Auch in der ING-Zentrale in Frankfurt wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel.

ING

07.02.20
Banking & Berater

ING schraubt Kreditvergabe etwas zurück

Die ING reduziert nach vielen Jahren des Wachstums die Kreditvergabe an deutsche Firmenkunden. Im KMU-Geschäft zeigen sich aber erste Erfolge bei der Zusammenarbeit mit einem Fintech. Wie passt das zusammen?

Ein Novum im Firmenkundengeschäft der ING: Das sogenannte Wholesale-Banking zeigt erstmals nach mehreren Jahren des teils stürmischen Wachstums Bremsspuren. So gingen die Kreditausreichungen im vergangenen Jahr auf 35 Milliarden Euro zurück (2018: 35,9 Mrd. Euro). Dies sei aber kein Strategieschwenk der Bank mit niederländischer Mutter, sondern Folge eines „selektiveren“ Vorgehens, erklärte Joachim von Schorlemer, Firmenkundenchef der ING in Deutschland, bei einem Pressegespräch am gestrigen Donnerstag. Ein Teil des Rückgangs sei zudem darauf zurückzuführen, dass die Bank bestimmte „interne Geschäfte“ nicht mehr betreibe.

Trotz des leichten Bremsmanövers im Kreditbuch schaffte es die Bank 2019, die Provisionserlöse im Wholesale Banking um 4 Prozent auf 588 Millionen Euro zu steigern. „Ausgebaute Kundenbeziehungen“ seien hierfür der Grund. Tatsächlich hatte die Bank im vergangenen Jahr erstmals abseits der Frankfurter Zentrale neue Standorte in Essen, Hamburg, Stuttgart und München eröffnet. „Dieses Geschäft läuft jetzt an“, sagte von Schorlemer. Die Zahl der Kunden sei im Vergleich zum Vorjahr um eine „niedrige zweistellige Zahl“ gestiegen. Vor einem Jahr bezifferte die Bank diese Zahl mit 150.

Die Früchte ihrer Expansion in die Fläche dürfte die ING allerdings erst in einigen Jahren ernten, brauchen neue Niederlassungen doch üblicherweise etwas Anlaufzeit, um in den Kernbankenkreis von Unternehmen vorzudringen. Erst dann hat eine Bank eine realistische Chance, um das begehrte Zusatzgeschäft zu bekommen. „Wir bleiben im Growth Mode, müssen das starke Wachstum der vergangenen Jahre aber auch verdauen“, resümierte Firmenkundenchef von Schorlemer.

„Wir müssen das starke Wachstum der vergangenen Jahre verdauen.“

Joachim von Schorlemer, Vorstand, ING

ING wächst mit dem Fintech Lendico

Während die niederländische Bank im Geschäft mit den großen Firmenkunden etwas zurückhaltender agiert, wagt sie im Geschäft mit kleineren und mittleren Unternehmen ein Experiment. Um dieses digital aufzubauen, hat die ING vor rund zwei Jahren das Fintech Lendico übernommen. Die Zusammenarbeit trägt nun erste Früchte: Im vergangenen Jahr ist es dem Fintech gelungen, die Ausleihungen von 6 Millionen Euro auf 95,2 Millionen Euro deutlich auszubauen. ING-Deutschlandchef Nick Jue bezeichnet diesen Zuwachs als „Proof of Concept“.

Indes: Trotz Wachstumsraten, die Jue mit 30 Prozent pro Monat beziffert, ist Lendico noch weit davon entfernt, ein großer Player in den Mittelstandfinanzierungen zu sein.

Cost-Income-Ratio der ING leicht gestiegen

Auch bei der Modernisierung der eigenen Organisation will die ING vorangekommen sein. Wie keine andere Bank in Deutschland hat die ING ihre gesamte Organisation auf Agilität getrimmt. Dieser Ansatz soll dabei helfen, klassische Silos einzureißen und teamübergreifend schneller Produkte für die Kunden zu entwickeln. Im Zuge dessen stellte die ING im vergangenen Jahr in Deutschland rund 200 Mitarbeiter ein, vor allem IT-Spezialisten. „Wir werden immer mehr zu einem IT-Unternehmen“, sagte Jue. Der Umbau hinterließ aber auch Schleifspuren, einige Mitarbeiter haben die Bank im Zuge des verlassen oder Abfindungsangebote angenommen.

Erstmals präsentierte der seit vergangenem Jahr amtierende CFO Norman Tambach das Zahlenwerk der Bank. Dabei zeigte sich, dass auch bei der ING die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen. Der Gewinn vor Steuern stieg nur leicht um 2 Prozent auf 1,35 Milliarden Euro (2018: 1,32 Milliarden Euro). Auch die ING kann sich dem Niedrigzinsumfeld nicht entziehen. Gebühren wird die Bank beim beliebten Kernprodukt Girokonto einführen, falls ab Mai weniger als monatlich 700 Euro auf das jeweilige Konto fließen. Bleibe die Zahl darunter, fallen monatlich 4,90 Euro an.

Auch die Relation von Kosten zu Erträgen („Cost-Income-Ratio“) verschlechterte sich leicht von 47 auf 48 Prozent. Damit steht die niederländische Bank aber immer noch deutlich besser da als die meisten deutschen Wettbewerber.

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