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Rüstung statt Kreuzfahrt: Standorte der MV Werften gesichert

Neuer Eigner des Standorts Stralsund der MV Werften ist die Stadt Stralsund. Foto: Foto: Olaf Gedanitz - stock.adobe.com
Neuer Eigner des Standorts Stralsund der MV Werften ist die Stadt Stralsund. Foto: Foto: Olaf Gedanitz - stock.adobe.com

Aufatmen in Rostock-Warnemünde: Der Verkauf des Werftstandorts der MV Werften an die Bundeswehr ist in trockenen Tüchern. Der Haushaltsausschuss des Bundetags hat der Transaktion in Höhe von 87 Millionen Euro zugestimmt. Damit können definitiv 500 von zuvor 600 Beschäftigten weiter an dem Standort arbeiten. Insolvenzverwalter Christoph Morgen von der Kanzlei Brinkmann & Partner sprach gegenüber FINANCE schon kurz vor Bekanntgabe des Ausschusses von einem „super Ergebnis“.

Für Morgen neigt sich damit ein Großprojekt dem Ende zu. Der Restrukturierungs-Experte war im Januar dieses Jahres bestellt worden, um den Weiterverbleib der Werft-Standorte der Unternehmensgruppe MV Werften zu organisieren. Die Werftgruppe, die an ihren drei Hauptstandorten in Rostock-Warnemünde, Wismar und Stralsund Kreuzfahrtschiffe baute, war Anfang des Jahren in die Insolvez gerutscht. Hintergrund war, dass sich der Eigentümer der Gruppe, der Tourismuskonzern Genting Hong Kong, nicht mit dem Bund über weitere staatliche Finanzierungen für die MV Werften hatte einigen können. Infolgedessen musste auch Genting Insolvenz beantragen.

Marine und Thyssenkrupp-Tochter übernehmen Standorte

Mittlerweile konnte Insolvenzverwalter Morgen für alle drei Standorte und die ehemals knapp 2000 Beschäftigten des Unternehmens eine Lösung finden, dennoch bleiben noch Fragen offen.

Die Werft in Rostock-Warnemünde übernimmt die deutsche Marine. Sie will den Standort als Marinearsenal nutzen, künftig sollen in Warnemünde Kriegsschiffe und zugehörige Waffensysteme gewartet und repariert werden. Der Standort in Stralsund war bereits im Februar an die Stadt Stralsund verkauft worden, diese will dort einen maritimen Gewerbepark entwickeln und sucht Pächter für das 34 Hektar große Gelände. Der Prozess entwickelt sich laut Medienberichten schleppend. Die Stadt Stralsund konnte zuletzt immerhin einen dritten Pächter vermelden, der Windkraftanlagenbauer German Sustainables übernimmt 6000 Quadratmeter der Fläche.

Auch für den Standort Wismar konnte das Team um Insolvenzverwalter Morgen Käufer finden. Einen Teil der Werft übernimmt das Kieler Rüstungsunternehmen Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS). Das Unternehmen will dort von 2024 an U-Boote bauen und 800 Mitarbeiter beschäftigen. Falls dort auch Schiffe im Überwasserbau gebaut werden, könnte die Beschäftigtenzahl auf 1500 Mitarbeiter steigen. Der Deal wurde durch die Kanzlei BRL begleitet.

Das Fertigmodulwerk der MV Werften in Wismar geht an die Hamburger Firma Eppendorf, die Laborgeräte herstellt. Zudem wurde laut Morgen die ebenfalls zum chinesischen Mutterkonzern Genting gehörende Bremerhavener Lloyd Werft verkauft. Diese ging bereits Anfang des Jahres an die Rönner-Zech-Gruppe, der Insolvenzantrag konnte zurückgezogen werden.

Problemfälle Global Dream I und II

Ein heißes Eisen ist nach wie vor aber der Verbleib der Kreuzfahrtschiffe Global Dream I und II. Das Megaprojekt Global Dream II war vor der Insolvenz noch als größtes Kreuzfahrtschiff der Welt geplant worden, das mit stolzen 9500 Touristen über die Weltmeere schippern sollte. Heute lohnt sich die Fertigstellung des Bauprojektes nicht mehr, auch für einen Verkauf ist das Schiff nicht weit genug gebaut – es muss zerlegt und in Einzelteilen veräußert werden. Morgen spricht hier von „recyclen“. Der Verkauf der Bestandteile der Global Dream II, die in der Rostocker Werft eingelagert sind, muss jetzt organisiert werden.

Zäh sieht die Lage bei dem Schwesterschiff Global Dream I aus. Der Bau des Schiffes ist schon weiter fortgeschritten, es kann nicht mehr auseinandergebaut werden. „In dem Schiff sind über eine 1 Milliarde Euro verbaut“, allein der Erhalt des Schiffes koste monatlich über 1 Million Euro, sagt Morgen. Das Problem bei dem Schiff sei, dass ein Käufer 600 bis 700 Millionen Euro investieren müsste, um den Bau des Kreuzfahrtliners fertigzustellen. Da der Kreuzfahrtmarkt aber derzeit am Boden liege, sei es nicht einfach, einen Käufer zu finden.

Zwischenzeitlich hatte das schwedische Unternehmen Stena nach Marktinformationen Interesse angemeldet, die Pläne aber später wieder verworfen. Bis Ende 2022 sei laut Morgen noch Zeit, einen Käufer zu finden, denn im darauffolgenden Jahr muss das Schiff die Halle der Wismarer Werft verlassen

Morgen erwartet keine Insolvenzwelle in Werftindustrie

Aus Morgens Sicht sei aber die Pleite der MV Werften kein Signal dafür, dass es im deutschen Schiffsbau noch weitere Insolvenzen hageln wird. Im Gegenteil, der Restrukturierungsanwalt geht eher von einer positiven Entwicklung in der Branche aus.  Die von Bundeskanzler Olaf Scholz im Februar im Bundestag ausgerufene „Zeitenwende“ und das damit verbundene 100 Milliarden Euro schwere Sondervermögen bringe neue Aufträge der Marine für die deutsche Schiffbauindustrie, sagt Morgen.

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Mit Fosen Yard war in jüngerer Zeit noch eine weitere deutsche Werft Pleite gegangen. Morgen sieht aber sowohl Fosen Yard als auch die MV Werften als Einzelfälle. Die Besonderheit bei der MV Werften sei, dass diese nur für den Eigentümer Genting und nicht für andere Kunden produziert habe. Gentings Geschäft florierte vor der Covid-Pandemie, die weltweite Kreuzfahrtindustrie kam jedoch aufgrund der globalen Reisebeschränkungen zu einem jähen Stopp. Auch Fosen Yard sei ein Sonderfall, da sich die Werft vorrangig auf den Bau von Bauteilen für Hochseelachs-Farmen fokussiert habe.

paul.siethoff[at]finance-magazin.de

paul.siethoff@faz-bm.de | + posts

Paul Siethoff ist Redakteur bei Finance und schreibt über verschiedene CFO- und Corporate-Finance-Themen. Er hat Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Erfurt und in Mainz studiert. Vor seiner Zeit bei FINANCE schrieb Paul Siethoff frei für die Frankfurter Rundschau über Wirtschafts- und Politikthemen.

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