Gute Nachricht für Bayer: Der Konzern nimmt 1,6 Milliarden US-Dollar in die Hand und legt den Streit um das Verhütungsmittel „Essure“ bei.

Bayer

21.08.20
Wirtschaft

Bayer einigt sich erneut auf Milliardenvergleich

Bayer legt den nächsten Rechtsstreit mit einer milliardenschweren Zahlung bei. Erst im Juni kündigte der Konzern einen Jumbo-Vergleich über fast 11 Milliarden Dollar an. Der ist allerdings zum Teil ins Wanken gekommen.

Bayer schließt im Streit um das Verhütungsmittel „Essure“ in den USA einen Vergleich ab und nimmt dafür 1,6 Milliarden US-Dollar in die Hand. Mit den umgerechnet 1,35 Milliarden Euro kann der Pharmakonzern einen Großteil der Klagen beilegen: Insgesamt deckt die Summe rund 90 Prozent der knapp 39.000 eingereichten oder geplanten Klagen ab. Wie die Leverkusener am Donnerstag mitteilten, sei in dem Milliardenvergleich auch eine Pauschale enthalten, die Ansprüche abdeckt, für die es noch keine Vergleichsvereinbarung gibt.

Im Gegenzug würden alle Klägerinnen, die sich dem Vergleich anschließen, ihre Klagen zurücknehmen oder nicht einreichen, erklärte Bayer. Jedoch betont der Dax-Konzern auch: „Die Vergleichsvereinbarungen enthalten keinerlei Eingeständnis eines Fehlverhaltens oder einer Schuld.“ Die Vergleichssumme sei durch bestehende Rückstellungen gedeckt.

Bayer verkauft „Essure“ seit 2018 nicht mehr

Hintergrund der Rechtstreitigkeiten ist, dass die Klägerinnen nach Einsatz der Verhütungsspirale „Essure“ über Gesundheitsprobleme wie chronische Schmerzen geklagt hatten. Bayer hatte das Geschäft 2013 mit dem Kauf des US-Metallspiralen-Herstellers Conceptus übernommen. Vier Jahre später kündigte Bayer an, den Verkauf des Verhütungsmittels außerhalb der USA zu stoppen. 2018 wurde das umstrittene Geschäft dann komplett eingestellt. Der Konzern führte damals wirtschaftliche Gründe an.

Der aktuelle Vergleich gilt, wie Bayer in der aktuellen Mitteilung betont, nur für Klagen in den USA. Die erzielten Vergleiche „hätten keinen Einfluss auf anhängige Rechtsstreitigkeiten in anderen Ländern“.

Bayer verkündete kürzlich Jumbo-Vergleich

Die „Essure“-Rechtsstreitigkeiten sind nur eine von vielen juristischen Auseinandersetzungen, mit denen sich Bayer in den vergangenen Monaten befassen musste. In diesem Sommer hatten die Leverkusener Fortschritte beim Aufräumen von gleich mehreren rechtlichen Baustellen verkündet.

Zunächst will der Konzern 820 Millionen US-Dollar (728 Millionen Euro) zahlen, um die Klagen im Fall „PCB“ beizulegen. „PCB“ ist ein mittlerweile verbotenes Umweltgift, das Gewässer verunreinigt haben soll. Mit weiteren 400 Millionen US-Dollar (354 Millionen Euro) will Bayer die Klagen wegen des Unkrautvernichters Dicamba vom Tisch haben, der angeblich zu Ernteschäden geführt haben soll. Hier will der Konzern auch den mitangeklagten Wettbewerber BASF beteiligen.

Hinzu kommt die Beilegung des wohl teuersten Rechtsstreits um das Unkrautvernichtungsmittel Roundup, das Glyphosat enthält. Dafür wollte Bayer 10,1 Milliarden bis 10,9 Milliarden US-Dollar (9,1 bis 9,8 Milliarden Euro) zahlen. Die Summe setzt sich aus 8,8 bis 9,6 Milliarden US-Dollar für alle aktuellen Klagen und weitere 1,25 Milliarden US-Dollar für etwaige künftige Klagen zusammen. Zur Finanzierung sammelte CFO Wolfgang Nickl unter anderem 6 Milliarden Euro am Anleihemarkt ein.

FINANCE-Köpfe

Wolfgang Nickl, Bayer AG

Wolfgang Nickl startet seine Laufbahn 1992 als Berater und Controller bei dem deutschen IT-Dienstleister Sercon, bevor er 1995 zur Western Digital Corporation wechselt. Für den US-Festplattenhersteller ist er zunächst als Geschäftsplaner in den Niederlanden tätig, im Anschluss als Director Business Solutions in San José im Silicon Valley.

Im Jahr 2000 wechselt Nickl als Finanzvorstand zum US-amerikanischen IT-Unternehmen Converge, kehrt jedoch wenig später zu Western Digital zurück. Acht Jahre lang durchläuft Nickl dort mehrere Positionen im Finanz- und Strategiebereich. Währenddessen erwirbt Nickl 2005 einen MBA-Abschluss von der University of Southern California’s Marshall School of Business. 2010 wird er zum Finanzchef von Western Digital befördert.

Im Dezember 2013 kehrt Nickl nach Europa zurück und wird CFO des niederländischen Chipherstellers ASML. Im September 2017 beruft der Chemie- und Pharmakonzern Bayer, der seinerzeit inmitten der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme des Saatgutspezialisten Monsanto steckt, den damals 48-Jährigen zum CFO. Nickl tritt seine neue Position im Juni 2018 an.

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Glyphosat-Vergleich wackelt

Doch genau dieser letzte Vergleich steht jetzt auf der Kippe. Grund dafür ist, dass der zuständige Bundesrichter Vince Chhabria zwei Wochen nach der Einigung Bedenken äußerte. Es geht dabei um die Rolle eines Expertengremiums, dessen Urteil über die Ausgabe der vorgesehenen 1,25 Milliarden US-Dollar für künftige Fälle entscheiden sollte, was der Richter allerdings kritisch sieht. Die beteiligten Parteien hatten daraufhin ihre Anträge zurückgezogen.

Zwar ist damit immer noch ein Großteil der insgesamt etwa 125.000 eingereichten und nicht eingereichten Klagen vom Tisch. Doch Bayer-Chef Werner Baumann hatte immer wieder betont, dass mit einem solchen Jumbo-Vergleich auch künftige Rechtsstreitigkeiten beigelegt werden müssten. Dieser Ansatz soll auch beibehalten werden, wie Baumann im Zuge der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen Anfang August verkündete. Derzeit soll ein neuer Vorschlag mit den Repräsentanten künftiger Fälle besprochen werden.

sarah.backhaus[at[finance-magazin.de