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Das Zeitfenster für günstige Finanzierungen schließt sich

Letzte Chance auf günstige Finanzierungen
Unternehmen, die sich günstig finanzieren wollen, sollte sich beeilen. Foto: monsitj - stock.adobe.com

In Deutschland kannte die Zinskurve in den vergangenen 40 Jahren nur eine Richtung: nach unten. Lagen die Durchschnittszinsen für Unternehmenskredite Anfang der 1980er-Jahre über alle Branchen und Rating-Klassen hinweg auf einem Rekordniveau jenseits der 10 Prozent, sanken sie seither kontinuierlich bis zum Jahr 2016 und verharrten bis zu Beginn dieses Jahres auf historischen Tiefstständen von 1 bis 1,5 Prozent.

Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie und vor allem der russische Angriffskrieg auf die Ukraine sowie die infolgedessen in die Höhe schießenden Energiepreise sorgten für eine Inflation und damit für die Zinswende. Seit Anfang des Jahres stiegen die Kreditzinsen zunächst moderat, ab dem zweiten Quartal sprunghaft auf bis zu 4 Prozent an. Ab Oktober ist ein leichter Rückgang auf 3,8 Prozent zu verzeichnen. Dennoch zahlen Unternehmen bereits heute so hohe Zinsen wie seit acht Jahren nicht mehr.

Zinsen werden bis mindestens Mitte 2023 weiter steigen

Doch auf baldige Entlastung sollten Unternehmen nicht hoffen. FCF-Managing Director Kai Frömert erwartet, dass die Zinsen weiter steigen werden. Er rechnet damit, dass die EZB die Leitzinsen nochmals um 50 bis 75 Basispunkte anheben wird. Und nicht nur das. „Wir gehen davon aus, dass zum Beispiel der 3-Monats-Euribor bis Mitte 2023 von heute etwa 2 Prozent weiter in Richtung 3 Prozent oder knapp darüber steigen wird.“

Ob es danach zu weiteren Anstiegen, zu einer Stabilisierung oder gar zu einem leichten Rückgang der Euribor-Sätze kommen wird, sei aufgrund der instabilen geopolitischen und weltwirtschaftlichen Lage nur schwer vorherzusagen. „Der vorsichtig planende CFO muss deshalb eigentlich von weiter steigenden Zinsen ausgehen und sich entsprechend dagegen absichern“, betont Frömert.

FCF erwartet zudem eine weitere Ausweitung der Bankmargen, da mit steigende Kreditausfällen zu rechnen ist, was kurz- bis mittelfristig nochmals zu Zinssteigerungen von 100 bis 150 Basispunkten in den Referenzzinsen sowie bis zu 50 Basispunkten in den Bankmargen führen könnte.

Noch ist das Finanzierungsumfeld positiv

Für Unternehmen sei das aktuelle Finanzierungsumfeld aber nach wie vor positiv. Historisch betrachtet bewegen sich die Zinsen im Moment nach wie vor auf recht niedrigem Niveau. Auch sei der Bankenmarkt nach wie vor sehr aufnahmefähig für neue Finanzierungen mit vergleichsweise guten Konditionen, vor allem für Unternehmen mit guten Bonitäten. Dieses Fenster könnte sich jedoch für Firmen mit Ratings von „BB“ oder darunter bald schließen.

Frömert rät deshalb Unternehmen, die noch mit Restlaufzeiten von 2 bis 3 Jahren finanziert sind, bereits heute über eine Erneuerung oder Verlängerung ihrer Finanzierungsverträge nachzudenken, um die aktuell noch vergleichsweise günstigen Zinsen zu sichern. Grundsätzlich gelte das für alle Finanzierungen, egal ob für langfristige Investitionen oder das zurzeit besonders nachgefragte  Working Capital.

„Sofern ein Neuabschluss der Finanzierungen nicht gewünscht oder möglich sein sollte, sollten Unternehmen jetzt das Thema Zinssicherung ihrer aktuellen variablen Finanzierungen angehen, um sich gegen weitere unvorhergesehene Zins-Events abzusichern“, so Frömert weiter.

Kreditkonditionen entwickeln sich nicht wie erwartet

Im Kontrast dazu steht jedoch der Ausblick der Banken. Diese erwarten laut Bank Lending Survey der Bundesbank eine Verbesserung der Kreditkonditionen. FCF weist aber darauf hin, dass die Entwicklung der Kreditkonditionen auch in den vergangenen Quartalen regelmäßig hinter den zu positiven Erwartungen der Banken zurückgeblieben ist.

Wie es zu dieser Diskrepanz zwischen Bankenerwartung und reeller Entwicklung kommt, kann sich Frömert nur bedingt erklären: „Die von den Banken berichtete Verbesserung der Kreditkonditionen können wir aus der Empirie nicht nachvollziehen.  Sie passt auch nicht zu den Aussagen der Banken der letzten Wochen, welche man im Markt hört bzw. in der Presse lesen kann.  Die abweichenden Ergebnisse der Bundesbank-Umfrage scheinen uns – zumindest für das von uns beobachtete Marktsegment des gehobenen Mittelstands – etwas irreführend zu sein.“

Empirische Beobachtungen von FCF sowie Rückmeldungen aus Unternehmen zeigen steigende Referenzzinsen und Kreditmargen. Letztere hätten seit Jahresbeginn im Investmentgrade-Bereich um 25 bis 50 Basispunkte zugenommen, im Non-Investmentgrade-Bereich um 50 bis 100 Basispunkte, in einzelnen Fällen sogar bis zu 150 Basispunkte.

Die sonstigen Kreditkonditionen fielen zudem strenger aus. So berichteten Unternehmen von kürzeren Kreditlaufzeiten, einer Ausweitung der Covenants und einer vermehrten Nachfrage nach Kreditsicherheiten.

Weniger Unternehmenskredite im neuen Jahr erwartet

Während Auslands- und Landesbanken sowie Sparkassen ihre Kreditvergabe in den vergangenen Monaten noch ausgeweitet hätten, haben andere Bankengruppen neue Kredite deutlich zögerlicher herausgegeben, heißt es dazu im FCF Zins- und Kreditmonitor.

Diese Entwicklung wird sich nach Ansicht des Beratungshauses EY im kommenden Jahr auf alle Sektoren ausweiten. EY erwartet in seinem „European Bank Lending Forecast“ einen Rückgang bei der Vergabe von Unternehmenskrediten von 2,9 Prozent. Der Anteil notleidender Kredite werde sich von aktuell 1,2 Prozent nahezu verdoppeln auf 2,3 Prozent.

Die deutsche Kreditwirtschaft wird diesen Anstieg laut Thomas Griess, Managing Partner bei EY, problemlos verkraften können: „Die Eigenkapitalpuffer sind mehr als ausreichend. Und im historischen Vergleich ist der Anteil notleidender Kredite immer noch sehr niedrig und stellt keine Gefahr für den Bankensektor dar.“ Die befürchtete Kreditklemme wird demnach vorerst ausbleiben.

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.