Die Commerzbank steht heute überraschend besser da als im Herbst bei der Strategiepräsentation vermutet. CEO Martin Zielke stellt sogar etwas mehr Rendite in Aussicht.

Commerzbank

14.02.20
Banking & Berater

Commerzbank: 100 Millionen Euro Strafzinsen für Firmenkunden

Die Commerzbank kontert den Margendruck mit einer Ausweitung des Kreditbuchs und der Erhebung von Guthabenzinsen. Beim Konzernumbau kommt ihr derweil die EZB zu Hilfe – die FINANCE-Analyse.

Das gab es schon lange nicht mehr: Die Aktie der Commerzbank hat seit gestern Morgen um über 10 Prozent zugelegt und notiert derzeit bei rund 6,50 Euro. Grund dafür dürfte ein überraschend optimistisch gestimmter Martin Zielke gewesen sein: „Das stimmt mich mit Blick auf unsere Renditeerwartung optimistischer als ich es im Herbst war“, sagte der Commerzbank-Chef gestern bei der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt.

Im Herbst 2019 hatte Zielke für die neue Strategie „Commerzbank 5.0“ ein Eigenkapitalrenditeziel von über 4 Prozent, „im günstigsten Fall“ von 5 Prozent ausgerufen. Aber ist die Commerzbank den 5 Prozent nun tatsächlich näher als den 4 Prozent?

Commerzbank steigert Zinsüberschuss

Ein erster Blick auf die Konzernzahlen lässt dies durchaus vermuten, denn die Bank konnte Ihre Erträge in ihren Kerngeschäftsfeldern Privat- und Firmenkunden steigern. Auf Konzernebene legten sie leicht um 100 Millionen auf rund 8,7 Milliarden zu. Den Zinsüberschuss konnte die Bank um fast 7 Prozent auf rund 5,1 Milliarden Euro steigern, der Provisionsüberschuss verharrte bei rund 3 Milliarden Euro.

Die Kosten wurden um rund 150 Millionen auf rund 6,3 Milliarden Euro gedrückt. Weil die Bank 2019 jedoch deutlich mehr Risikovorsorge als im Jahr davor betreiben und rund 100 Millionen Euro an Restrukturierungskosten verbuchen musste wurden, blieb der operative Gewinn wie 2018 bei rund 1,2 Milliarden Euro. Die operative Eigenkapitalrendite ist von 5,4 auf 5,3 Prozent leicht gesunken.

Vor Steuern verdiente die Commerzbank 2019 mit 1,1 Milliarden Euro rund 100 Millionen weniger als im Vorjahr. Nach Steuern ging der Konzerngewinn unter dem Strich um ein Viertel auf 644 Millionen Euro zurück. 

Commerzbank vergibt mehr Firmenkundenkredite

Wie sind diese Zahlen einzuordnen? Der Zuwachs beim Zinsüberschuss ist für sich genommen keine große Überraschung, schließlich drückt die Commerzbank wie kaum eine andere Bank in Deutschland auf das Kreditgaspedal – vor allem im Firmenkundensegment, wo die Bank das Geschäft mit Mittelständlern, Großkonzernen und Finanzinstituten bündelt. Seit diesem Jahr wird das Segment von Roland Boekhout verantwortet, der von der niederländischen ING gekommen ist

Allein im Firmenkundengeschäft stieg das ausgereichte Kreditvolumen 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozent oder 6 Milliarden auf 88 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bank wuchs das Kreditvolumen „nur“ um 5 Prozent. Die niederländische ING berichtete zuletzt, dass sie ihr Kreditvolumen aus Risiko- und Margengesichtspunkten 2019 überhaupt nicht erhöht habe.

Nun will jedoch auch die Commerzbank stärker auf die Profitabilität achten. Boekhouts Vorgänger Michael Reuter kündigte im November 2019 gegenüber FINANCE an, mithilfe von vier Initiativen die Erträge im Firmenkundengeschäft um einen dreistelligen Millionenbetrag steigern zu wollen: Man wolle den Vertrieb in Deutschland ausbauen, das Mittelstandsgeschäft in Europa ausrollen, den Sektoransatz ausweiten und die RWA-Effizienz verbessern. 

Strafzinsen stützen Zinsüberschuss der Commerzbank

Ein Blick in die Details der Zahlen offenbart, dass die stärkere Durchsetzung von Strafzinsen mittlerweile einen recht großen Beitrag zum Wachstum beim Zinsüberschuss liefert. 100 Millionen Euro des Zinsüberschusses von 1,9 Milliarden Euro im Firmenkundengeschäft entfallen auf Strafzinsen, die die Bank auf große Einlagen ihrer Firmenkunden erhebt, wurde in einem Investoren-Call bekannt. Die Commerzbank betonte, dass die Höhe der Strafzinsen mit jedem Firmenkunden individuell verhandelt werde und in der Höhe abhängig von dem Gesamtengagement sei.

