Newsletter

Abonnements

Finanzabteilungen gehen ins Digitale statt ins Ausland

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken
Horváth-Partner Achim Wenning ist bei dem Beratungsunternehmen für die CFO-Studie zuständig. Foto: Horváth & Partner
Horváth-Partner Achim Wenning ist bei dem Beratungsunternehmen für die CFO-Studie zuständig. Foto: Horváth & Partner

Neue Zollkonflikte mit den USA, die Auseinandersetzung um die Souveränität Grönlands – mit ihren Muskelspielen bleibt die US-Regierung unter Donald Trump ihrem unberechenbaren Kurs treu. Kanadas Premierminister Mark Carney brachte es Mitte Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos so auf den Punkt: „Wir sind mitten in einem Umbruch, nicht in einem Übergang.“ Die Unsicherheiten und Risiken bleiben groß.

Die Aussichten von Finanzverantwortlichen für 2026 hatten sich schon zuvor erheblich eingetrübt. In der CFO-Studie des Beratungsunternehmens Horváth & Partners vom Dezember zeigte sich das bereits. 44 Prozent der mehr als 240 Teilnehmenden erwarteten, dass sich die wirtschaftliche Lage in ihrem Unternehmen nicht verändert; 35 Prozent gingen davon aus, dass ihre Geschäftslage schwierig bleibt. Beide Anteile erhöhten sich deutlich.

Ausland erscheint oft nicht mehr als effizienter Schritt

Auf die wirtschaftlichen und politischen Risiken reagieren die Unternehmen, indem sie Kapital und Kosten unter Kontrolle halten. Anders als in früheren Jahren stehen dabei in den Finanzabteilungen nicht mehr Direktinvestitionen im Ausland und Verlagerungen in Niedriglohnländer im Vordergrund. Sie gelten unter CFOs nur mehr sehr eingeschränkt als effiziente Maßnahmen.

Aus Sicht des Horváth-Partners Achim Wenning hat das vor allem einen Grund: Die Vorteile eines solchen Schritts überwiegen nicht mehr den damit verbundenen Aufwand. Wenning erläutert das aus seiner Erfahrung mit Beratungsprojekten zu dieser Frage heraus. Dabei zeige sich, dass die laufenden Ausgaben in vielen Zielländern, etwa für Personal in Zentral- und Osteuropa, erheblich gestiegen sind. Angesichts hoher Kosten für einen Personalabbau in Deutschland bleibe da nur ein geringer Vorteil, die Rechnung gehe erst sehr viel später auf als noch vor wenigen Jahren.

Externer Inhalt von Datawrapper

Um externe Inhalte anzuzeigen, ist Ihre widerrufliche Zustimmung nötig. Dabei können personenbezogene Daten von Drittplattformen (ggf. USA) verarbeitet werden. Weitere Informationen.

Zusätzlich seien mit so einem Vorhaben selbst ebenfalls Risiken verbunden, sagt Wenning. Denn stabile Prozesse mit qualitätvollen Ergebnissen seien für die Verantwortlichen unverzichtbar. Ob dafür aber vor Ort die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden sind und der Aufbau einer zuverlässigen Organisation gelingt, sei eben nicht sicher. Und auch der Personalabbau hierzulande habe eine Kehrseite: Die Finanzabteilung verliere mit den Mitarbeitenden auch Know-how.

Risiken mit Digitalisierung begegnen

Um Risiken zu minimieren, sind dagegen andere Schritte in den Fokus der Finanzverantwortlichen gerückt. In der Horváth-Studie stehen ganz oben Investitionen in die Digitalisierung und Prozessautomation; nur wenige Punkte darunter liegt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und generativer KI. Wenning nennt dies „Alternativen ohne Transformationsstress“ – jedenfalls ohne die Stressfaktoren Standort und Personal.

Der Horváth-Partner sieht vor allem drei Effekte. Ganz grundsätzlich verringere der Einsatz von Technologie das Volumen an Aufgaben in Finanzabteilungen, die traditionell in ausgelagerte Prozesse und an Standorte mit geringeren Kosten gegangen wären. Daneben stünden inzwischen neue Modelle parat, die Arbeit effizienter zu organisieren: Finanzabteilungen könnten die Auslagerung über Dritte organisieren, also nicht selbst in die Hand nehmen, und sie könnten auf virtuelle Zusammenarbeit setzen. Denn das Zusammenlegen von Aufgaben an einem Ort erweise sich inzwischen als weniger wichtig.

Info

Finanzabteilungen bevorzugen bestehende Standorte

Die Zielregionen möglicher Auslagerungen oder Investitionen aus Finanzabteilungen heraus verteilen sich über den gesamten Globus. Wenning stellt einen Aspekt heraus: „Es muss zum Unternehmen passen.“ Vorhandene Strukturen, sprachliche und kulturelle Nähe sowie die Zeitzonen könnten dabei Faktoren sein. Deshalb kämen insbesondere Standorte in Betracht, an denen die Betriebe bereits vertreten sind. Denn statt auf der grünen Wiese ließen sich solche Vorhaben auf einem bestehenden Fundament leichter und risikoärmer umsetzen.

Aus der Digitalisierung heraus erkennt Wenning aber noch einen zweiten, tiefgreifenderen Trend. Aus Shared-Service-Zentren entstünden inzwischen teilweise neue Abteilungen mit unternehmensweiten Aufgaben in der Prozessautomatisierung. Für solche Standorte mit einem Fokus auf „Global Business Automation“ sei eine hohe IT-Affinität wichtig. Die Frage der Auslagerung wird damit zu einer der inhaltlichen Kompetenz.

Raphael Arnold ist Redakteur bei FINANCE. Er studierte in Gießen und Alexandria (Ägypten) Geschichte, Geografie und Arabisch. Schon vor und während des Studiums schrieb er für verschiedene Tageszeitungen. Bei den Nürnberger Nachrichten absolvierte er ein Volontariat und arbeitete im Anschluss in deren Wirtschaftsredaktion. Danach war er über 13 Jahre für den US-Investment News Service OTR Global als Researcher und Projektmanager tätig. Beim Juve Verlag verantwortete er bis Oktober 2024 knapp acht Jahre lang die Österreich-Publikationen.