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Bläsi: „Auch Ratingagenturen Reifezeit zugestehen“

Ekosem Agrar-CFO Wolfgang Bläsi
Gregor Veauthier

Herr Bläsi, Sie sind mit drei voll platzierten Mittelstandsanleihen der ungekrönte König des noch  jungen Marktsegments. Wie sehen Sie derzeit den Markt nach der Pleite von Windreich?
In dem noch immer jungen Markt der Mittelstandsanleihen ist jede solche Nachricht nicht nur eine schlechte Nachricht für die Anleihegläubiger dieses Unternehmens, sondern eine Erschütterung des gesamten Segments. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass dieses Segment sowohl für Unternehmen als auch Investoren sehr wichtig ist und alle Beteiligten sollten damit verantwortungsvoll umgehen.

Was denken Sie, wenn eine Anleihe wie MS Deutschland von der Ratingagentur Scope gleich um vier Notches heruntergestuft wird, von A auf BBB-.
Ich habe die Zahlen von MS Deutschland weder zur Emission noch aktuell genauer angeschaut. Was mich bei der Emission schon irritiert hat war, wie man von einem sehr schlechten Unternehmensrating auf Basis des Gutachtens eines Ingenieursbüros zu einer A – Bewertung der Anleihe kommt.

Ist das noch seriös?
Wie für das gesamte Anleihesegment würde ich grundsätzlich auch den Ratingagenturen eine gewisse Reifezeit zugestehen wollen. Allerdings wird die Glaubwürdigkeit durch solche Aktionen nicht gerade befördert.

Als einer der wenigen deutschen CFOs bieten die Mittelstandsanleihen für Ihre deutsch-russischen Unternehmen Ekosem Agrar und Ekotechnika tatsächlich Kostenvorteile gegenüber dem Kreditmarkt. Was müssten Sie dafür bei russischen Banken bezahlen?

Euro-Bankfinanzierungen in Russland bewegen sich in einer Größenordnung von 12 Prozent.

Dann haben Sie ja eine Zinsdifferenz bei den emittierten 170 Millionen Euro von ca. 5 Millionen pro Jahr. Das können nicht viele CFOs, die Mittelstandsanleihen begeben haben, behaupten. Lohnt sich die Emission auch noch angesichts von All-In-Emissionskosten von 3,5 bis 4 Prozent pro Bond, oder sprechen noch andere Gründe aus Ihrer Sicht für Mini-Bonds?
Wie bei jeder Finanzierung sind die absoluten Kosten natürlich ein wichtiges Kriterium. Weitere Kriterien sind Diversifizierung – sich nicht nur von Banken abhängig zu machen, was aus meiner Sicht ein ganz zentrales Element ist. Die Frage von Laufzeiten, Covenants aber auch positive Außenwirkung der Notiz einer Anleihe, mit der man ja auch in der öffentlichen Wahrnehmung steigt. Schließlich – in unserem Fall – sind die Anleihen sicherlich auch erste Schritte am Kapitalmarkt, denen in der Zukunft weitere Schritte folgen könnten.

Zuletzt war die Anleihe der Ekotechnika durch Kursschwankungen aufgefallen. Was ist da los?

Die Technikanleihe ist tatsächlich etwas unter Druck. Es gab letzte Woche eine Veröffentlichung von einem russischen Marktforscher. Dieser hat signifikante Einbrüche der Verkaufszahlen von großen Traktoren und Mähdreschern gezeigt – wir haben in fast allen Bereichen Wachstum, allerdings ist aufgrund der Nervosität der Investoren glaube ich schon die Tatsache, dass der Kurs nachgibt, ein Verkaufssignal – auch wenn es keine fundamentalen Daten gibt.

Sie sind seit 2010 im Unternehmen. Eine wichtige Voraussetzung für die Kapitalmarktfähigkeit von Ekosem und zugleich eine Ihrer ersten Projekte war die Einführung von IFRS. Welche Hürden waren zu bewältigen und wie bewerten Sie die Vorräte?

Die grundsätzlichen Schwierigkeiten bestehen darin, dass es nicht viele landwirtschaftliche Unternehmen – in der Urproduktion – gibt, die in eine solche Größenordnung vorstoßen, dass die IFRS angewendet werden. In Westeuropa sind die Betriebe von wenigen Ausnahmen abgesehen viel kleiner. In Amerika sind die IFRS nicht besonders verbreitet ebenso wie in Osteuropa oder Asien. Insofern gibt es auch wenige Praxisbeispiele.  Daraus ergibt sich, dass das Praxiswissen zur Landwirtschaft innerhalb der IFRS – Community überschaubar ist. Und schließlich hat man es im Pflanzenbau ebenso wie in der Tierhaltung mit teilweise lebendem Vermögen zu tun, das nicht immer an einem öffentlichen Markt gehandelt wird – somit ist die Ermittlung eines Fair-value zu einem Stichtag immer eine gewisse Herausforderung.