Gewachsen ist die Commerzbank 2019 vor allem bei größeren Kunden. Die Erträge mit „International Corporates“ wuchsen um 8,5 Prozent von 886 auf 961 Millionen Euro, während die Erträge im Mittelstand bei rund 1,8 Milliarden Euro verharrten. Dass im Firmenkundensegment unter dem Strich dennoch ein Ertragsrückgang um 173 Millionen Euro stand, ist dem Posten „Sonstiges“ geschuldet, wo nach 340 Millionen in 2018 im vergangenen Jahr nur noch 91 Millionen Euro Ertrag verbucht wurden. Darunter fielen in der Vergangenheit vor allem Erträge aus dem Verkauf von Altgeschäften. 

Der Druck im Firmenkundengeschäft wächst

Die Kosten im Firmenkundensegment konnte die Bank nur leicht um rund 50 Millionen auf 2,45 Milliarden Euro senken. Weil gleichzeitig die Risikovorsorge von 194 auf 342 Millionen Euro anstieg, ging der operative Gewinn um 45 Prozent auf 328 Millionen Euro zurück. Die Commerzbank begründete den Anstieg im Schlussquartal mit „Einzelfällen vor allem im internationalen Firmenkundengeschäft“.

Dass sich nach Jahren der unnatürlich niedrigen Vorsorgeniveaus die Risikokosten– ob aufgrund von Einzelfällen oder eines breiteren Trends – nun wieder einem normalen Niveau zu nähern scheinen, erhöht den Druck auf den neuen Firmenkundenvorstand Boekhout, die Erträge in Zukunft deutlich stärker zu steigern und die Kosten noch stärker zu senken. 

Analysten scheinen ihm das zuzutrauen. Sie prognostizieren beim operativen Gewinn (Stand Ende Januar) ambitioniertes Wachstum: 2020 soll der operative Gewinn im Firmenkundensegment auf 401 Millionen Euro wachsen, 2021 auf 464 Millionen, 2022 auf 518 Millionen und 2023 dann sogar auf 615 Millionen Euro. Doch 2019 waren die Analystenschätzungen für das Firmenkundenergebnis deutlich zu hoch. 

EZB entlastet Commerzbank beim Eigenkapital

Höhere Erträge und stärkere Kostensenkungen fordern auch die Investoren der Commerzbank. Die designierte Finanzchefin Bettina Orlopp deutete an, dass die Bank möglicherweise mehr sparen könnte als im Herbst angekündigt. Bis 2023 sollen die Kosten der Gesamtbank um 600 Millionen Euro auf unter 6,3 Milliarden Euro sinken. Ein neues Projektteam soll nun nach zusätzlichen Einsparpotenzialen suchen. Dies sei aber keine Reaktion auf die Forderung der EZB, die Medienberichten zufolge sowohl das Renditeziel als auch das Sparprogramm als zu wenig ambitioniert kritisiert haben soll.

Die EZB hat der Commerzbank an anderer Stelle jedoch geholfen. Die harte Eigenkapitalquote der Frankfurter ist Ende 2019 auf 13,4 Prozent gestiegen. Das lag vor allem daran, dass die Risikogewichteten Aktiva (RWA) für operationelle Risiken um 3 Milliarden Euro abgeschmolzen sind. Das liegt aber nicht in erster Linie daran, dass die Bank weniger operationelle Risiken hat als vor einem Jahr, sondern vor allem daran, dass sie diese nun anders berechnet. Die EZB habe diese Modelländerung genehmigt, berichtet die Bank. 

Zusätzlich sei die RWA für das Marktrisiko um 1 Milliarde Euro gesunken, was vor allem an dem Verkauf des EMC-Geschäfts (Equity Markets & Commodities) an die Société Générale gelegen habe. Und auch die RWA für Kreditrisiken sind um 3 Milliarden Euro gesunken, weil die Bank nach eigener Aussage ihr Portfolio optimiert und zum Jahresende Kredite verbrieft habe. 

Commerzbank muss M-Bank vielleicht nicht verkaufen

Der dadurch entstandene größere Spielraum bei der Kapitalausstattung nimmt der Commerzbank beim geplanten Verkauf der polnischen Direktbanktochter M-Bank Druck. Deren Verkauf schien bisher alternativlos, um den Konzernumbau zu finanzieren. Verschiedenen Medienberichten zufolge sollen sich aber nur zwei polnische Banken ernsthaft im M&A-Prozess engagieren. Die Commerzbank machte gestern noch einmal deutlich, dass sie die M-Bank nur zu einem adäquaten Preis verkaufen werde.

Insgesamt vermittelte die Führung Bank einen optimistischeren Eindruck als noch bei der Strategiepräsentation im Herbst 2019. In Jubelstimmung sollten Aktionäre und Investoren aber noch nicht verfallen. Zwar deutete Zielke an, dass die Lage heute besser sei als im Herbst angenommen. Die Ziele für 2020 wirken dennoch bescheiden: Die Erträge sollen im Vergleich zu 2019 nicht sinken. Das Kostenziel wurde bei 6,7 Milliarden Euro bestätigt. Gleichzeitig sollen die Risikokosten auf über 650 Millionen Euro anwachsen.

Die Commerzbank ist nicht die einzige Bank, die inzwischen Strafzinsen erhebt. Eine tiefere Analyse dazu finden Sie im aktuellen E-Magazin der FINANCE