Restrukturierungs-News: Alix Partners, Balver Zinn, Rofu Kinderland

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Leere Kassen trotz Umsatzplus. Hohe Zinsen lassen den Unternehmen kaum Luft zum Atmen. Foto: aomas- stock.adobe.de
Leere Kassen trotz Umsatzplus. Hohe Zinsen lassen den Unternehmen kaum Luft zum Atmen. Foto: aomas- stock.adobe.de

Alix Partners Debt Report: Der freie Cashflow stagniert seit 2019

Unternehmen in der DACH-Region stehen vor einer massiven Refinanzierungsherausforderung. Laut dem aktuellen DACH Debt Report der Unternehmensberatung Alix Partners werden 2027 bei den rund 1.000 untersuchten Unternehmen Schulden in Höhe von insgesamt 151 Milliarden Euro fällig. Unternehmen ohne Investment-Grade-Rating sehen sich mit noch strengeren Bedingungen konfrontiert.

Die Ertragslage der untersuchten DACH-Unternehmen wirkt laut Studie auf den ersten Blick solide. Seit 2019 stiegen ihre Umsätze und ihr Ebitda um über 30 Prozent. Der freie Cashflow hingegen stagnierte, während sich gleichzeitig der absolute Zinsaufwand um knapp 90 Prozent erhöhte. Inzwischen werden fast 30 Prozent des freien Cashflows für Zinszahlungen verwendet. 2019 lag der Anteil lag noch bei der Hälfte. Für Investitionen in Digitalisierung, Dekarbonisierung und Innovation bleibe den Unternehmen damit zunehmend weniger Spielraum.

Besonders die Automobilbranche ist stark betroffen. Hier ist der freie Cashflow um fast 50 Prozent eingebrochen, während die Zinslast um 220 Prozent gestiegen ist und nun über 60 Prozent des Cashflows beansprucht. Die Nettoverschuldung hat sich ebenfalls erhöht, was den Druck auf die Branche weiter verstärkt.

Die Herausforderungen werden durch hohe Finanzierungskosten und den Rückgang von Private Debt-Finanzierungen verschärft. Trotz einer Senkung des Leitzinses bleiben die Kosten hoch, und alternative Finanzierungsquellen verlieren an Verlässlichkeit. Unternehmen müssen sich auf die Cashflow-Generierung konzentrieren, um die nächste Refinanzierungsrunde erfolgreich zu meistern, raten die Experten von Alix Partners.

Londoner AMC übernimmt Balver Zinn

Die seit Februar insolvente Balver Zinn Gruppe, die Lötmittel anbietet, hat erfolgreich einen Investor gefunden. Im Rahmen eines strukturierten Prozesses während des Insolvenzverfahrens übernahm die Amalgamated Metal Corporation (AMC) den Geschäftsbetrieb. AMC ist ein international tätiges Industrieunternehmen mit Sitz in London und will Balver Zinn in seine Metall- und Recyclingorganisation integrieren. Dies soll AMC’s europäische Präsenz im Bereich Zinnlegierungen und Metallrecycling stärken.

Die Übernahme, rechtlich begleitet von den Görg-Partnern Michael Schaumann und Christopher Schiller, sichert die Fortführung an allen Balver-Zinn-Standorten in Deutschland, den Niederlanden und den USA. Die wesentlichen Vermögensgegenstände und operativen Geschäftsbetriebe wurden im Zuge der Sanierung übertragen. Die Gruppe musste aufgrund finanzieller Engpässe und Materialbeschaffungsproblemen, die zu einer angespannten Liquidität führten, Insolvenz anmelden

Erfahrener Investor kauft Rofu Kinderland

Der Spielwarenhändler Rofu Kinderland hat im Eigenverwaltungsverfahren einen entscheidenden Schritt gemacht. Nur drei Monate nach dem Insolvenzantrag wurde eine Investorenvereinbarung mit der Kids & School Holding abgeschlossen. Ziel sei es, Rofu finanziell zu stabilisieren und wirtschaftlich erfolgreich zu machen. Marcus Katholing (Pluta) leitet die Sanierung, unterstützt von Daniela Jeske und Stefan Warmuth (Pluta). Annemarie Dhonau (Schiebe und Collegen) überwacht als Sachwalterin das Verfahren. Ein Insolvenzplan wird erstellt, um den Gläubigern eine Lösung anzubieten.

Die Vereinbarung sichert den Fortbestand von 77 Filialen und 1.120 Arbeitsplätzen. Dennoch: 27 Standorte werden geschlossen. Der Personalabbau soll auch die Zentrale und das Außenlager betreffen. Die Investorenlösung ermöglicht Rofu, ab August eigenständig zu agieren.

