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Wirecard-Gesetz: Das sind die Folgen für Unternehmen

Der Fall Wirecard hat dem Finanzplatz in Deutschland massiv geschadet. Wie kann man Bilanzskandale künftig verhindern?
Picture Alliance/dpa/SvenSimon/Frank Hoermann

Einen Bilanzskandal wie Wirecard darf es nie wieder geben – darin sind sich Unternehmen, Mitarbeiter, Wirtschaftsprüfer, Politiker und Anleger einig. Nur die Frage, wie man Bilanzmanipulationen künftig verhindern kann, spaltet die Parteien. Für hitzige Diskussionen sorgt seit Mitte Dezember vor allem ein Entwurf mit dem sperrigen Namen „Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität“, kurz FISG. Darin sind Maßnahmen für Unternehmen, Aufsichtsräte, Wirtschaftsprüfer und andere Kontrollinstanzen aufgelistet, mit denen Bilanzskandale künftig verhindert werden sollen.

„Der Gesetzentwurf ist ein entscheidender Schritt, um die Bilanzkontrolle zu stärken, die Wirtschaftsprüfung zu reformieren und härter gegen kriminelle Machenschaften vorzugehen“, lobt Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, der im Zuge des Wirecard-Skandals unter Druck geraten ist. „Das FISG ist ein ‚Politikerentlastungsgesetz’“, kritisiert hingegen Florian Riedl, Wirtschaftsprüfer bei Ebner Stolz, und spricht damit vielen in der Branche aus der Seele. „Der Untersuchungsausschuss zu Wirecard hat seine Arbeit noch nicht einmal beendet, es ist also noch viel zu früh, um Maßnahmen abzuleiten.“

In der Tat gibt es noch viele Fragezeichen bei dem größten Bilanzskandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Wieso hat niemand früher reagiert, als Vorwürfe aufkamen, dass bei dem ehemaligen Dax-Unternehmen ein Teil des Geschäfts frei erfunden war? Warum fehlten 2 Milliarden Euro auf Konten, die in der Bilanz ausgewiesen waren? Viele sehen Wirecards Prüfer EY in der Verantwortung: Immerhin hat das Big-Four-Haus viele Jahre lang die Bilanzen des Zahlungsdienstleisters uneingeschränkt testiert, was nach Auffliegen des Skandals für heftige Irritationen sorgte.

Höhere Prüferhaftung: Prüferhonorare werden steigen

Wenn nun die Arbeit der WP stärker reguliert wird, dürfte das aber auch gravierende Folgen für Unternehmen haben. Geplant ist laut Regierungsentwurf etwa eine Verschärfung der Haftung des Abschlussprüfers: So soll die Haftungsobergrenze für die Prüfung kapitalmarktorientierter Unternehmen bei 16 Millionen Euro liegen. Allerdings gilt diese Obergrenze nur in Fällen von leichter Fahrlässigkeit – bei Vorsatz oder sogar schon grober Fahrlässigkeit müssen Abschlussprüfer unbeschränkt haften. Bisher galt eine uneingeschränkte Haftung nur bei Vorsatz, ansonsten galt die Obergrenze von 4 Millionen Euro.

Für Dagmar Steinert, Finanzchefin beim MDax-Konzern Fuchs Petrolub, liegen die Folgen für Unternehmen auf der Hand: „Die Wirtschaftsprüfer werden vermutlich versuchen, die höheren Summen zu versichern, was wiederum zu steigenden Prüfhonoraren für die Unternehmen führt.“ Teurer dürften die Prüfungen auch deshalb werden, weil WP-Gesellschaften nun noch mehr Zeit in Dokumentationen der Prüfprozesse stecken, um sich im Zweifel gegen den Vorwurf einer groben Fahrlässigkeit zu schützen, glaubt Rainer Grote, Partner bei der mittelständischen Prüf- und Beratungsgesellschaft RSM.

Verbessert sich die Abschlussprüfung durch FISG?

