Bayer: Kehrt nach dem Milliardenvergleich endlich Ruhe ein?

Bayer

25.06.20
Wirtschaft

Bayer kauft sich mit fast 11 Milliarden Dollar frei

Bayer hat sich im US-Rechtsstreit um das Unkrautvernichtungsmittel Roundup mit einem Großteil der Kläger geeinigt. Die Beilegung kostet die Leverkusener wohl rund 11 Milliarden US-Dollar – das Geld dafür sucht sich CFO Wolfgang Nickl aus mehreren Quellen.

Aufatmen in Leverkusen: Bayer hat in den US-Rechtsstreitigkeiten um das Glyphosat enthaltende Unkrautvernichtungsmittel Roundup einen umfassenden Vergleich geschlossen. Wie das Unternehmen am Mittwoch Abend mitteilte, wolle es zur Beilegung der aktuellen Glyphosat-Verfahren sowie für mögliche künftige Fälle insgesamt 10,1 Milliarden bis 10,9 Milliarden US-Dollar (9,1 bis 9,8 Milliarden Euro) zahlen. Die Summe setzt sich aus zwei Teilen zusammen: 8,8 bis 9,6 Milliarden US-Dollar werde man für die Beilegung der aktuellen Roundup-Fälle verwenden. Zudem plant der Konzern weitere 1,25 Milliarden Dollar für etwaige künftige Kläger ein.

Die Vereinbarungen seien von Vorstand und Aufsichtsrat unter Mitwirkung des eigens dafür eingerichteten Ausschusses zum Glyphosat-Rechtskomplex einstimmig genehmigt worden. „Sie enthalten keinerlei Eingeständnis einer Schuld oder eines Fehlverhaltens“, betont das Unternehmen. 

Bayer hat Drei-Viertel der Klagen vom Tisch

„Der Roundup-Vergleich ist für Bayer der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt, um eine lange Periode der Unsicherheit zu einem Ende zu bringen“, äußerte sich Bayer-CEO Werner Baumann erleichtert. Er sei im Vergleich mit den „erheblichen finanziellen Risiken“ eines fortgesetzten langjährigen Rechtsstreits sowie den damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die Unternehmensreputation wirtschaftlich sinnvoll, so Baumann weiter.

Mit dem jetzigen Schritt soll Bayer nach eigenen Aussagen gut drei Viertel aller Glyphosatverfahren zum Abschluss bringen, mit insgesamt 125.000 eingereichten und noch nicht eingereichten Klagen. Zuletzt hatte Bayer noch Klagen von etwas mehr als 50.000 Klägern kommuniziert.

US-Anwalt Kenneth Feinberg, der für Bayer als Schlichter in den Glyphosat-Fällen fungiert, sagte der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“,  dass seiner Erfahrung nach die noch offenen Fälle innerhalb weniger Monate in einen Vergleich münden. Die erzielte Einigung dürfte viele Kläger dazu bewegen, ebenfalls ein Abkommen anzustreben. Auch die Coronavirus-Pandemie spielt Bayer in die Karten, da die ausstehenden Kläger länger auf ein Gerichtsverfahren warten müssen, was ebenfalls eine gütliche Einigung begünstigen könnte. Mit Blick auf die Zahlungen dürften diese nach Einschätzung von Feinberg in einer Spanne zwischen 5.000 und 175.000 US-Dollar liegen.

Bayer entledigt sich auch anderer Klagen

Neben den Glyphosat-Prozessen holt Bayer auch gleich zum Rundumschlag aus und legt parallel noch die Rechtsstreits um Verwehungen und die daraus entstandenen Ernteschäden des Herbizids Dicamba für 400 Millionen US-Dollar (354 Millionen Euro) bei. Hier erwartet Bayer nach eigenen Angaben einen Kostenbeitrag des ebenfalls verklagten Mitbewerbers BASF zu diesem Vergleich.

Die dritte Beilegung, die US-Verfahren zu Gewässerverunreinigungen rund um das Umweltgift PCB, kostet die Leverkusener 820 Millionen Dollar (728 Millionen Euro). Der Bayer-Konzern geht davon aus, dass die Vergleichszahlungen bereits in diesem Jahr beginnen werden. Den möglichen Mittelabfluss beziffert das Unternehmen mit 5 Milliarden US-Dollar im laufenden Jahr und 5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021. Der Rest solle im Jahr 2022 oder danach gezahlt werden.

