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MV Werften schifft düsteren Zeiten entgegen

Die MV Werften ist insolvent. Besonders schwierig macht die Situation, dass der Eigner im Ausland sitzt. Foto: MV Werften
Die MV Werften ist insolvent. Besonders schwierig macht die Situation, dass der Eigner im Ausland sitzt. Foto: MV Werften

Das neue Jahr ging für die MV Werften turbulent los: „MV Werften beantragen Insolvenz“, „MV-Werften-Eigner Genting ist pleite“, „Genting-Chef tritt zurück“ – so lauteten die Schlagzeilen. Die Lage des Kreuzfahrtschiffsbauers ist kompliziert, weil das Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern einen ausländischen Eigner – den Tourismuskonzern Genting aus Hongkong – hat. Das hat nun auch Auswirkungen auf die Insolvenz in Deutschland und macht den Fall damit auch zu einem Lehrstück für andere Unternehmen mit ausländischem Eigner.

Die konkreten Probleme der MV Werften gehen bereits einige Jahre zurück – der deutsche Schiffsbauer steckt schon länger in einer Transformation, die Coronakrise hat der Branche nochmal einen besonders schweren Tritt verpasst. Die Werften mussten Staatshilfe beantragen – insgesamt wurden dem Unternehmen 300 Millionen Euro zugesichert. Das Geld brauchte der Schiffsbauer, um das neue Mega-Kreuzfahrtschiff „Global One“, auch „Global Dream“ genannt, fertigzustellen.

Streit zwischen Genting und Staat endete in Insolvenz

Doch weil die MV Werften einige Bedingungen nicht erfüllt haben sollen, ist das zugesagte Geld nie geflossen. Es hätte wohl ohnehin nicht gereicht – kurz vor Weihnachten kam heraus, dass der Schiffsbauer weitere 300 Millionen Euro Hilfsgelder gebraucht hätte.

Es folgte der bekannte Schlagabtausch: Der Bund forderte von Eigentümer Genting, der vom malaysischen Milliardär Lim Kok Thai geführt wurde, einen Eigenbeitrag von 60 Millionen Euro – das entsprach der errechneten Liquiditätslücke der MV Werften bis Mitte Februar. Als Sicherheit für die staatlichen Hilfszahlungen sollte das noch nicht fertiggebaute Schiff dienen. Doch die Verhandlungen endeten im Streit und schließlich in der Insolvenzanmeldung, die rund 1.900 Mitarbeiter betrifft.

Cross-Default-Effekt: Nach MV Werften kippte Genting

Christopher Kranz ist Partner bei Simmons & Simmons in der Financial-Markets-Praxis und Leiter des Bereichs Restrukturierung und Insolvenz in Deutschland. Foto: Simmons + Simmons

So weit zur Situation in Deutschland. „Doch die Insolvenzanmeldung hierzulande hatte einen Dominoeffekt im Ausland“, berichtet Christopher Kranz, Partner bei der Kanzlei Simmons + Simmons. Bereits am Freitag vor der Insolvenzanmeldung der MV Werften setzte Genting den Handel seiner eigenen Aktien an der Hongkonger Börse aus. Neun Tage nach der deutschen Beteiligung meldete dann auch der Werfteneigentümer Genting Insolvenz an.

Ursache dafür war laut dem Restrukturierungsexperten unter Umständen ein sogenanntes Cross Default innerhalb der Gruppe: Nach dem Antrag auf Insolvenz in Deutschland hatten offenbar andere Investoren das Recht, die Finanzierung zu kündigen.

Hätte Genting überleben können?

Auch die Tatsache, dass zum gleichen Zeitpunkt das Platzen eines Darlehens des Landes Mecklenburg-Vorpommern bekannt wurde, könnte die asiatischen Finanzierer zur Kündigung ermutigt haben. Der Hintergrund: Das Land hatte ursprünglich seine Unterstützung für Genting zugesagt, um eine für die Jahre 2024/2025 absehbare Liquiditätslücke zu schließen. Genting forderte die Auszahlung der Gelder dann allerdings schon im Dezember 2021 und verwies auf eine akute Liquiditätslücke.

