Die Währungs- und Finanzkrise in der Türkei ist eskaliert. Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr für Europa?

Koraysa/Thinkstock/Getty Images

10.08.18
Wirtschaft

Währungskrise in der Türkei eskaliert

Schwarzer Freitag für die Türkei: Die Renditen und Versicherungsprämien für ihre Staatsanleihen steigen in den Himmel, die Währung bricht massiv ein. Die EZB sorgt sich um Ansteckungsgefahren für europäische Großbanken.

Die Renditen und Risikoprämien für türkische Staatsanleihen explodieren. Die Rendite für zehnjährige, in Lira begebene Papiere liegt inzwischen bei rund 20 Prozent, bei den Dollar-Anleihen des Landes sind es mehr als 7 Prozent. Der zugehörige CDS-Spread – eine Art Versicherungsprämie für den Fall der Zahlungsunfähigkeit der Türkei – sprang um 14 auf 370 Basispunkte. Das ist der Höchststand seit dem Jahr 2009. Nachranganleihen mancher Bank rentieren inzwischen zu 15 bis 25 Prozent, was es ihnen immer schwerer macht, sich über den Kapitalmarkt mit Liquidität zu versorgen.

Grund dafür ist eine massive Kapitalflucht aus der Türkei, nachdem die Finanzmärkte gestern Abend in den Panikmodus geschaltet hatten. Die Lira brach gegenüber dem US-Dollar über Nacht um bis zu 12 Prozent ein und markierte ein Allzeittief von 6,30 Lira pro Dollar, von dem aus sie sich anschließend nur unwesentlich erholen konnte.

Auch gegenüber dem Euro brach die türkische Lira seit gestern Mittag um rund 10 Prozent ein. Seit Jahresstart hat die Lira gegenüber dem Dollar damit nun schon um 35 Prozent an Wert eingebüßt. Damit hat sie in puncto Abwertung seit Jahresbeginn nun sogar den argentinischen Peso überholt.

EZB macht sich Sorgen um ihre Banken

Mit verantwortlich für die Verkaufswelle bei türkischen Vermögenswerten ist auch die Europäische Zentralbank (EZB). Sie macht sich einem Bericht der „Financial Times“ zufolge Sorgen um einige der von ihr beaufsichtigten europäischen Großbanken, die ein nennenswertes Türkeigeschäft betreiben.

Demnach hält die EZB die Situation zwar noch nicht für kritisch, doch die spanische BBVA, die italienische Unicredit und die französische BNP Paribas seien von dem drohenden Staatsbankrott der Türkei überdurchschnittlich stark gefährdet. Goldman Sachs hatte kürzlich ausgerechnet, dass eine Abwertung der Lira um weitere 15 bis 20 Prozent das überschüssige Eigenkapital des türkischen Finanzsystems komplett ausradieren könnte. 

Das Problem ist, dass Fremdwährungskredite laut Angaben der „Financial Times“ 40 Prozent aller Assets des türkischen Bankensektors ausmachen, was eine Bankenkrise provozieren könnte. Insgesamt haben türkische Banken demnach Dollarforderungen im Wert von 148 Milliarden Dollar und Euroforderungen über 110 Milliarden Dollar in ihren Büchern.

Noch aber halten sie die Kreditausfälle in der Türkei in Grenzen. Die Quote der leistungsgestörten Kredite liegt aktuell erst bei 3 Prozent. 

BBVA, Unicredit und BNP Paribas im Fokus

Die aufziehende Gefahr für Banken in der Türkei trifft in der Eurozone vor allem spanische Banken, die in der Türkei Kredite über 83,3 Milliarden Dollar ausgereicht haben. Bei französischen sind es 38,4 Milliarden, bei italienischen 17 Milliarden Dollar. 

Die spanische Bank BBVA kontrolliert knapp die Hälfte der türkischen Garanti Bank. Deren CEO sagte zuletzt, dass das Gewicht der Fremdwährungskredite im Kreditportfolio reduziert worden sei. Die Unicredit wurde von Analysten gefragt, ob sie ihr 2,5 Milliarden Euro schweres Investment in die türkische Yapi Kredi abschreiben müsse. Die Bank erwiderte dass der Fremdwährungseinfluss noch durch die eigenen Reserven aufgefangen würde. Goldman Sachs hält die Yapi Kredit für eine der am schwächsten kapitalisiertentürkischen Großbanken.

Die BNP Paribas hält 72,5 Prozent an der türkischen Privatkundenbank TEB. Allerdings soll sich das Türkei-Engagement laut „FT“ bei der BNP lediglich auf 2 Prozent des gruppenweiten Kreditbuches beschränken.

Bankaktien und der Euro geben nach

Obwohl die Türkeirisiken bei den erwähnten Banken vergleichsweise begrenzt erscheinen, gehen die Investoren auf Distanz. Die Aktienkurse der drei Banken verlieren zwischen 3 und 4 Prozent. Auch Europas Aktienmärkte reagieren auf die drohende Finanzkrise in der Türkei: Bis zum Mittag gibt der EuroStoxx 50 rund 1,3 Prozent ab, der Dax sogar 1,6 Prozent. Größter Tagesverlierer ist die Deutsche Bank mit minus 4 Prozent. Auch der Euro büßt gegenüber dem Dollar um ein halbes Prozent ein, weil die europäische Wirtschaft und Finanzindustrie stärker mit der Türkei verwoben sind als die USA. Das Devisenpaar notiert jetzt auf dem tiefsten Stand seit einem Jahr.

Bankanalysten relativieren die Risiken jedoch: „Alles in allem scheint die Belastung des Bankensystems der Eurozone zu gering zu sein, um eine größere Krise auszulösen“, urteilt die Berenberg Bank mit Blick auf die Situation in der Türkei. Das Bankhaus Metzler sekundiert: „Nachhaltige Spillover-Effekte der Lira-Krise erwarten wir nicht.“ 

Mit Spannung erwarten die Märkte nun den Auftritt des türkischen Finanzministers Berat Albayrak. Dieser will heute ein neues Wirtschaftsmodell für die Türkei vorstellen, mit dessen Hilfe das ausstehende Schuldenvolumen, das Haushaltsdefizit und die Leistungsbilanzlücke reduziert werden sollen.

Es verdichten sich aber auch die Gerüchte, dass die Türkei in Kürze ein Hilfsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) beantragen könnte. Das Problem hierbei: US-Präsident Trump droht, gegen einen Hilfseinsatz des IWF sein Veto einzulegen. Die US-Regierung hat gerade erst Sanktionen gegen türkische Minister verhängt, weil die Türkei einen amerikanischen Pastor inhaftiert hat.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de