In der Obhut des Kreml: Es zeichnet sich immer stärker ab, welch wichtige Rolle Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek für den russischen Geheimdienst gespielt haben könnte.

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31.08.20
Wirtschaft

War Marsalek ein Super-Spion Moskaus?

Die Enthüllungen rund um den flüchtigen Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek werden immer wilder. Für die russischen Geheimdienste soll er sogar wichtiger als Ex-NSA-Agent Edward Snowden sein.

Neue Enthüllungen des „Handelsblatts“ erhärten den Verdacht, dass der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek ein wichtiger Gehilfe der russischen Geheimdienste gewesen sein könnte. Wie die Zeitung am heutigen Montag berichtet, könnte Marsalek „eine Art Zahlungskurier“ gewesen sein und dafür gesorgt haben, Gelder an von Russland gesteuerte Milizen in Syrien, Libyen, der Ukraine und Afrika zu transferieren.

Dies wäre ein wichtiger Dienst für den Kreml gewesen, da Moskau offiziell bestreitet, dass die Milizen im Auftrag Russlands agieren. Die Zeitung zitiert „diplomatische Kreise“, die vermuten, dass Marsalek – sollte er diese Aufgaben tatsächlich übernommen haben – für den Kreml „besonders wertvoll“ und „ein Geheimnisträger erster Güte“ sei. 

Ist Marsalek wichtiger als Edward Snowden?

Außerdem zitiert das „Handelsblatt“ einen Bekannten Marsaleks damit, dass der flüchtige Manager damit geprahlt haben soll, dass er „für alle möglichen Geheimdienste Kreditkarten herstellt sowie Informationen über Zahlungsflüsse und zur Frage, welche Personen hinter den Transaktionen stecken, liefert“. Das russische Magazin „Versija“, welches das „Handelsblatt“ als „den Geheimdiensten nahestehend“ beschreibt, glaubt sogar, dass die Causa Marsalek für die russischen Geheimdienste „von größerer Bedeutung als die Affäre um den NSA-Überläufer Edward Snowden“ sei.

Mit Marsaleks möglichen Kontakten zu deutschen Diensten befasst sich heute auch der Finanzausschuss des Deutschen Bundestags. „Dem Bundesamt für Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst (BND) liegen keine nachrichtendienstlichen Erkenntnisse zu Marsalek vor“, lautet die offizielle Position der Bundesregierung – eine Darstellung, die der Linken-Politiker Fabio de Masi für unwahr hält. Er hält es für wahrscheinlich, dass auch der BND mit Marsalek zusammengearbeitet hat.

Zahlungsverkehr für russische Onlinecasinos

Außerdem berichten russische Medien, dass Marsalek auch wichtige Dienstleistungen für russische Geschäftsleute erbracht haben soll. Da derartige Geschäfte in Russland verboten sind, habe er für Betreiber von Onlinecasinos und Glücksspielseiten den Zahlungsverkehr über Wirecards Netzwerke geleitet.

Zentrale Drehscheibe dafür könnten Wirecards Partner in Dubai gewesen sein, die angeblich mit Abstand die höchsten Gewinne im Konzerngeflecht des zeitweiligen Dax-Konzerns erwirtschaftet haben sollen – zumindest gemäß der offiziellen, inzwischen als falsch enttarnten Geschäftszahlen bis einschließlich Frühjahr 2020. Dem „Handelsblatt“ liegen Dokumente vor, die zeigen sollen, dass Wirecards Partner in Dubai „,massenweise Glücksspiel- und Pornotransaktionen abgewickelt haben“.

Marsalek soll sich aktuell auf einem Anwesen des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR in der Nähe von Moskau aufhalten. Die Russen hätten Marsalek zugesichert, ihn nicht auszuliefern, schreibt das „Handelsblatt“.   

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de