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Doch die Landesregierung wollte nicht zahlen, da sie die Zukunft der MV Werften als nicht gesichert ansah – und deren Überleben war schließlich das Hauptargument für ein Engagement. „Ich weiß nicht, ob das mitausschlaggebend für die Insolvenz von Genting war, aber das Geld hätte den Konzern vielleicht eine Weile retten können“, meint Kranz.

Nun stecken beide Unternehmen in der Klemme. Genting-Chef Lim Kok Thai trat am 24. Januar zurück. Er soll laut F.A.Z. einen Schuldenberg von 3,4 Milliarden US-Dollar hinterlassen haben.

Hat sich „Global Dream“ ausgeträumt?

Und wie geht es mit den Werften weiter? „Es gibt verschiedene Möglichkeiten – zum Beispiel eine Sanierung oder einen Distressed M&A-Deal“, so Kranz. Eine wichtige Rolle kommt dabei der „Global Dream“ zu, die im fertigen Zustand rund 1,5 Milliarden Euro wert sein soll. Laut dem Unternehmen ist das Schiff, das in Wismar gebaut wird und Platz für 9.500 Gäste haben soll, zu drei Vierteln fertig. Für das letzte Viertel des 342 Meter langen Schiffs fehlen besagte 600 Millionen Euro.

Doch Investoren müssten sich das Geschäftsmodell genau ansehen. Der ursprüngliche Plan, einen Ozeanriesen im Kreuzfahrtschiffsbereich zu erschaffen, könnte nicht mehr angemessen sein. Aus Marktkreisen ist zu hören, dass das Schiff umfunktioniert werden könnte. Das Geschäft mit Kreuzfahrten muss wegen der Coronakrise einige Einbußen verkraften. Wann sich das Geschäft erholt, weiß niemand. Für Rechtsanwalt Kranz steht fest: „Das Schiff muss fertig gebaut werden, sonst ist es als Asset im Grunde wertlos.“

Käufersuche gestaltet sich schwierig

Ludwig J. Weber, Rechtsanwalt bei Schultze & Braun, sieht das allerdings kritisch. „Das Schiff wurde als Kreuzfahrtschiff für den asiatischen Markt konzipiert, und es sollte eigentlich als schwimmendes Casino dienen.“ Demnach ist das Schiff nur für einen speziellen Käufermarkt interessant. „Das vereinfacht die Abnehmer-Situation nicht wirklich“, so Weber. Schlimmstenfalls könnte als letzte Verwertungsmöglichkeit bleiben, das Schiff „zu verschrotten“ und den Stahl zu verwerten, „aber so weit sei es noch nicht“.

Noch schwieriger macht die Situation, dass Genting offenbar vorhatte, die MV Werften nach dem Fertigstellen der „Global Dream“ solvent zu liquidieren, wie inzwischen bekannt wurde – sprich, das Geschäft auslaufen zu lassen. Das geht aus den Gutachten der Wirtschaftsprüfer von EY hervor. Folgeaufträge gibt es anscheinend nicht. Ein neuer Käufer der Werften hätte also erst einmal ein Unternehmen mit leerem Auftragsbuch. Jedoch wäre das laut Weber kein zwingendes „Aus“ für die Werftenstandorte. Investoren aus der Branche mit vollen Auftragsbüchern und fehlenden Baukapazitäten könnten hier Interesse zeigen.

Dr. Ludwig J. Weber ist ein Kenner der Werftbranche und Experte für Unternehmensfinanzierung und -sanierungen. Foto: Schultze und Braun

Wem gehört das Schiff?