Unternehmen müssen also mehr zahlen – verbessert sich dadurch denn wenigstens die Qualität der Prüfung? Die Idee des Gesetzgebers leuchtet im ersten Moment ein: Wer stärker haften muss, prüft wahrscheinlich gründlicher. Finanzchefin Steinert ist aber skeptisch: „Ein Prüfer geht ohnehin mit einer kritischen Grundhaltung an die Sache ran und bringt seine Bedenken auch bei Vorstand und Aufsichtsrat vor – unabhängig von der Höhe der Haftung.“

Für Unternehmen könnten aber nicht nur die höheren Honorare zum Problem werden, glaubt Florian Riedl von Ebner Stolz. „Für viele WP-Gesellschaften wird die Prüfung börsennotierter Unternehmen unattraktiver oder so risikoreich, dass sie sich aus dem Markt zurückziehen.“

Die Honorare für die Prüfer größerer börsennotierter Mittelständler liegen zwischen 100.000 Euro und einem niedrigen einstelligen Millionenbetrag – Haftungssummen von 16 Millionen Euro oder gar unbegrenzt stünden dabei in keinem Verhältnis zum Risiko und würden wahrscheinlich nicht einmal mehr versichert, befürchtet Riedl. Damit würde die Auswahl der Prüfer für die Unternehmen – gerade für die börsennotierten mittelständischen – noch weiter schrumpfen. Die großen börsennotierten Unternehmen werden ohnehin schon vornehmlich von den vier größten WP-Gesellschaften geprüft.

Wirtschaftsprüfer könnten öfter Testat einschränken

„Manche Unternehmen werden zudem Probleme haben, überhaupt noch einen Prüfer zu finden“, glaubt Rainer Grote von RSM. Betroffen sein könnten Unternehmen mit einem neuartigen Geschäftsmodell oder aber einem Geschäftsmodell, das anfälliger für Missbrauch ist, wie das von Wirecard oder von Tech-Unternehmen. Hier würden WP-Gesellschaften sehr genau abwägen, ob sie das Risiko der Haftung eingehen wollen, glaubt er.

Aber auch Unternehmen in einer wirtschaftlichen Krisensituation könnten Schwierigkeiten bekommen, gibt Grote zu Bedenken. Womöglich will solche Unternehmen kaum noch jemand prüfen, um nicht haften zu müssen, schließlich muss der Wirtschaftsprüfer auch die Fortführungsprognose (Going Concern) des Unternehmens beurteilen. Überhaupt dürfte es künftig zu mehr Diskussionen zwischen Prüfern und CFOs kommen. „Stärker als bisher müssen Unternehmen damit rechnen, dass Prüfer eine Einschränkung des Prüfungsvermerks in Erwägung ziehen müssen“, erwartet Grote.

Unternehmen müssen wieder auf Prüfersuche gehen

Die höhere Haftung ist nicht die einzige Maßnahme, die Folgen für Unternehmen hat: Laut FISG-Entwurf soll außerdem die Höchstlaufzeit des Prüfungsmandats für kapitalmarktorientierte Unternehmen auf zehn Jahre gesenkt werden. Gegenwärtig müssen sie das Mandat nach zehn Jahren ausschreiben, dürfen den bisherigen Prüfer aber nochmal für maximal zehn Jahre mandatieren.

„Für Unternehmen erhöht sich natürlich der Aufwand, wenn sie häufiger ausschreiben müssen“, meint Gerrit Fey, Leiter des Bereichs Kapitalmärkte beim Deutschen Aktieninstitut (DAI). Gerade bei großen Konzernen kann der Prozess Monate, teils sogar ein Jahr dauern und Kapazitäten binden. Ungünstig ist es vor allem für jene Konzerne, die gerade ihren Prüfer noch einmal für zehn Jahre bestellt haben – sie müssten den Prozess dann in Kürze erneut starten.

Fuchs-Petrolub-Finanzchefin Steinert ist außerdem skeptisch, ob die Maßnahme letztlich die Prüfungsqualität anhebt: „Gerade bei Unternehmen mit komplexen Geschäftsmodellen braucht der Prüfer eine gewisse Zeit, um sich einen vollumfassenden Überblick zu verschaffen. Kommt der Wechsel zu früh, geht Wissen verloren.“

FISG: Beratung durch den Prüfer weiter eingeschränkt

Auch der von vielen Unternehmen angestrebte Aspekt, konzernweit einen einheitlichen Prüfer zu engagieren, wird kaum mehr realisierbar sein, denn die Rotationsfristen in vielen anderen Ländern unterscheiden sich von der geplanten Zehnjahresfrist in Deutschland. Dadurch werde die Prüferlandschaft im Unternehmen weiter fragmentiert, was den Aufwand für Unternehmen erhöhen könnte und möglicherweise der Prüfqualität schade, befürchtet Steinert.

