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Neuaufstellung durch Eigenverwaltung: Die Restrukturierung von Europoles

Der Mastenhersteller Europoles hat sich in Eigenverwaltung saniert. Wäre die präventive Sanierung in einem vergleichbaren Fall eine Option?
Sunset Paper's - stock.adobe.com

Als führender Mastenhersteller Europas und Dienstleister in den Geschäftsbereichen Infrastruktur, Beleuchtung und Energie war die Europoles Gruppe international aufgestellt: Die Unternehmensgruppe verfügte über europaweit verteilte Produktions- und Vertriebsstrukturen in Deutschland, Polen, der Schweiz und Frankreich sowie über eine produzierende Gesellschaft im Oman.

Doch dann zog ein Kunde unerwartet einen Großauftrag über mehr als 100 Millionen Euro zurück, vom Unternehmen fest eingeplante Abschlagszahlungen blieben aus. Im Herbst 2018 musste die Europoles-Gruppe einen Insolvenzantrag stellen. Die Geschäftsführung entschied sich für die Insolvenz in Eigenverwaltung. Die Geschäftsführung um Martin Prillmann und Michael Schauerte wurde um Alexander Reus und Vincenz von Braun als Sanierungsgeschäftsführer erweitert.

Verträge in der Eigenverwaltung beenden

In einem Insolvenzverfahren können nur Projekte mit ausreichend positivem Ergebnis fortgeführt werden. Das Projektgeschäft von Europoles im Infrastrukturbereich gestaltete sich aufgrund der in der Branche üblichen Vorfinanzierungs- und Gewährleistungsstrukturen allerdings schwierig, denn Kunden hielten sich mit langfristigen Aufträgen zurück. Die Insolvenz in Eigenverwaltung eröffnete der Europoles-Gruppe die Möglichkeit, verlustbringende Projekte sowie langlaufende Vertragsbeziehungen, die das Unternehmen nicht weiterführen wollte, zu beenden. Eine Analyse aller Restrukturierungsoptionen ergab, dass eine Fortführung der verschiedenen Geschäftsbereiche in einzelnen Unternehmen mit neuen Gesellschaftern die bestmögliche Lösung darstellte, insbesondere auch für die Arbeitnehmer.

Nachdem der Geschäftsbetrieb stabilisiert worden war, fand sich für die Infrastruktursparte inklusive einer Schweizer Tochtergesellschaft innerhalb eines halben Jahres ein Investor. Ein Grund dafür war, dass sich das eingespielte Managementteam in der Eigenverwaltung weiter in vollem Umfang einbrachte und Lösungen gemeinsam mit den Sanierungsgeschäftsführern entwickelte. Im weiteren Verlauf des Insolvenzverfahrens trennte sich Europoles von einer Schwestergesellschaft in Polen und verkaufte eine Joint-Venture-Beteiligung im Oman.

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Der Verkauf der Beleuchtungssparte dauerte dagegen länger. Sie war in Produktion und Vertrieb stärker international organisiert. Insbesondere ein Werk in Polen war aufgrund hochmoderner Produktionsanlagen für Investoren interessant. Für die Fortführung der Beleuchtungssparte entwickelten die Sanierungsgeschäftsführer daher länderspezifische Lösungen, die in einem Gesamtkonzept zusammengeführt wurden.

Der Geschäftsbetrieb in Polen wurde schließlich über ein sogenanntes Pre-Pack-Insolvenzverfahren an einen neuen Investor übertragen. Als Pre-Pack-Insolvenz oder vorgefertigte Insolvenz werden Verfahren bezeichnet, bei denen ein Umstrukturierungsplan bereits vereinbart wird, bevor das Unternehmen seine Insolvenz anmeldet. Auch nach der übertragenden Sanierung der Beleuchtungssparte führte das vorherige Management um Thorsten Rehfeldt und Hendrik Schulz das Unternehmen für den neuen Investor fort.

Eigenverwaltung vs. präventive Sanierung

Für Konstellationen wie bei Europoles gibt es seit Beginn dieses Jahres noch eine weitere Sanierungsmöglichkeit. Das neue Unternehmensstabilisierungs- und  restrukturierungsgesetz (StaRUG) will die Lücke zwischen einvernehmlichen außergerichtlichen Sanierung und der Sanierung im Insolvenzverfahren schließen und ermöglicht ein Restrukturierungsverfahren mit dem Ziel eines Restrukturierungsplans. Bei einer solchen präventiven Sanierung kann die Mehrheit der Gläubiger eine für alle Gläubiger verbindliche Sanierungslösung beschließen. Für die Umsetzung des Restrukturierungsplans kann das Unternehmen zudem Stabilisierungsanordnungen beantragen, sodass es während der Restrukturierungsphase vor dem Zugriff einzelner Gläubiger geschützt ist.

„Es war von erheblicher Bedeutung, dass sich Europoles von belastenden Verträgen trennen konnte.“

Obwohl der Restrukturierungsplan dem Insolvenzplan ähnelt, sind die Rahmenbedingungen der präventiven Sanierung und der Eigenverwaltung sehr unterschiedlich. Während es in der Eigenverwaltung verschiedene Sonderregelungen gibt, mit denen ein Unternehmen Verträge beispielsweise mit verkürzter Frist kündigen kann, bietet die präventive Sanierung diese Möglichkeit nicht. Im Fall der Europoles-Gruppe war es von erheblicher Bedeutung, dass sich das Unternehmen von belastenden Verträgen trennen konnte.

Für europaweite und internationale Fälle gibt es bei der präventiven Restrukturierung zudem ein weiteres Hemmnis: Derzeit ist die gegenseitige Anerkennung eines Restrukturierungsplans zwischen den europäischen Mitgliedsstaaten noch ungeklärt. Auch die EU-Richtlinie, auf der das StaRUG beruht, macht dazu keine verbindlichen Vorgaben. Erst 2022 sollen Regelungen für ein öffentliches Restrukturierungsverfahren, das die Anerkennung vereinfachen soll, in Kraft treten.

Präventive Sanierung: Alternative für Europoles?

Ein Vergleich der beiden Verfahren zeigt: Für die Europoles-Gruppe hätte die präventive Sanierung nach dem StaRUG nicht genügend Möglichkeiten geboten, um die erforderlichen Einschnitte vorzunehmen. Insbesondere die fehlende Möglichkeit zur Vertragsbeendigung wäre ein Hemmnis gewesen. Die Eigenverwaltung dagegen gab Europoles die Chance, den Geschäftsbetrieb schneller zu stabilisieren und bereits verfahrensbegleitend einen Investorenprozess aufzusetzen. Dadurch ist es gelungen, die Geschäftsbereiche und den größten Teil der Arbeitsplätze im In- und Ausland zu erhalten.

Zukünftig stehen mit dem Restrukturierungsverfahren nach dem StaRUG und dem Insolvenzplan in Kombination mit der Eigenverwaltung zwei vergleichbare Verfahren zur Überwindung von Unternehmenskrisen zur Verfügung. Im Zuge der Restrukturierung ist eine gründliche Analyse der Krisenursachen und der betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Lösungsansätze entscheidend, um zu entscheiden, welches Verfahren dem Unternehmen die besten Chancen auf eine Neuausrichtung bietet.

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Phillip-Boie Harder ist Rechtsanwalt bei Anchor in Düsseldorf, zu seinen Schwerpunkten zählt die insolvenzrechtliche Gläubiger-, Management- und Gesellschafterberatung.

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Alexander Reus ist Partner bei Anchor. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Beratung zu verschiedenen Sanierungsoptionen wie Eigenverwaltung und Schutzschirmverfahren.

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