Laut dem vorläufigen Insolvenzverwalter Christoph Morgen (Brinkmann & Partner) sollen bereits erste Investoren ihr Interesse bekundet haben. Wenn der neue Investor oder Kreditgeber an dem Schiff als Sicherheit partizipiert, senkt dies zudem das Risiko beträchtlich. Allerdings bleiben zunächst einige Fragen: Wie sind die genauen Eigentumsverhältnisse an dem Schiff? Wem gehört der bereits fertiggestellte Schiffsbau? Sind Sicherheiten an Banken vergeben und wenn ja, in welcher Form?

Die Details dazu sind derzeit wohl nur dem Insolvenzverwalter und der Bank bekannt. Üblich in der Schiffsfinanzierung ist Experte Weber zufolge, dass die Werft die Anzahlungen des Bestellers (in diesem Fall Genting) für den Bau des Schiffs über Avalkredite besichert, die wiederum von der öffentlichen Hand verbürgt werden. Dabei werden nicht selten auch Hypotheken als Sicherheiten eingesetzt. Sollte auf dem Schiff also eine Hypothek liegen, könnten die Hypothekengläubiger Ansprüche erheben. „Der Auftrag zum Bau der Global Dream erfolgte jedoch innerhalb des Genting-Konzerns, so dass fraglich ist, ob hier Hypotheken zugunsten des Auftraggebers bestellt wurden. Denkbar sind aber Hypotheken zugunsten der Finanzierer“, sagt Weber.

Ausländischer Eigner: Kultur spielt eine Rolle

Für das Insolvenzverfahren spielt es formaljuristisch keine Rolle, ob der Eigner aus dem Ausland kommt – und doch kann man den Aspekt nicht ignorieren. Ein ausländischer Eigner kann einen Unterschied machen, wenn es um geschäftspolitische Entscheidungen geht und um die Frage, wie man mit der Krisensituation umgeht.

Weber nennt ein Beispiel aus der Praxis: Ein Unternehmen mit asiatischem Anteilseigner befand sich in Schieflage und brauchte ein Gesellschafterdarlehen in Millionen-Höhe, um über den Berg zu kommen. Nach deutschem Recht würde es sich dabei um ein nachrangiges Darlehen handeln, das der Gesellschafter nicht zurückfordern kann, bis die Krise vorbei ist. „Der Eigner hat das Geld zugesagt, und es auch überwiesen. Als er dann aber die Nachrangigkeit seines Darlehens – also den gesetzlichen Status quo – schriftlich bestätigen sollte, verweigerte er die Unterschrift. Die Unterschrift hätte nichts an seiner rechtlichen Situation geändert, und es lässt sich nur erahnen, warum der Gesellschafter nicht dazu bereit war.“ Die Folge war eine Insolvenz.

Die Bereitschaft, sich als Gesellschafter noch einmal zu engagieren, könnte zudem weniger ausgeprägt sein, wenn den Eigner eine große Distanz von dem betroffenen Unternehmen trennt.

Die Folgen der Genting-Insolvenz

Dass in diesem Fall der ausländische Eigner auch noch selbst insolvent ist, macht im Fall eines Verkaufs der Werften keinen Unterschied: „Genting bekäme als Gesellschafter nur dann Geld, wenn alle anderen Gläubiger zuvor vollständig befriedigt worden sind. „Das ist sehr unwahrscheinlich“, schätzt Jurist Weber von Schultze & Braun.

Die Insolvenzverwalter von Genting, die von den Bermudas aus agieren, könnten allenfalls noch versuchen, auf die Geschäftsführung der Werften Einfluss zu nehmen. „Jedoch muss jede Verfügung vom vorläufigen Insolvenzverwalter der Werften genehmigt werden. Der Einfluss ist also gering.“

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

sarah.backhaus@finance-magazin.de | + posts

Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln studiert. Sarah Backhaus arbeitete während ihres Studiums unter anderem für Onlinemagazine von Gruner + Jahr und schrieb als freie Journalisten für die Handelszeitung, faz.net und Impulse.

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