Der nach der Insolvenz beim FSV Frankfurt als Retter angetretene Michael Görner: Insolvenzen von Sportvereinen haben ihre eigenen Gesetze.

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18.05.17
Wirtschaft

Pleitewelle im deutschen Fußball

Drei Insolvenzen in acht Wochen: Der deutsche Fußball erlebt eine Pleitenserie. Was passiert, wenn bei einem Sportverein die Lage eskaliert – ein Insolvenzprofi berichtet.

Eine bemerkenswerte Pleitewelle hat in diesem Frühjahr den deutschen Fußball heimgesucht: Mit Alemannia Aachen, dem VfR Aalen und dem FSV Frankfurt mussten zwischen Mitte Februar und Mitte April gleich drei bekannte Fußballklubs Insolvenzantrag stellen. Mit Aalen und Frankfurt erwischte es zwei Drittligaklubs, Aachen spielt in der vierten Liga.

Und die Pleitewelle rauscht nicht nur durch den Fußball: Nach Zahlen des Insolvenzportals STP haben bis Ende April in diesem Jahr schon mindestens neun Sportvereine Insolvenz beantragt. 2016 waren es sogar mindestens 27. Darunter sind auch Vereine aus anderen Sportarten wie Eishockey, Boxen oder Reiten.

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Unprofessionelle Zettelwirtschaft

Für Sanierer sind Insolvenzen von Sportvereinen eine besondere Herausforderung, berichtet der Insolvenzverwalter Volker Böhm von der Kanzlei Schultze & Braun: „Die betroffenen Vereine sind oft wenig professionell geführt und leiden unter interner Lagerbildung. Es geht oft wenig sachlich zu und es wird viel gestritten. Das erschwert jeden Sanierungsversuch.“

Speziell im Finanzbereich zeigen sich häufig kapitale Versäumnisse: „Bei Sportvereinen findet man viele Ehrenamtliche und Halbprofis in der Führung, die die Finanzen ihrer Vereine neben ihrem eigentlichen Beruf managen – vor allem bei den Vereinen, die aus unteren Ligen schnell nach oben gekommen sind. Für sie ist es dann oft eine große Herausforderung, die für die Lizenz erstellte Liquiditätsplanung im weiteren Saisonverlauf aufrechtzuerhalten und zu kontrollieren“, bemängelt Böhm.

Hinzu kommt, dass es häufig an professionellen IT-Systemen für Buchhaltung und Zahlungsverkehr fehlt. Die Konsequenz: „Wir müssen bei Vereinen leider oft mit einer finanziellen Zettelwirtschaft kämpfen, was die Sanierung natürlich nicht einfacher macht“, erzählt der erfahrene Insolvenzverwalter.

Raus aus dem finanziellen Abseits

Insolvenzverwalter oder Sanierer stellt dies regelmäßig vor riesige Probleme – auch, weil bei Sportpleiten so manche Möglichkeit versperrt ist, die das moderne Insolvenzrecht bietet. Böhm: „Anders als ein Unternehmen kann man einen Verein nicht einfach an einen neuen Investor verkaufen.“ Neben der Tatsache, dass es in Vereinen oft nur wenige Vermögenswerte gibt, die verkauft werden können, spielt auch die Lizenz eine entscheidende Rolle – sie hängt am Rechtsträger, also dem Verein: „Also kann man in der Regel keine übertragene Sanierung machen, bei der die wesentlichen Assets in eine neue Gesellschaft transferiert werden“, erläutert Böhm. Erste Wahl der Sanierung ist dann meist der Insolvenzplan – sofern genügend Geld da ist, um den Spielbetrieb fortzusetzen.

Die Fortführung gelingt aber häufig gut, macht der Sanierer Hoffnung. Ein Grund: Das Insolvenzgeld entlastet einen Verein erst einmal von dem meist größten Kostenblock, den Personalkosten. „Außerdem bietet ein Insolvenzverfahren die Möglichkeit, einen Verein durch die Bereinigung der Passivseite nachhaltig aus dem finanziellen Abseits zu holen – und das meistens lediglich eine Liga tiefer.“ Einen solchen Neustart strebt beispielsweise der FSV Frankfurt an.