Zahlreiche Marktteilnehmer, mit denen FINANCE gesprochen hat, akzeptieren den Vorschlag für die Höchstlaufzeit des Prüfungsmandats aber, wenn auch eher zähneknirschend. Ähnlich verhält es sich mit dem Vorstoß, die Beratung bei einem Unternehmen von öffentlichem Interesse, das Prüfkunde ist, noch weiter einzuschränken.

Schon jetzt ist eine Vielzahl an Beratungsleistungen nicht mehr erlaubt – nun sind aber Steuerberatungs- und Bewertungsleistungen ebenfalls verboten. „Für große börsennotierte Unternehmen ist das keine große Änderung mehr, viele haben das auch schon freiwillig umgesetzt“, meint Rainer Grote von RSM. „Anders ist das im Mittelstand, denn hier werden die Prüfer, die das Unternehmen durch ihre Arbeit sehr gut kennen, auch als Berater gewünscht.“ Diese Unternehmen müssten sich bald umstellen.

Kriminalisiert die Bafin Bilanzierungsfehler?

Deutlich problematischer sehen Marktbeobachter allerdings die geplanten Änderungen bei der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Bisher war die Regelung so: Die DPR führte bei kapitalmarktorientierten Unternehmen sowohl Stichprobenprüfungen als auch Anlassprüfungen durch, Letztere auf einen konkreten Verdacht hin, dass es einen Fehler in der Rechnungslegung geben könnte. Geriet sie mit einem Unternehmen in Konflikt, konnte sie den Fall an die Bafin weiterreichen, die die Bilanzen erneut überprüfte.

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Dagmar Steinert, Fuchs Petrolub SE

Dagmar Steinert beginnt nach ihrem Studium der Betriebswirtschaft ihre Karriere als Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin bei PwC. Nach diversen leitenden Funktionen bei PwC sowie bei Rheinmetall wechselt sie 2013 zu Fuchs Petrolub.Dort arbeitet sie zunächst als Head of Investor Relations. Im Januar 2016 wird sie zur CFO des Unternehmens befördert und verantwortet die Ressorts Finanzen & Controlling, Investor Relations, Compliance, Interne Revision, IT, Recht & Steuern. Von 2008 bis 2015 ist sie außerdem Mitglied im Aufsichtsrat der Automobilsparte von Rheinmetall KSPG. Seit 2016 ist sie Mitglied im Beirat der LBBW (Landesbank Baden-Württemberg). Seit Dezember 2017 gehört Steinert dem Aufsichtsrat von ZF Friedrichshafen an.

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Im Wirecard-Skandal hat dieses zweistufige Kontrollsystem versagt. Unter anderem wurde deutlich, dass die DPR nicht auf die Aufdeckung krimineller Skandale ausgelegt ist. Die Bafin bekleckerte sich ebenfalls nicht mit Ruhm, als sie ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien aussprach, statt den Zahlungsdienstleister genauer unter die Lupe zu nehmen.

Nach dem Willen des Entwurfs sollen daher die Anlassprüfungen künftig direkt bei der Bafin angesiedelt sein – und sie kann es öffentlich machen, sobald sie ein Unternehmen untersucht, und auch über Zwischenergebnisse aus dem laufenden Prüfungsverfahren berichten. Gerrit Fey vom DAI sieht das äußerst problematisch: „Unternehmen werden so öffentlich an den Pranger gestellt, obwohl zunächst nur ein Verdacht vorliegt.“ Ein solches Vorgehen führe außerdem zu einer vorschnellen Kriminalisierung von Bilanzierungsfehlern, glaubt er. „Fehler in der Rechnungslegung sind nur in extremen Ausnahmefällen auch Betrugsfälle“, betont er.

