Die neuen Fintech-Strategien der Banken

ING Diba

27.06.18
Banking & Berater

Die neuen Fintech-Strategien der Banken

Die ING hat zuletzt Fintechs gekauft, die Helaba will das in Zukunft tun, und die Hypovereinsbank? Sie stößt ihre Beteiligungen überraschend ab. Ein Update zu den Fintech-Strategien der Banken.

Fintechs stehen bei Banken hoch im Kurs. Die niederländische ING-Gruppe hat in Deutschland das Fintech Lendico übernommen und sich an dem Kreditvergleichsportal Fincompare beteiligt. Die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) hat Übernahmen und Anteilskäufe ebenfalls im Blick und hat dafür extra eine Beteiligungsgesellschaft gegründet.

Nur die Hypovereinsbank schwimmt gegen den Strom und hat ihre Fintech-Beteiligungen jüngst offenbar abgestoßen. Vor rund zweieinhalb Jahren hat FINANCE die Fintech-Strategien der hiesigen Banken unter die Lupe genommen. Was hat sich seitdem verändert?

Helaba gründet Beteiligungsgesellschaft für Fintechs

Vor etwas mehr als zwei Jahren spielte die Helaba bei der Frage nach den Fintech-Strategien noch keine Rolle. Inzwischen hat die Landesbank eine Beteiligungsgesellschaft gegründet, die auf den Namen „Helaba Digital“ hört. Den beiden Leitern Lucie Haß und Philipp Kaiser steht in den nächsten fünf Jahren ein „niedriger bis mittlerer zweistelliger Millionenbetrag“ zur Verfügung, um sich an Fintechs, Proptechs (Immobilien) und Regtechs (Regulierung) zu beteiligen – überwiegend minderheitlich. 

„Mit Blick auf die Informationsbereitstellung läuft das Geschäft mit großen Firmenkunden oft noch recht umständlich.“

Lucie Haß, Helaba

„Wir investieren in Start-ups rund um die Serie-A-Finanzierung“, sagt Kaiser. Die Helaba positioniert sich mit ihrer Beteiligungsgesellschaft damit bei Unternehmen zwischen dem ganz frühen Seed- und dem reiferen Growth-Status. Im Firmenkundengeschäft  erhofft sich die Helaba in Folge dessen Zugriff auf vor allem schnellere und transparentere Prozesse, aber auch auf neue Produkte. „Mit Blick auf die Informationsbereitstellung läuft das Geschäft mit großen Firmenkunden oft noch recht umständlich“, so Haß. 

Die Beteiligungsgesellschaft sei intensiv diskutiert worden und weder der erste noch der letzte Schritt in der Digitalisierungsstrategie der Helaba. Man sei bereits Kooperationen mit Fintechs eingegangen und habe auch eigene Projekte entwickelt. Einen ersten Deal für den Beteiligungsarm hat die Helaba heute veröffentlicht: Zusammen mit der Unternehmensberatung Lucht Probst hat die Bank ein Joint Venture mit dem Namen Komuno gegründet, das eine digitale Plattform zur Vermittlung von Kommunalfinanzierungen betreibt. 

ING Diba bereitet über Lendico den KMU-Markteintritt vor

Noch aktiver war dieses Jahr die niederländische ING. Sie schlug auf dem deutschen M&A-Markt gleich zweimal zu und übernahm im Februar den Kreditmarktplatz Lendico und beteiligte sich vor wenigen Wochen an der Kreditvergleichsplattform Fincompare. 

Im Interview mit FINANCE vor rund zweieinhalb Jahren bezeichnete der damalige Strategiechef der ING Diba, Tomas Peeters, Partnerschaften mit Fintechs als „Abkürzung zum Markt“. Peeters ist zwar inzwischen konzernintern zum Baufinanzierungsvermittler Interhyp gewechselt. Die Abkürzung hat die Bank trotzdem genommen.

Die ING Diba bereitet derzeit den Markteintritt mit einem digitalen Angebot für kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) vor, um die Angebotslücke zu schließen, die zum größeren Firmenkundengeschäft (Wohlesale Banking) klafft. „Um solche Kredite vergeben zu können, braucht es neue Technologien und Prozesse. Das bindet Zeit und Kapazität. Lendico verfügt bereits über ein digitales, sehr effizientes Geschäftsmodell und daher ist die Übernahme für uns eine klare Abkürzung zum Markt.“ So begründet Peeters Nachfolgerin Laura Wirtz gegenüber FINANCE die Strategie. 

Bei Fincompare ist der Hintergrund ein anderer. Anders als Lendico ist das Start-up eine Vergleichsplattform. Die ING sieht in Fincompare eine Art Interhyp für KMUs und glaubt, dass das Unternehmen daher gut in das neue digitale KMU-Angebot passen könnte.

„Mit Lendico sind wir theoretisch schon marktreif, aber an den finalen Produkt- und Service-Prozessen wird noch geschliffen.“

Laura Wirtz, ING Diba

Auf ein genaues Datum, wann die ING Diba dieses mit Spannung erwartete Produkt tatsächlich an den Markt bringen will, wollte sich Wirtz nicht festnageln lassen: „Mit Lendico sind wir theoretisch schon marktreif, aber an den finalen Produkt- und Service-Prozessen wird noch geschliffen.“

HVB verkauft Anteile an Money Map und Solarisbank

Geschliffen wurde offenbar auch am Fintech-Portfolio der Münchener Hypovereinsbank (HVB), die zur italienischen Unicredit gehört. Wie das Finanzportal „Finanz-Szene“ mit Verweis auf das Handelsregister berichtet, hat die HVB ihre Beteiligungen an Money Map und an der Solarisbank verkauft. Einzig an der Fintech-Schmiede Finleap halte die HVB noch einen kleinen Anteil. Die HVB wollte dies weder gegenüber Finanz-Szene noch gegenüber FINANCE kommentieren.