Insolvenzexperte Böhm: „Größtes Problem sind schillernde Figuren“

Ein großes Hindernis bei der Sanierung können nach Böhms Erfahrung Personen sein, die großen Einfluss auf den Verein haben. „In vielen Vereinen gibt es persönliche Querelen und schillernde Figuren“, weiß Böhm – vor allem in den Reihen der Mäzene, für die die finanzielle Unterstützung des Vereins auch eine wichtige Rolle bei der regionalen Positionierung ihrer Unternehmen spielt.

Trotz ihrer oft dubiosen Rolle haben sie einen Vorteil: Das Haftungsrisiko ist für die handelnden Personen in Vereinen – zumindest im Amateurbereich – etwas geringer als in der freien Wirtschaft. „Ehrenamtliche Mandatsträger werden in Sachen Haftung, anders als Geschäftsführer einer GmbH, nicht ganz so hart angegangen“, sagt Böhm. Problematisch wird es, wenn diese Personen auch nach einer Insolvenz noch in der Führung präsent sind. „Außerhalb des Klubs sind dann viele der Meinung, der Verein habe mit seiner Vergangenheit nicht abgeschlossen. Und dann wird es schwer, Sponsoren zu finden, die neues Geld bereitstellen.“

Das deutsche Insolvenzrecht kennt keine Spenden von Fans

Viel hilfreicher verhalten sich manchmal die Fans. Bei vielen insolventen Vereinen geben sie Geld, sammeln Spenden und rufen Rettungsaktionen ins Leben. „Das ist gut für die Stimmung, weil die Fans zur Rettung ihres Vereins beitragen können. Außerdem gilt die Devise: Jeder Euro hilft, der in die Vereinskasse fließt“, findet Böhm.

Unproblematisch sind Fanaktionen freilich nicht. Ein Grund: Die deutsche Insolvenzordnung sieht Spenden nicht vor, was zu einer heiklen Frage führt, wenn der Verein nicht fortgeführt werden kann: Landen die Gelder dann in der Insolvenzmasse, oder haben die Spender das Recht, sie zurückzufordern? Ein Ausweg sind Sachspenden. „Wenn Fans Vereinsabteilungen zum Beispiel die Benzinkosten für die Fahrt zum nächsten Auswärtsspiel spendieren, hilft das direkt und wirft keine rechtlichen Themen auf.“

Ligen und Verbände haben die Sanktionskeule eingesteckt

So ungewöhnlich weite Teile seines Berichts klingen mögen: Böhm ist zuversichtlich, dass sich die Prozesse bei der Sanierung von Sportvereinen in naher Zukunft einspielen werden. Er geht davon aus, dass die Insolvenz als Sanierungsweg bald häufiger und vor allem früher gewählt wird als in der Vergangenheit.

Böhm stützt seine Erwartung darauf, dass Ligen und Verbände ihre Sanktionen abgeschwächt haben: „Früher bedeutete es zum Beispiel im Fußball automatisch den Zwangsabstieg, wenn das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Seit Juli 2014 werden einem insolventen Verein in der Regel ‚nur noch‘ neun Punkte abgezogen, wenn die Verantwortlichen einen Insolvenzantrag stellen. Das führt nicht mehr zwingend zum Abstieg.“

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der VfR Aalen: Anders als dem FSV Frankfurt wird es den Schwaben dank einer starken Punkteausbeute seit dem Insolvenzantrag sportlich sogar gelingen, trotz des Punktabzugs den Abstieg zu vermeiden. Dann dürften die Aalener auch nächstes Jahr wieder in der 3. Liga antreten – eine echte Chance für einen Neuanfang.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Keine Pleiten, aber durchaus gewagte Finanzmanöver: Wie es um die Finanzen der deutschen Fußballklubs bestellt ist – regelmäßig neue Analysen gibt es in unserem Fußball-Finanz-Blog 3. Halbzeit.