Auch CFO Dagmar Steinert von Fuchs Petrolub ist von dem Vorgehen nicht überzeugt: „Eine Öffentlichmachung ist in höchstem Maße rufschädigend. Wer zahlt die Kosten für gefallene Aktienkurse, falls sich herausstellt, dass ein Verdacht unbegründet war?“ Apropos Kosten, auch hier müssen Unternehmen mit neuen Konsequenzen rechnen: Die Überprüfung durch die Bafin müssen sie nämlich selbst bezahlen, auch wenn sich der Verdacht als falsch herausstellt. Allerdings zahlen Unternehmen auch jetzt schon über ein Umlageverfahren die Prüfung durch die DPR, so dass sich der Mehraufwand in Grenzen halten dürfte.

FISG: Falscher Bilanzeid wird härter bestraft

Doch nicht nur beim Thema Prüfung will der Gesetzgeber nachbessern, auch bei den Unternehmen selbst sollen Mechanismen geschaffen werden, um Bilanzskandale zu verhindern. So kann ein falscher Bilanzeid des Vorstands künftig mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe sanktioniert werden, statt wie bisher mit drei Jahren. Der Bilanzeid ist die Versicherung des gesetzlichen Vertreters eines Unternehmens, dass Abschluss und Lagebericht ein zutreffendes Bild liefern.

„Es zieht sich wie ein roter Faden durch den Entwurf, die Sanktionen für die Beteiligten zu erhöhen“, meint Gerrit Fey vom DAI. „Ob dies zu einer erhöhten Abschreckung führt und damit noch stärker als bisher präventiv wirkt, lasse ich dahingestellt.“ In eine ähnliche Richtung gehen die Befürchtungen von CFO Dagmar Steinert: „Am Ende muss man auch die Frage stellen, wer bei noch höheren Strafen überhaupt noch als Vorstand tätig sein will.“

Laut FISG-Entwurf sollen zudem auch die internen Kontrollen in den Unternehmen ausgeweitet werden. So soll ein Prüfungsausschuss bei Unternehmen von öffentlichem Interesse Pflicht werden. Zudem muss mindestens ein Mitglied Experte in Fragen der Rechnungslegung sein und ein weiteres Mitglied in Fragen der Abschlussprüfung. Nicht zuletzt sollen börsennotierte Unternehmen ein internes Kontroll- und Risikomanagementsystem einrichten. Die Corporate Governance zu stärken findet CFO Dagmar Steinert von Fuchs Petrolub gut: „Eine sinnvolle Ergänzung wäre noch eine Compliance-Hotline, über die sich jeder Mitarbeiter anonym melden kann, wenn er einen Verdacht hat.“

Kritiker hoffen auf Änderungen bei FISG-Entwurf

Beobachter gehen davon aus, dass das Gesetz bis zur Bundestagswahl im September beschlossen wird. Kritiker hoffen noch auf Anpassungen. Doch Tenor und zentrale Maßnahmen des FISG werden sich wohl nicht mehr stark ändern. „Viele der geplanten Regelungen zielen auf Strukturen von Dax30-Konzernen und Big-Four-Gesellschaften. So orientiert sich die Haftungsobergrenze etwa an Honorarhöhen, wie sie bei diesen Konzernen an die großen Prüfer gezahlt werden. Die Auswirkungen der Maßnahmen werden aber auch mittelständische Unternehmen und deren Prüfer stark betreffen – hier werden alle in Mithaftung genommen“, resümiert Florian Riedl von Ebner Stolz.

Olaf Scholz sieht es anders: „Mit unserem Gesetz für einen sauberen Finanzmarkt sorgen wir dafür, dass auf Bilanzen und die Testate von Wirtschaftsprüfern mehr Verlass ist.“ Jetzt blicken Kritiker wie Befürworter auf den Bundesrat: Er muss nun zu dem verabschiedeten Entwurf Stellung nehmen.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Info

Es war der größte Bilanzskandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Was genau ist passiert und was sind die Folgen für Wirtschaftsprüfer, Bafin, DPR & Co.? Mehr zu Wirecard finden Sie auf unserer Themenseite.

Julia Schmitt ist Redaktionsleiterin von FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz stieg sie 2014 bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA ein. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung und Bilanzierung und ist Trägerin des Karl Theodor Vogel Preises der Deutschen Fachpresse.