M&A-Deals: Lufthansa, ERGO, Freenet

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Lufthansa erhält den Zuschlag bei TAP und verhindert damit den Abgang der Portugiesen aus der Star Alliance. Foto: Tupungato - stock.adobe.com
Lufthansa erhält den Zuschlag bei TAP und verhindert damit den Abgang der Portugiesen aus der Star Alliance. Foto: Tupungato - stock.adobe.com

Freenet stockt auf und übernimmt Waipu.tv vollständig

Der Betreiber des IPTV-Dienstes Waipu.tv ist künftig komplett in der Hand von Freenet. Freenet übernimmt die verbleibenden rund 25 Prozent Minderheitsanteile an Exaring. Der initiale Kaufpreis beläuft sich auf rund 76 Millionen Euro bei einer zugrunde gelegten Unternehmensbewertung von rund 300 Millionen Euro. Hinzu kommen performancebezogene Zahlungen von bis zu 50 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgt aus liquiden Mitteln.  

IPTV ist für Freenet neben dem Mobilfunk das zentrale Wachstumsfeld. Waipu.tv kommt nach Unternehmensangaben auf rund zwei Millionen Kunden und einen Marktanteil von rund 20 bis 25 Prozent im deutschen IPTV-Markt. Mit der Vollübernahme schöpft Freenet künftig den gesamten Ergebnis- und Cashflow-Beitrag des Dienstes ab. 

Eine von Minderheitsaktionären angestrebte Börsennotierung von Waipu.tv ist damit vom Tisch. Die Konsolidierung der Eigentümerstruktur beseitigt potenzielle Interessenkonflikte und schafft strategische Klarheit. Die Kanzlei Hengeler Mueller berät Freenet bei dem Deal. Heuking berät Gründer und Altgesellschafter beim Verkauf ihrer Aktien an Freenet. 

Artemis greift nach ERGO-Vertriebsorganisation Ergo Pro

Die Artemis Gruppe übernimmt Ergo Pro, die Vertriebsorganisation von Ergo Deutschland. Im Zuge der Transaktion wird ERGO Pro in One Financial Services umbenannt und vollständig in die Vertriebsplattform der Artemis Gruppe überführt. Mehrheitsgesellschafter des neuen Unternehmens ist die Artemis Gruppe, daneben halten das bisherige Management sowie führende Vertriebspartner Anteile. Der Abschluss ist für Januar 2027 geplant, vorbehaltlich üblicher Bedingungen. 

Für Ergo ist der Deal Bestandteil der Konzernstrategie bis 2030, mit der der Versicherer sein internationales Profil stärken und sich stärker technologiegetrieben aufstellen will. Mit dem Verkauf bündelt Ergo seine hauseigenen Beratungs- und Verkaufsstrukturen und gewinnt mit Artemis zugleich einen neuen Kooperationspartner.  

Die Artemis Gruppe betreibt eine integrierte Vertriebsplattform, die Mehrfachvermittler, Makler, Maklerpools und Assekuradeure verbindet. One Financial Services soll nach Unternehmensangaben künftig über 30.000 Neukunden pro Jahr gewinnen. 

Lufthansa sticht Air France-KLM bei TAP aus

Mit einem Barangebot von 1,2 Milliarden Euro setzt sich Lufthansa gegen Air France-KLM durch und sichert sich einen Anteil von 44,9 Prozent an der portugiesischen Fluggesellschaft TAP. Das gab Portugals Premierminister Luís Montenegro am Mittwochnachmittag nach einer außerordentlichen Kabinettssitzung in Lissabon bekannt. Den Ausschlag gab nach übereinstimmenden Medienberichten das reine Barangebot der Deutschen: Air France-KLM hatte zumindest einen Teil des Kaufpreises in eigenen Aktien begleichen wollen. Der portugiesische Staat behält zunächst 50,1 Prozent, 5 Prozent verbleiben bei den TAP-Mitarbeitern. 

Strategisch sichert sich Lufthansa mit dem Deal einen wichtigen Partner innerhalb der Star Alliance. Wäre TAP an Air France-KLM gegangen, hätte die portugiesische Airline in das konkurrierende Skyteam gewechselt, was das Star-Alliance-Netz Richtung Südamerika, insbesondere Brasilien, deutlich geschwächt hätte. TAP befördert jährlich rund 16 Millionen Passagiere und schrieb nach einer vollständigen Verstaatlichung während der Coronakrise erst 2022 wieder schwarze Zahlen. 

Nach der Auswahl folgen noch weitere Vertragsverhandlungen sowie regulatorische Genehmigungsverfahren. Der Vollzug wird voraussichtlich erst 2028 erwartet. 

Weitere M&A-Deals

Crédit Agricole übernimmt die IKB Deutsche Industriebank von Private-Equity-Investor Lone Star. Der Kaufpreis wurde nicht genannt, die Transaktion wird vollständig aus eigenen Mitteln finanziert. Der Vollzug steht unter dem Vorbehalt kartellrechtlicher Freigaben, einer EU-Subventionsprüfung sowie der Genehmigung durch die Europäische Zentralbank. Der Abschluss ist für Ende des zweiten Quartals 2027 geplant. Der Zukauf fügt sich in die Strategie ACT2028 von Crédit Agricole ein, mit der die Franzosen eine paneuropäische Plattform für den Mittelstand aufbauen wollen. Nach Frankreich und Italien soll Deutschland zum dritten Kernmarkt werden. Hengeler Mueller beriet Lone Star bei der Transaktion, während Latham & Watkins aufseiten der IKB agierte.  