Wie Bayer die Zahlungen finanzieren will

Für die Finanzierung will CFO Wolfgang Nickl auf die bestehende Liquidität, den künftigen Free Cash Flow, die Einnahmen aus dem Verkauf der Tierarzneisparte und zusätzliche Anleiheemissionen zurückgreifen. Bayer geht davon aus, sein Investment-Grade-Rating zu behalten. Hier hatte zuletzt hatte die Rating-Agentur Fitch im Juli 2019 ihr Rating für Bayer aufgrund der Glyphosat-Klagewelle von A auf BBB+ mit negativem Ausblick gesenkt . Zudem wolle man an der bisherigen Dividendenpolitik und dem Schuldenabbau festhalten.

Bayer ächzt nach dem teuren Kauf von Monsanto unter einen hohen Verschuldung: Zum 1. Quartal 2020 legte die Nettofinanzverschuldung verglichen mit dem Geschäftsjahr 2019  noch um weitere 1,3 Milliarden auf 35 Milliarden Euro zu, was Bayer im Wesentlichen mit Mittelabflüssen aus der operativen Geschäftstätigkeit sowie negativen Währungseffekten begründete. Der Free Cashflow des Konzerns lag im Geschäftsjahr 2019 bei 4,2 Milliarden Euro.

Die Einnahmen aus dem Verkauf von Animal Health decken bereits einen großen Teil der Vergleichszahlungen ab. Bayer hatte im vergangenen Jahr seine Tiergesundheitssparte an den US-Wettbewerber Elanco für 7,6 Milliarden Euro veräußert . Der Deal war Anfang Juni von den EU-Behörden nach Zugeständnissen von Elanco durchgewunken worden.

FINANCE-Köpfe

Wolfgang Nickl, Bayer AG

Wolfgang Nickl startet seine Laufbahn 1992 als Berater und Controller bei dem deutschen IT-Dienstleister Sercon, bevor er 1995 zur Western Digital Corporation wechselt. Für den US-Festplattenhersteller ist er zunächst als Geschäftsplaner in den Niederlanden tätig, im Anschluss als Director Business Solutions in San José im Silicon Valley.

Im Jahr 2000 wechselt Nickl als Finanzvorstand zum US-amerikanischen IT-Unternehmen Converge, kehrt jedoch wenig später zu Western Digital zurück. Acht Jahre lang durchläuft Nickl dort mehrere Positionen im Finanz- und Strategiebereich. Währenddessen erwirbt Nickl 2005 einen MBA-Abschluss von der University of Southern California’s Marshall School of Business. 2010 wird er zum Finanzchef von Western Digital befördert.

Im Dezember 2013 kehrt Nickl nach Europa zurück und wird CFO des niederländischen Chipherstellers ASML. Im September 2017 beruft der Chemie- und Pharmakonzern Bayer, der seinerzeit inmitten der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme des Saatgutspezialisten Monsanto steckt, den damals 48-Jährigen zum CFO. Nickl tritt seine neue Position im Juni 2018 an.

zum Profil

Bayer-Aktie verliert

Moody’s-Analyst Moritz Melsbach begrüßte die Einigung in einer ersten Einschätzung, da sie erhebliche Unsicherheiten in Bezug auf die verschiedenen Rechtsstreitigkeiten beseitige. Gleichzeitig wies er allerdings auch auf den hohen Preis hin, der den Schuldenabbau des Unternehmens aus seiner Sicht verzögern werde, da die Einnahmen aus der Veräußerung von Vermögenswerten und der Generierung von freiem Cashflow nun zur Finanzierung von Abrechnungszahlungen verwendet werden, anstatt die Schulden aus der Finanzierung der transformativen Monsanto-Akquisition zu reduzieren.

An der Börse zeigten sich die Anleger um der hohen Vergleichssumme verschnupft und ließen den Kurs um knapp 6 Prozent auf 69,45 Euro fallen.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de