Industrieholding Kap restrukturiert ihre Verbindlichkeiten

Die Industrieholding KAP hat ihre finanziellen Verbindlichkeiten restrukturiert. Die börsennotierte Industrieholding fokussiert sich mit 18 Standorten und rund 1.550 Mitarbeitenden in zehn Ländern auf die Segmente Flexible Films, Engineered Products und Surface Technologies.

Die Vereinbarung, die von der Advisory-Boutique Herter & Co. begleitet wurde, umfasst ein Volumen von 96 Millionen Euro und verlängert den Konsortialkredit bis März 2029. Diese neue Finanzierungsstruktur bietet KAP eine stabile Basis, um notwendige Restrukturierungsmaßnahmen gemäß dem IDW-S6-Gutachten umzusetzen. Angesichts der schwachen Nachfrage in wichtigen Abnehmerbranchen sichert die Vereinbarung die Liquidität und reduziert das Risiko für Kreditgeber.

IDW-S6 gibt Surteco Impuls für Finanzierungsverlängerung

Die Surteco Group, ein Hersteller von dekorativen Oberflächenmaterialien, hat sich mit ihren Banken und Schuldscheininhabern auf eine Verlängerung der Finanzierung bis Ende 2029 geeinigt. Das geht aus einer Unternehmensmitteilung hervor. Basierend auf einem Gutachten nach IDW-S6 Standard wurden Maßnahmen zur Stärkung der Finanzlage beschlossen, darunter die Aussetzung von Dividenden und die Einhaltung eines Mindestliquiditätsrahmens. Sicherheiten umfassen erstrangige und zweitrangige Anteilsverpfändungen. Eine mögliche Veräußerung der Bereiche Profiles und Edgebands wird geprüft, um Finanzverbindlichkeiten zu reduzieren.

Automobilzulieferer Plastic Manufacturing findet Investor

Der Insolvenzverwalter des Automobilzulieferers Plastic Manufacturing Group, Volker Böhm (Schultze & Braun), hat eine Einigung mit einem strategischen Investor erzielt, die die Fortführung wesentlicher Teile der Gruppe ermöglicht. Die Standorte in Diepersdorf und Lüdenscheid werden übernommen, wobei rund 350 Arbeitsplätze gesichert werden sollen. Die Kartellbehörde muss noch zustimmen. Der Standort Oberlungwitz wird hingegen abgewickelt. In Diepersdorf kommt es zu einem Stellenabbau. Eine Transfergesellschaft unterstützt die betroffenen Mitarbeiter. Die Plastic Manufacturing Group gehört zum US-amerikanischen Konzern First Brands Group und hatte im November 2025 Insolvenz anmelden müssen.

Wilhelm Gronbach geht in die Eigenverwaltung

Der Metall- und Kunststoffverarbeiter Wilhelm Gronbach in Wasserburg am Inn hat ein Eigenverwaltungsverfahren eingeleitet, um die Restrukturierung abzuschließen. Unterstützt wird die Geschäftsführung von Markus Fauser und Johannes Chrocziel (Anchor) als Sanierungsexperten. Internationale Standorte in Österreich, Italien und der Slowakei sind nicht betroffen. Volker Böhm (Schultze & Braun) begleitet das Verfahren als vorläufiger Sachwalter. Die Gronbach Gruppe reagiert damit auf Marktveränderungen und Kostensteigerungen.

Erich Jaeger stellt Insolvenzantrag

Der Automobilzulieferer Erich Jaeger hat Insolvenz angemeldet. Jan Markus Plathner (Brinkmann & Partner) fungiert als vorläufiger Insolvenzverwalter. Mit 1.000 Beschäftigten an elf internationalen Standorten bleibt die Produktion von Steckverbindungssysteme für verschiedene Industriezweige stabil. Plathner und sein Team streben eine Investorenlösung an. Erste Gespräche mit Kunden und Lieferanten laufen, um die operative Stabilität zu gewährleisten und eine nachhaltige Sanierung zu ermöglichen.

Domo-Chemiewerk in Leuna gerettet

Die drohende Stilllegung des Chemiewerks Domo Caproleuna ist abgewendet. Insolvenzverwalter Lucas Flöther (Flöther & Wissing) hat das Werk an eine von Infraleuna und Leuna-Harze gegründete Auffanggesellschaft übertragen, wodurch 436 Arbeitsplätze erhalten bleiben. Das Insolvenzverfahren für die drei deutschen Domo-Unternehmen wurde eröffnet. Die neue Gesellschaft, Leuna-Polyamid, übernimmt den Standort und die Immobilie. Ein Interessenausgleich mit Sozialplan wurde vereinbart, 39 Beschäftigte mussten betriebsbedingt gekündigt werden.

Info

Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.