Ferlynx, Teil der Chapters Group, übernimmt eine Mehrheitsbeteiligung an Vista, einem Münchner Spezialisten für satellitengestützte Erdbeobachtung und KI-basierte Lösungen für Landwirtschaft und Ressourcenmanagement. Mit dem Zukauf treibt Ferlynx den Aufbau einer europäischen Digital-Nature-Plattform voran. Vista ist in mehr als 25 Ländern aktiv und arbeitet unter anderem an Projekten der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Die Gründer Heike Bach und Wolfram Mauser bleiben substanziell an Vista beteiligt. 

Der Engineering-Dienstleister Bluebinaries hat eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme des Automotive-Testing-Geschäfts vom Softwareentwickler Micronova unterzeichnet. Rund 167 Beschäftigte der deutschen und tschechischen Standorte wechseln in die neu gegründete Gesellschaft. Sie soll eigenständig unter dem Namen Novabinaries innerhalb der Bluebinaries Group geführt werden. Mit der Akquisition treibt Bluebinaries eigenen Angaben zufolge sein internationales Wachstum im Automotive-Sektor voran und plant Deutschland als Entwicklungs-Hub zu etablieren. Der Vollzug der Transaktion wird innerhalb der nächsten 90 Tage erwartet. Grant Thornton hat Bluebinaries bei der Transaktion rund um Due Diligence, Steuer- und Rechtsfragen sowie Transaktionsstruktur und Vertragsverhandlungen begleitet. 

M&A-Berater-News

Mirko Heide und Jan Wyrowinski gründen mit Frost Partners eine neue unabhängige Tech-M&A-Boutique mit Sitz in Berlin. Die beiden Co-Founder wollen Technologieunternehmen, Unternehmer und Finanzinvestoren bei Verkäufen, Akquisitionen und Wachstumskapitalfinanzierungen beraten. Das Duo bringt nach eigenen Angaben zusammen mehr als 35 Jahre Investmentbanking-Erfahrung und über 100 begleitete Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von mehr als 2,5 Milliarden Euro mit. Frost Partners startet direkt mit zehn laufenden Sell-side-Mandaten und setzt auf einen KI-gestützten Beratungsansatz. Der Transaktionsfokus liegt auf Technologieunternehmen mit Unternehmenswerten zwischen 20 und 300 Millionen Euro in den Sektoren Smart City, Software sowie Industrial DeepTech. 

Deals in Verhandlung

Die EU-Kommission hat eine vertiefte Prüfung der geplanten Übernahme von Porta durch XXXLutz eingeleitet. Wie die Brüsseler Behörde mitteilte, gibt es nach einer vorläufigen Untersuchung Hinweise, dass der Zusammenschluss den Wettbewerb in Deutschland, Tschechien und der Slowakei schädigen könnte. Vor allem in Deutschland konkurrierten beide Unternehmen im Möbel-Discount-Segment in zahlreichen Regionen direkt miteinander. Zusätzlich befürchtet die Kommission Risiken auf der Beschaffungsseite: Möbellieferanten könnten nach einer Fusion stärker von einem einzigen Großabnehmer abhängig werden, da mit Porta ein relevanter alternativer Abnehmer wegfiele. Die Behörde hat bis zum 25. Februar 2027 Zeit für eine Entscheidung. 

Parallel ermittelt die Kommission wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Stillhalteverpflichtung. Die Übernahme soll nach Kommissionsangaben bereits Anfang Januar 2025 öffentlich bekannt gegeben worden sein, formal angemeldet wurde sie aber erst am 7. September. Die vertiefte Prüfung bedeutet nicht automatisch, dass der Deal am Ende untersagt wird. 

M&A-Gerüchteküche

Der deutsch-französische Panzerbauer KNDS könnte ein Staatskonzern werden. Die deutschen Eigentümerfamilien Braunbehrens und Bode verhandeln derzeit wohl über den Verkauf ihrer 50-prozentigen Beteiligung an die Bundesregierung. Das geht aus Informationen des „Handelsblatts“ von mit den Verhandlungen vertrauten Personen hervor. Eine finale Entscheidung soll in den kommenden Wochen fallen. Der Kaufpreis ist derzeit noch offen. 

Ursprünglich hatten die Eigentümerfamilien einen Börsengang des Konzerns angestrebt, mit dem sie mindestens 15 Milliarden Euro erlösen wollten. Im Zuge dessen hätte Deutschland 40 Prozent der Anteile übernommen, während Frankreich seine Anteile auf ebenfalls 40 Prozent reduziert hätte. Die restlichen 20 Prozent wären an die Börse gegangen.  

Angesichts des aktuell schwierigen Marktumfelds für Rüstungsaktien rückt dieser Plan zunehmend in den Hintergrund. Inzwischen gilt am Markt nur noch rund die Hälfte als realistisch erzielbar. Mit einer vollständigen Übernahme des deutschen Anteils möchte die Bundesregierung eine zu starke französische Dominanz bei KNDS verhindern. Frankreich hält derzeit 50 Prozent an KNDS. Für die Bundeswehr ist der Panzerhersteller strategisch wichtig, da er unter anderem die Modelle Leopard 2 und Schützenpanzer Puma produziert. 

Info

Frederic Haupt ist Redakteur bei FINANCE und betreut schwerpunktmäßig die Themen Private-Equity und M&A. Er hat Journalismus und Unternehmenskommunikation an der Media University (ehemals HMKW) studiert. Nach dem Studium hat er sein Volontariat bei F.A.Z. Business Media absolviert und dabei neben FINANCE für weitere Publikationen des Verlags gearbeitet, unter anderem für die Personalwirtschaft und das Wir-Magazin.