellen, kleinere Private Placements zu organisieren. Der Prozess verläuft wiederum ein wenig anders, ist aber für uns ein logischer weiterer Schritt.

Dieses Interview ist Teil der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“, die FINANCE gemeinsam mit ING und CMS veröffentlicht. Die Ergebnisse veröffentlichen wir in drei Teilen in unserem Online-Themenspecial Fintechs.

Die Vorgängerstudie „Gegner, Helfer, Partner: Fintechs und das Firmenkundengeschäft der Banken“ können Sie hier beziehen. Ab Ende Januar 2019 finden Sie dort auch die vollständigen Ergebnisse der Studie „Liebe auf den dritten Blick: Wie Firmenkunden-Fintechs und Banken zusammenfinden“.