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Air Berlin: Verwalter verkauft Riesenforderung gegen Etihad

Ziehen bald Hedgefonds im Namen von Air Berlin gegen Etihad vor Gericht? Foto: Lukas Wunderlich/stock.adobe.com

Spektakuläre Wende im Rechtsstreit um die Haftung für die Folgen der Pleite von Air Berlin: Der Insolvenzverwalter Lucas Flöther hat sich entschieden, milliardenschwere Forderungen gegen den Ex-Großaktionär Etihad, die früheren Vorstände und den ehemaligen Bilanzprüfer KPMG zu verkaufen. Den Investorenprozess begleiten soll KEOS, der gemeinsame Vertreter der Anleihegläubiger. KEOS ist ein Gemeinschaftsunternehmen von K&E Treuhand und One Square Advisors.

„Wir haben im Vorfeld das Interesse bei internationalen Hedgefonds abgeklopft und sind auf sehr positive Resonanz gestoßen. Insbesondere die Höhe der Ansprüche weckt das Interesse. Der gesamte Insolvenzschaden bewegt sich in zehnstelligen Beträgen”, sagte Frank Günther, Chef von One Square Advisors, gegenüber FINANCE. Manche Unternehmensbeobachter glauben, dass sich der Schaden aus der Pleite der damals zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft auf bis zu 2 Milliarden Euro belaufen könnte. Im äußersten Fall könnte Etihad für einen nennenswerten Teil dieser Summe in Anspruch genommen werden.

Wie verbindlich war der „Comfort Letter“ von Etihad?

Etihad – damals größter Aktionär und wichtigster Geldgeber von Air Berlin – hatte den Berlinern noch im April 2017 einen „Comfort Letter“ ausgestellt, der laut Flöther „gewisse Zusagen über die finanzielle Ausstattung von Air Berlin“ enthielt. Wie das Portal „Business Insider“ berichtet, habe sich die Airline aus Abu Dhabi darin verpflichtet, Air Berlin bis Ende 2018 weiter zu finanzieren.

Dies geschah allerdings nicht: Als Etihad nicht mehr zahlte, musste Air Berlin im Sommer 2017 aufgeben. Etihad selbst hält die Ansprüche der Kläger für unbegründet und ist der Ansicht, dass der Comfort Letter nicht mit einer verbindlichen Finanzierungszusage gleichzusetzen sei.

Soll den Investorenprozess vorantreiben: Corporate-Finance-Experte Frank Günther. Foto: One Square Advisors

Air-Berlin-Klage könnte in London verhandelt werden

Flöthers Klage gegen Etihad hat sich zu einem Marathonlauf entwickelt, bei dem sich die Chancen eher zu Gunsten der Golf-Airline zu verschieben scheinen. Flöther initiierte den Rechtsstreit vor dem Landgericht Berlin, Etihad konterte mit einer Klage vor dem High Court in London. Dort befand sich am Schluss der Unternehmenssitz von Air Berlin. Zuletzt mehrten sich Signale, wonach die entscheidenden Verhandlungen in London stattfinden könnten, was die Rechtsposition der Air-Berlin-Vertreter eher schwächen dürfte.

„Die Durchsetzung dieser Forderungen erfordert Zeit und Geld, besonders an den finanziellen Mitteln fehlt es uns.“

Frank Günther, Chef von One Square Advisors

Für den Kauf der Forderungen dürften sich vor allem spezialisierte Hedgefonds interessieren. Diese könnten auch deutlich mehr Mittel in die juristische Durchsetzung der Forderungen investieren als die Vertreter von Air Berlin. „Die Durchsetzung dieser Forderungen erfordert Zeit und Geld, besonders an den finanziellen Mitteln fehlt es uns“, bestätigt Günther. „Daher glauben wir, dass eine dritte, finanzkräftige Partei unsere Forderungen gegen Etihad und andere vor Gericht schlagkräftiger durchsetzen kann und die Gläubiger von Air Berlin am Ende von einem Erfolg finanziell profitieren können.“  

Vor diesem Hintergrund wäre es aus Flöthers Sicht naheliegend, einen Deal einzugehen, der die Air-Berlin-Gläubiger nennenswert an möglichen Schadensersatzzahlungen partizipieren ließe. Eine derartige Erfolgsbeteiligung ginge jedoch zu Lasten des initialen Betrags, den Flöther mit dem Verkauf der Forderungen einnehmen könnte.

Will Lucas Flöther eigentlich einen Vergleich?

Der erfahrene Insolvenzverwalter hat das Klagepaket auch noch weiter angereichert. Sollten die Gerichte den Air-Berlin-Klägern keine Ansprüche gegenüber Etihad aus dem Comfort Letter zugestehen, kämen nach Aussage Flöthers noch „Haftungsansprüche gegen den damaligen Vorstand und den Bilanzprüfer KPMG in Betracht“. KPMG könnte Air Berlin „unzutreffend eine positive Fortführungsprognose bescheinigt haben“, so der Insolvenzverwalter.

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Air Berlin

Jahrelang überlebte Air Berlin nur dank der Finanzspritzen von Großaktionär Etihad. Als die Araber die Reißleine zogen, musste Deutschlands zweitgrößte Airline Insolvenz anmelden. Die Folge: Eine Mega-Pleite und die Zerschlagung.

Dem Vorstand von Air Berlin wirft Flöther vor, kurz vor Eintreten der Insolvenz noch Auszahlungen genehmigt zu haben, unter anderem an Etihad. Zum Zeitpunkt der Pleite war der frühere Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann Chef von Air Berlin, für die Finanzen war CFO Dimitri Courtelis zuständig. Ein Teil der Klagen könnte sich auch gegen die Managerhaftpflichtversicherungen („D&O“) früherer Air-Berlin-Manager richten.

Dass nach einem Verkauf der Forderungen dann aber tatsächlich auch jahrelange Prozesse rund um die Air-Berlin-Pleite beginnen, ist nicht ausgemacht. Häufig ist es in derartigen Fällen das eigentliche Ziel der Kläger, Vergleiche zu erzielen. Aber selbst Vergleiche könnten der Insolvenzmasse von Air Berlin auf lange Sicht noch mehrere hundert Millionen Euro zuführen. Insgesamt vertritt Flöther 1,3 Millionen Gläubiger, die Forderungen gegenüber Air Berlin angemeldet haben.    

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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