Die Vorratsbewertung von fertigen Erzeugnissen, die zum Verkauf bestimmt sind, ist vergleichsweise einfach, weil es für Weizen beispielsweise einen klaren Marktpreis gibt. Schwieriger ist die Bewertung von Silage – die bei uns einige Millionen Euro ausmacht. Hier arbeiten wir beispielsweise mit Rechenmodellen auf Basis von Eiweiß- oder Stärkegehalt. Jeweils am Bilanzstichtag erfolgt so eine komplette Bewertung dieser pflanzlichen Erzeugnisse ebenso wie der Milchviehherde, der weiblichen Nachzucht und der Bullen, die für die Fleischproduktion bestimmt sind.

2012 haben Sie in zwei Mini-Bonds 110 Millionen Euro emittiert, den Sie zum Ausbau des russischen Milchgeschäfts verwenden. Den Erlös haben Sie teils zur Refinanzierung von Schulden teils für Investitionen verwendet. Das Geld ist schon ausgegeben für neue Ställe, Land und die Anschaffung von Jungtieren. Ich konnte mich davon selbst überzeugen. Sie stocken den Tierbestand derzeit gerade dramatisch auf. Bald wollen Sie 30.000 Kühe haben. Wie ist der Stand?
Wir sind in den letzten Jahren kontinuierlich dabei, unsere Produktionskapazitäten auszubauen. Aktuell sind sechs neue Milchviehanlagen in unterschiedlichen Stadien im Bau. Die Gesamtkapazität dieser sechs Anlagen bei Vollbelegung beläuft sich auf ca. 12.000 Kühe. Wir gehen heute davon aus, dass diese Anlagen bis Ende nächsten Jahres fertiggestellt sind und spätestens in 2015 dann auch ausgelastet.

marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de

Lesen Sie morgen in Teil 2 des FINANCE-Interviews, wie Wolfgang Bläsi die Börsenpläne von Ekosem Agrar vorantreibt. Eine ausführliche Reisereportage über Ekosem Agrar finden Sie in der aktuellen Ausgabe von FINANCE.

Info

Ekosem Agrar

Die Ekosem Agrar ist die deutsche Holding des russischen Agrarkonzerns Ekoniva. Rund 185.000 Hektar Ackerland bewirtschaftet der Konzern, 100.000 davon in Eigenbesitz. Die sechs Höfe befinden sich in der Gegend Kaluga im Westen Russlands und in Nowosibirsk und konzentrieren sich auf Woronesch. Derzeit liegt der Bestand an Milchkühen bei rund 18.000, wird aber bis 2015 auf 30.000 anwachsen. Für 2013 strebt Ekosem einen Unternehmensumsatz von 100 Millionen Euro an bei einer Leistung von rund 120 Millionen Euro.

2012 fiel Ekosem mit der Platzierung von zwei Mittelstandsanleihen über insgesamt 110 Millionen Euro am Stuttgarter Segment BondM auf. 2013 folgte über das nicht konsolidierte Schwesterunternehmen EkoTechnika eine weitere Emission zur Finanzierung des Landmaschinenhandels.

Info

CFO Wolfgang Bläsi

Der 45-jährige Wolfgang Bläsi kam im März 2010 als CFO zu Ekosem Agrar. Seine erste Station im Agrarbereich, die KTG Agrar hatte er nach nur 18 Monaten als CFO im Mai 2009 verlassen. Bläsi begann seine Karriere als Trainee im Burda-Verlag und  wechselte anschließend zum SAP-Beratungshaus Novasoft, dessen IPO am Neuen Markt er erfolgreich vorbereitete.

2012 und 2013 fiel Bläsi mit der Platzierung von insgesamt drei erfolgreichen Mittelstandsanleihen am Stuttgarter Segment BondM auf. 110 Millionen Euro in zwei Tranchen entfallen dabei auf die Ekosem Agrar. 2013 folgte über das nicht konsolidierte Schwesterunternehmen EkoTechnika eine weitere Emission über 60 Millionen Euro zur Finanzierung des Landmaschinenhandels.

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