Die Verkäufe wirken auf den ersten Blick überraschend, da der Hypovereinsbank unter den hiesigen Banken anfangs eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung zugeschrieben wurde. Schon im Jahr 2013 boten die Münchener beispielsweise über ihre digitale Plattform „Business Easy“ ihren Firmenkunden Videoberatung an.

Fintech-M&A auf einen Blick

1 Helaba

Die Helaba hat über ein Joint Venture das Fintech Komuno gegründet.

2 ING Diba

Die ING Diba hat Lendio übernommen und sich an Fincompare beteiligt. 

3 Hypovereinsbank

Die Hypovereinsbank hat ihre Beteiligungen an Money Map und Solarisbank abgestoßen.

Unicredit hat zentralen Venture-Capital-Fonds

Im Interview mit FINANCE im Februar 2016 sagte der damalige Digitalchef Boris Scukanec-Hopinski, dass die Zusammenarbeit mit Fintechs sowohl direkt über eine Beteiligung als auch indirekt über externe Venture-Capital-Fonds erfolgen könne – jedoch immer unter der Prämisse des Einklangs mit der Geschäftsstrategie. 

Scukanec hat laut HVB inzwischen „andere Aufgaben in Mailand“, wo die Konzernmutter sitzt. Diese gibt den Münchenern auch immer stärker die Geschäftsstrategie vor. Das liegt vor allem an der von CEO Jean Pierre Mustier ausgerufenen One-Bank-One-Unicredit-Politik, die für die gesamte Gruppe gilt. Im Gegensatz zu dem zur Deutschen Börse abgewanderten Ex-HVB-Chef Theodor Weimer sieht Mustier laut „Finanz-Szene“ in Fintechs eher einen „Enabler fürs Hinterzimmer“ als einen „Pokal fürs Schaufenster“.

Fintech-Beteiligungen will die Unicredit inzwischen auf Gruppen- und nicht mehr auf Länderebene eingehen. Dazu hat die Unicredit vor Jahren bereits einen Venture-Capital-Fonds etabliert, der sich an Fintechs beteiligen kann. Ein deutsches Fintech befindet sich bislang FINANCE-Informationen zufolge aber nicht im Portfolio.

Banken und Fintechs haben sich weiterentwickelt

Bedeuten die M&A-Aktivitäten der Banken nun, dass die Fintechs selbst oder die Fintech-Strategien der Banken reifer sind als noch vor zweieinhalb Jahren? Experten vermuten: beides. Wirtz von der ING Diba sowie Haß und Kaiser von der Helaba sind sich einig, dass sich die Sichtweise innerhalb der Banken stark verändert hat. Banken und deren Vorstände seien heute deutlich offener für Fintech-Beteiligungen als früher, so die Banker.

„Firmenkunden-Fintechs haben sich weiterentwickelt und sind auf einem deutlich höheren Niveau als vor zwei Jahren.“

Philipp Kaiser, Helaba

„Banken verstehen heute deutlich besser, wie Fintechs funktionieren, und können die Investment-Risiken deshalb deutlich besser einschätzen“, meint Wirtz. „Gleichzeitig haben sich Firmenkunden-Fintechs weiterentwickelt und sind auf einem deutlich höheren Niveau als vor zwei Jahren“, ergänzt Kaiser. Lendico wird als Beispiel dafür angeführt. „Wir hatten Lendico schon länger auf der Liste. Für uns interessant wurde das Unternehmen aber erst, als es sein Geschäftsmodell vom Privat- auf das Firmenkundengeschäft umstellte“, berichtet Wirtz. 

Wichtig ist laut Wirtz selbstverständlich auch die Bereitschaft der Fintechs, unter das Dach einer Großbank zu schlüpfen. Lendico hatte damit offensichtlich kein Problem – wohl auch, weil die ING das Fintech nicht komplett integrieren, sondern selbständig am Mark agieren lassen möchte.

Kommt jetzt die Fintech-Konsolidierung?

Andere Firmenkunden-Fintechs wie beispielsweise der Kreditmarktplatz Creditshelf kommen bisher noch ohne Bankenbeteiligungen aus und zeigen trotzdem starkes Wachstum. Speziell Creditshelf dringt in immer neue Bereiche vor: Das Fintech hat vor kurzem seine erste kleine M&A-Finanzierung abgeschlossen und will bald auch für größere Firmenkunden interessant werden. Ein anderer Lendico-Konkurrent hat derweil keine Zukunft mehr: Fintura verschwand zum Jahresbeginn sang- und klanglos vom Markt, nachdem das Fintech keine Anschlussfinanzierung gefunden hatte.

Von einer Konsolidierungswelle am Fintech-Markt wollen die Banker aber noch nicht sprechen. Haß sieht „noch viel Spielraum für weitere Ideen“. Eine Beteiligung einzugehen, sei schlicht ein stärkeres Bekenntnis der Bank zur Idee des jeweiligen Fintechs und der logische nächste Schritt im Fintech-Lernprozess der Banken.

Erfahren Sie mehr darüber wie Banken mit Fintechs umgehen auf der FINANCE-Themenseite Fintech-Strategien.