Schwere Zeiten: Durch den deutschen Autohandel rauscht eine Pleitewelle, zeigt der aktuelle FINANCE-Insolvenz-Report.

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02.08.18
Wirtschaft

Krise bei Autohändlern und Papierfabriken hält an

Nur in einem einzigen Quartal gab es seit 2012 weniger Insolvenzen als in diesem Frühjahr. In einzelnen Krisenbranchen verschärft sich die Situation allerdings zusehends.

Die gute Konjunktur lässt die Zahl der Großinsolvenzen in Deutschland wieder zurückgehen. Brachte das Jahr 2017 noch einen deutlichen Anstieg von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr, mussten im zweiten Quartal diesen Jahres so wenige Großunternehmen aufgeben wie erst einmal seit der Einführung des Sanierungsgesetzes ESUG im Jahr 2012. Dies zeigt der heute veröffentlichte neue FINANCE-Insolvenz-Report, den FINANCE gemeinsam mit der Restrukturierungsberatung Falkensteg erstellt. 

Die Zahl der Großinsolvenzen von Unternehmen mit mehr als 20 Millionen Euro Jahresumsatz sank auf 14 Fälle. Zum Vergleich: Im zweiten Quartal 2017 waren es noch 25 Insolvenzen gewesen, im ersten Quartal dieses Jahres sogar 29. Zudem musste im zweiten Quartal 2018 mit dem Energielieferanten Enerco Systems nur ein einziges Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatzgröße Insolvenz anmelden. Davon betroffen waren allerdings lediglich 19 Mitarbeiter.

Paracelsus-Kliniken an Happel-Familie verkauft

Allerdings setzt sich der Trend zu gehäuften Krisenfällen in einzelnen Branchen fort. Wieder waren es Autohausketten, Energieanbieter und Möbelhändler, die im Frühjahrsquartal einen Großteil der Pleiten ausmachten – je drei an der Zahl. Hinzu kamen zwei weitere Papierfabriken. Mit Ausnahme der Autohäuser leiden die Krisenbranchen unter anziehenden Energie- und Rohstoffkosten.

Zu den größten Insolvenzfällen des Quartals zählen die Papierfabrik Zanders mit 96,5 Millionen Euro Umsatz und knapp 500 Mitarbeitern sowie der Werkzeugmaschinenbauer SHW mit 47 Millionen Euro Umsatz und 240 Angestellten. 

Das größte abgeschlossene Insolvenzverfahren war das der Paracelsus-Kliniken (409 Millionen Euro Umsatz, über 5.500 Mitarbeiter). Es endete mit einem Verkaufsprozess, in dem sich in einem engen Bieterrennen am Ende das Family Office der Milliardärsfamilie Happel als Käufer durchsetzen konnte. Die neuen Eigentümer planen nun, den Investitionsstau anzugehen und die Kliniken stärker als Verbund zu führen. Der Stahl- und Metallhändler Remag (182 Millionen Euro Umsatz, 490 Mitarbeiter) wurde aufgeteilt und in mehreren Asset-Deals an verschiedene strategische Investoren verkauft. Die 153 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftende Papierfabrik Uetensen wurde an den Restrukturierungsinvestor Kairo Industries übertragen.

Schutzschirmverfahren rettet Arbeitsplätze

Eine Mehrjahresbilanz, die Falkensteg rückwirkend bis zur Einführung des ESUG 2012 gezogen hat, zeigt, dass die Gesetzesänderung seitdem viele Arbeitsplätze gerettet hat. Bei allen Großverfahren, die es seitdem in Deutschland gab (Umsatz über 20 Millionen Euro), konnten im Schnitt über 60 Prozent der Arbeitsplätze erhalten werden. Bei jedem vierten Großverfahren ging sogar überhaupt kein Arbeitsplatz verloren, während nur jedes zehnte Großverfahren mit einer Quote von weniger als 10 Prozent endete.

Die aus Sicht der Arbeitnehmer aussichtsreichste Verfahrensart ist das mit dem ESUG etablierte Schutzschirmverfahren. Werden insolvente Unternehmen auf diesem Wege saniert, bleiben im Schnitt über 71 Prozent der Arbeitsplätze erhalten. Auch wenn ein ausländischer Investor einsteigt, sind die Weiterbeschäftigungschancen mit 69 Prozent überdurchschnittlich hoch. Bei Investoren aus Deutschland liegt diese Quote bei 62 Prozent.       

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehrjahresstatistiken, weitere Hintergründe zu den größten laufenden Insolvenzverfahren und vieles mehr finden Sie hier in der neuen Ausgabe des FINANCE-Insolvenz-Reports