Brexit: So trifft der Pfund-Verfall deutsche Unternehmen

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Bis die Briten die EU tatsächlich verlassen, werden wohl noch Jahre vergehen. Das Brexit-Votum  hat aber bereits jetzt konkrete Folgen für diverse deutsche Unternehmen. Das zeigt ein Blick in die Halbjahresberichte, die diese Tage veröffentlicht werden: BMW, RWE, Deutsche Post, Stada, Hugo Boss – die Zahlen zahlreicher Konzerne sind gezeichnet vom Absturz des britischen Pfund.

Die britische Währung hat seit dem Referendum gegenüber dem Euro 11 Prozent an Wert verloren. Zum wichtigen Bilanzstichtag 30. Juni lag der Wechselkurs bei 0,83 Pfund pro Euro. Ende 2015 waren es noch 0,74. Für die Halbjahresberichte 2015 konnten deutsche Unternehmen sogar den für sie noch günstigeren Umrechnungskurs von 0,71 zugrunde legen. Im Vorjahresvergleich müssen die CFOs also einen Pfundeinbruch von über 15 Prozent bilanziell abbilden. Pfund-Umsätze, -Gewinne und -Vermögenswerte sind in der Bilanzwährung Euro heute entsprechend weniger wert.

Deutsche Post, BMW und Stada setzt Pfund-Schwäche zu

Der Pfund-Verfall trifft vor allem deutsche Unternehmen mit viel Geschäft in Großbritannien. Die Deutsche Post etwa, die in Großbritannien mehr als 10 Prozent ihrer Erlöse erwirtschaftet, erzielte im ersten Halbjahr nur noch 28 Milliarden Euro Umsatz und damit 1,4 Milliarden Euro weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Mit 834 Millionen Euro entfiel mehr als die Hälfte dieser Umsatzeinbußen auf negative Wechselkurseffekte, ein großer Teil davon dürfte auf das Pfund zurückzuführen sein. Die durch den Pfund-Verfall bedingte  Kostenentlastung war wesentlich kleiner.

Der Automobilhersteller BMW, der auf der Insel die Marken Mini und Rolls-Royce produziert, konnte im ersten Halbjahr zwar 10 Prozent mehr Autos in Großbritannien verkaufen. Der Pfund-Verfall drückte aber auf das Umsatzwachstum des gesamten Konzerns: Statt einem Plus von 4,7 Prozent schlugen im ersten Halbjahr nur 2,3 Prozent zu Buche. Daran war neben dem Pfund auch der chinesische Renminbi und der südafrikanische Rand schuld, die ebenfalls gegenüber dem Euro an Wert verloren.

Ähnlich ist das Bild bei Stada. Der Pharmakonzern hätte in lokaler Währung ein Umsatzplus von 14 Prozent in Großbritannien verzeichnet. Wegen der Pfundschwäche fiel das Wachstum auf der Insel mit 7 Prozent zwar immer noch gut, aber deutlich schwächer aus. Beim Modekonzern Hugo Boss waren es 3 statt 9 Prozent Umsatzwachstum auf den britischen Inseln.

Pfund-Schwäche drückt RWE-Verschuldung

Diese buchhalterischen Umrechnungseffekte – auch Translationsrisiken genannt – sichern die wenigsten deutschen Unternehmen mit Derivategeschäften ab.   Die Devise lautet: Wenn kein Cash fließt, wird nicht gehedgt. Schwankungen bei Umsatz, aber auch beim Eigenkapital und dem Verschuldungsgrad nehmen viele CFOs damit in Kauf. Der scheidende Deutsche-Post-CFO Larry Rosen etwa muss im ersten Halbjahr auch wegen der Pfundschwäche beim Eigenkapital einen Rückgang von 1,9 Milliarden Euro verbuchen.

Unternehmen, die Fremdkapital in Pfund aufgenommen haben, dürfen sich hingegen über Entlastung freuen. Das gilt etwa für den krisengeschüttelten Energieversorger RWE. Zwar stieg dessen Nettofinanzverschuldung im ersten Halbjahr um fast eine auf 8,3 Milliarden Euro an. Ohne die Pfund-Schwäche wäre der Anstieg für CFO Bernhard Günther aber noch deutlicher ausgefallen. Laut Unternehmensangaben hat der Dax-Konzern sechs Pfundanleihen im Gesamtvolumen von 3,9 Milliarden Pfund ausstehen, dazu kommt ein Pfund-Hybridbond über 750 Millionen Pfund. Der Pfundverfall hat den Wert dieser Verbindlichkeiten um über eine halbe Milliarde Euro gedrückt.

Insgesamt dürfte RWE das Brexit-Votum und die Pfund-Schwäche  aber trotzdem kaum begrüßen. Denn für das operative Geschäft des Energieversorgers steigt die Unsicherheit: Großbritannien ist für den Konzern der größte Markt außerhalb des Euroraums und der zweitgrößte Erzeugermarkt nach Deutschland – auch die dort erzielten Umsätze verlieren an Wert.

Wie gut haben Unternehmen das Transaktionsrisiko gehedgt?

Die Halbjahresberichte geben allerdings noch wenig Aufschluss, wie gut sich Unternehmen im Vorfeld des Brexit-Votums gegen das Transaktionsrisiko abgesichert haben. Das wird sich wohl erst im zweiten Halbjahr zeigen, schließlich fand das Referendum – und damit der Pfund-Rutsch – nur wenige Tage vor dem Stichtag 30. Juni statt. Das Transaktionsrisiko bezieht sich auf Forderungen und Verbindlichkeiten in Fremdwährungen. Hier schlagen Währungsschwankungen auch auf die Gewinn- und Verlustrechnung durch.

Daher haben sich einige Unternehmen nach dem Referendum auch beeilt, den Kapitalmarkt zu beruhigen: Capital-Stage-CFO Christoph Husmann teilte mit, das Unternehmen habe seine Pfund-Zahlungsströme bis Ende 2017/Anfang 2018 gehedgt. Der SDax-Konzern betreibt in Großbritannien zwölf Solarparks.

Der CFO des Großküchenherstellers Rational, Axel Kaufmann, sagte kürzlich im Interview mit FINANCE: „Gegen den Pfund-Verfall hatten wir uns vor dem Referendum mit Termingeschäften und Optionen abgesichert: Wir sind bis in den Spätherbst gehedgt.“ Für das gerade in den MDax aufgestiegene Unternehmen ist Großbritannien der drittwichtigste Einzelmarkt hinter Deutschland und USA.

Auch die Lufthansa betont im Halbjahresbericht, man habe im April 2016 den Sicherungsgrad für britische Pfund erhöht, um mögliche negative Auswirkungen auf der Erlösseite zu reduzieren. Stada schreibt, man rechne derzeit nicht mit negativen Konsequenzen des Pfund-Verfalls für die GuV. Die Zahlen für das dritte Quartal, die im November vorgelegt werden, dürften Aufschluss geben, ob sich die Hoffnungen dieser Konzerne bewahrheiten.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

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