Die Automotive-Branche und ihre Zulieferer waren schon vor der Coronakrise angeschlagen, zeigt der Restructuring Score von Kearney. Die Perspektiven sind düster.

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18.08.20

Krisenbranchen haben Corona wenig entgegenzusetzen

Bereits zu Jahresbeginn hatten die Krisenzeichen in Branchen wie Automotive deutlich zugenommen. Viele Unternehmen gingen dadurch stark geschwächt in die Coronakrise – und können nun kaum gegenhalten.

Die Coronavirus-Pandemie hat viele Unternehmen in einer Phase erwischt, in der sie ohnehin bereits stark angeschlagen waren. Das ist das Ergebnis des „Restructuring Score“ der Unternehmensberatung Kearney, dessen Ergebnisse FINANCE exklusiv vorab vorliegen. Demnach wiesen bereits zum Jahreswechsel unter mehr als 1.000 europäischen Unternehmen mit umgerechnet mehr als 1 Milliarde US-Dollar Umsatz mehr als die Hälfte eindeutige Krisenanzeichen auf.

Der Score beurteilt die Unternehmen auf einer Skala von 1 (keine Krisensymptome) bis 4 (starke Krisensymptome), ein Wert über 2,50 gilt als kritisch (Details zur Systematik finden Sie in der Infobox am Ende dieses Artikels). Basis der aktuellen Auswertung waren die Jahresabschlüsse 2019 sowie die Berichte zum ersten Quartal 2020.

Die Unternehmensberater beobachten, dass die Krisenanzeichen gegenüber Juli 2019 sektorenübergreifend zugenommen haben – ein besorgniserregender Effekt, da die Folgen der Coronakrise in den nun betrachteten Zahlen noch nicht einmal erfasst sind. „Viele Unternehmen sind bereits vor Corona in schwierigere Fahrwasser geraten, die Pandemie erwischt sie nun in einer ohnehin schon heiklen Phase“, sagt Kearney-Partner Nils Kuhlwein. 

Schwere Ausgangslage für Luftfahrt

Besonders deutlich wird die prekäre Ausgangslage im Sektor „Automobil, Industriegüter und Industriedienstleistungen“, zu dem Kearney zufolge rund 40 Prozent aller betrachteten Unternehmen zählen. Der Sektor weist europaweit insgesamt einen Restrukturierungsscore von 2,53 aus und liegt damit nach Analyse der Jahresabschlüsse und Q1-Zahlen schon im kritischen Bereich. Im Oktober 2019 hatte die Branche mit einem Wert von 2,46 noch knapp im unkritischen Bereich rangiert. 

Innerhalb dieses Sektors ist der Bedarf zur Restrukturierung bei Luftfahrtunternehmen besonders groß – ihr Wert liegt bei 2,76. Eine weitere Verschlechterung ist absehbar: Die Effekte des wochenlangen Lockdowns, der den Luftverkehr weitgehend zum Erliegen gebracht hat, sind in den aktuellen Score noch nicht eingeflossen. 

Und auch in den Jahres- und Quartalsberichten der Automobilzulieferer mehrten sich bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie die Krisenzeichen: Der Restrukturierungswert der Zulieferer kletterte seit dem vergangenen Herbst deutlich von 2,29 auf 2,60. Stufte die Analyse im Oktober 2019 bereits 45 Prozent der Unternehmen im kritischen Bereich ein, sind es in der aktuellen Studie sogar schon 60 Prozent. Auch hier erwarten die Autoren einen weiteren Anstieg. „Durch strukturelle Veränderungen waren viele Automotive-Unternehmen ohnehin stark unter Druck geraten. Corona beschleunigt diese Entwicklung nun“, sagt Kuhlwein. 

Wer profitiert von Corona?

Auch die Unternehmen des Bereichs Konsumgüter und Handel sind in den zurückliegenden Monaten in den kritischen Bereich gewechselt: Ihr Score liegt auf Basis der Q1-Zahlen bei 2,56, nach einem Wert von 2,41 im Oktober 2019.

Besonders deutlich verschlechtert hat sich gegenüber der vorherigen Analyse die Lage der Unternehmen im Gesundheitssektor: Waren sie im Herbst mit einem Wert von 2,31 noch ein Stück vom kritischen Bereich entfernt, stieg der Restructuring Score auf Basis der Jahres- und Quartalszahlen nun auf 2,51.

Die Verschlechterung beruht Kuhlwein zufolge jedoch auf einem technischen Effekt: Der Restructuring Score benchmarkt die Unternehmen eines Sektors etwa bei der Entwicklung des Ebitda oder der Aktien-Performance gegen internationale Wettbewerber. Wenn sich die europäischen Unternehmen des Gesundheitssektors neutral oder sogar leicht positiv entwickeln, die Performance der Wettbewerber in Asien und den USA jedoch deutlich darüber liegt, hat dies negativen Einfluss auf die Ebitda- und Performance-Scores der europäischen Unternehmen. „Dieser Effekt sollte sich in den zukünftigen Scores angleichen“, erwartet Kuhlwein. Die Corona-Pandemie werde dazu beitragen, dass sich der Gesundheitssektor weltweit insgesamt positiv entwickle. 

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Eine leichte Verbesserung beim Krisenindikator konnte zwischen Herbst und Frühjahr der Sektor „Kommunikation, Medien und Technologie“ vorweisen: Der Restructuring Score verbesserte sich im Sektor insgesamt von 2,59 auf 2,55 – allerdings dürften die Corona-Folgen diese Erholung wieder zunichtemachen.

Ohnehin trifft der Effekt nicht alle Branchenunternehmen gleichermaßen: Während einzelne Equipment-Anbieter der Analyse zufolge vom Megatrend Digitalisierung profitieren und damit den Score senken, ist die Lage bei Medienunternehmen mit einem Restructuring Score von 2,81 deutlich angespannter. Selbst Telekommunikationsanbieter stehen vor Herausforderungen, auch wenn sie von der Coronakrise weniger getroffen sind als Unternehmen anderer Branchen: „Auf sie kommen hohe Infrastrukturausgaben für die 5G-Technologie zu, die für weitere Belastungen sorgen werden“, erwartet Kuhlwein. 

Viele DACH-Unternehmen kriseln

Nach Ländern betrachtet liegt der Restructuring Score für Deutschland bei 2,76 – das ist der dritte Rang hinter Finnland (2,85) und Spanien (2,83). Für die DACH-Region liegt der Wert bei 2,69. Insgesamt zeigen Kearney zufolge mehr als 60 Prozent der 203 analysierten Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz deutliche Krisensymptome. Außerhalb der DACH-Region sind es gut 50 Prozent.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Die Methodik der Studie

Die Unternehmensberatung Kearney analysiert für ihren „Restructuring Score“ regelmäßig die Entwicklung von mehr als 1.000 europäischen Großunternehmen mit einem Jahresumsatz von umgerechnet mehr als 1 Milliarde US-Dollar. In den Score fließen individuelle Finanzkennzahlen des Unternehmens ein, darunter Umsatz, Ebit oder Cashflow. Auch Managementwechsel, Umstrukturierungen, Rating-Downgrades und Analysteneinschätzungen werden erfasst. 


Die Kriterien werden auf einer Skala von 1 bis 4 erfasst. Ein Wert unter 2,50 gilt dabei als unkritisch, zwischen 2,50 und 3,25 bewertet Kearney die Signale als „kritisch“, darüber sogar „sehr kritisch“.