Commerzbank

28.06.16
CFO

Commerzbank beendet IT-Megaprojekt

Mehr als sechs Jahre Arbeit und hunderte Millionen Euro hat die Commerzbank in ihre neue IT-Struktur investiert. Welchen Risiken sie sich dabei ausgesetzt hat und was die Rieseninvestition bringen soll, verraten die Projektverantwortlichen im Gespräch mit FINANCE.

„Es ist eine der größten Investitionen der Commerzbank überhaupt“ – mit diesen Worten stellte CFO Stephan Engels bei der Veröffentlichung des Geschäftsbericht 2015 die neue IT-Plattform der Commerzbank vor. Kein Wunder, immerhin hat die zweitgrößte deutsche Bank sechs Jahre lang an dem Projekt „Group Finance Architecture“ getüftelt, 300 Mitarbeiter damit beschäftigt und rund 300 Millionen Euro hineingesteckt. Jetzt rühmt sich die Bank mit dem Ergebnis: „Mit GFA sind wir Vorreiter der Branche“, sagt Gerd Gouverneur, CIO Corporate Center der Commerzbank, im Gespräch mit FINANCE. Dabei war lange nicht klar, wie erfolgversprechend die neue IT-Struktur tatsächlich sein wird.

Angefangen hatte alles mit der Idee, eine einheitliche Plattform für die Bilanzierung nach HGB und IFRS zu schaffen, erinnert sich Esther Laun, Bereichsleiterin Group Finance bei der Commerzbank. „Früher hatten wir zwei Lösungen für die verschiedenen Buchungsvorschriften.“ Die Bank kämpfte mit fragmentierten Prozessen und vielen verschiedenen Schnittstellen. Wenn die unterschiedlichen Bereiche wie Wertpapierhandel, Derivatehandel oder Kreditvergabe ihre Finanzberichte zu erstellen hatten, mussten sie sich die benötigten Bilanzdaten beschaffen und anschließend verarbeiten.

Zentrale Plattform für einheitliche Daten

Da die Daten allerdings nicht aus einer einheitlichen Plattform stammten, mussten die Einzelergebnisse oft erst mühsam angeglichen werden. Alleine schon, wenn die Abteilungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf die Daten zugreifen wollten, war die Basis nicht mehr einheitlich. „Viele Mitarbeiter waren damit beschäftigt, Abweichungen zu erklären und die Einheitlichkeit, die von der Bankenaufsicht gefordert wird, sicherzustellen“, sagt Esther Laun, als Bereichsleiterin verantwortlich für das Projekt GFA. Das ist zum einen aufwendig und birgt zum anderen ein erhöhtes Fehlerrisiko.

In der nun fertiggestellten zentralen Finanzplattform liegen die Daten aus allen Unternehmensbereichen digitalisiert vor. Längst geht es nicht mehr nur darum, die Abschlüsse nach HGB und IFRS einheitlich zu erstellen – die Plattform wird zum Beispiel auch für das Controlling genutzt.  Alles, was in der Bank passiert, sei es die Bezahlung einer Kreditrate oder der Verkauf eines Wertpapiers, findet sich in der neuen Datenbank wieder. „Wir können jetzt in Echtzeit Berichte erstellen und unsere Bücher wesentlich schneller schließen“, sagt Laun.

Commerzbank: „Technologische Entwicklung spielte uns in die Hände“

Doch eine dermaßen gigantische Datenmenge lässt sich nicht auf einer gewöhnlichen Datenbank verarbeiten. Um das Projekt technisch zu stemmen, hat die Commerzbank die SAP-Datenbank Hana und die Anwendung SAP Bank Analyzer genutzt. „Mit modernen Appliance- oder In-Memory Technologien wie zum Beispiel Exadata oder Hana ist es möglich, riesige Datenmengen zu komprimieren und dabei Zugriff in Echtzeit zu haben und so die Digitalisierung auch auf für Finanz- und Risikofunktionen einer Bank erlebbar zu machen“, sagt Jörn Rehbock, Managing Director Financial Services bei Accenture Technology, der die Commerzbank bei dem Projekt beraten hat.

Mit der Kombination aus Hana und Bank Analyzer war die Commerzbank Vorreiter – und das birgt ein Risiko. „Vor sechs Jahren wussten wir noch nicht, dass In-Memory-Technologien so zügig reifen würden“, erinnert sich CIO Gerd Gouverneur. „Die rasante technologische Entwicklung spielte uns bei diesem Projekt für die Bewältigung der riesigen Datenmengen in die Hände.“ Tatsächlich lief das gesamte Projekt jahrelang ohne einen einzigen Live-Gang. Zwar gab es bereits  2013 eine fachliche Abnahmeerklärung für die erste Stufe ‚Accounting‘, in die damals auch der Wirtschaftsprüfer eingebunden war. Live geschaltet wurde das System aber erst Ende vergangenen Jahres, nachdem es um ‚Controlling‘ erweitert wurde.

IT-Großprojekte scheitern oft

Dass ein derart teures und risikoreiches Projekt erfolgreich endet, ist keineswegs selbstverständlich. Erst im Oktober vergangenen Jahres war ein ambitioniertes IT-Projekt bei der Deutschen Post gescheitert, sie verlor dadurch über 300 Millionen Euro. Auch bei der Deutschen Bank gab es in der Vergangenheit Probleme mit IT-Projekten – zu seinem Amtsantritt im Oktober kritisierte John Cryan die veraltete Software bei der Bank. Vor einigen Jahren musste auch der Handelskonzern Otto ein großes IT-Projekt canceln, weil es sich als zu komplex herausgestellt hatte.

Bei der Commerzbank kam erschwerend noch die Integration der Dresdner Bank hinzu. Sie lief eine gewisse Zeit parallel. „In dieser Zeit war unser Projekt auf Sparflamme, aber es war nie die Rede davon, es einzustellen“, sagt Gouverneur. Auch die Tatsache, dass die vergangenen Jahre für die Commerzbank wegen diverser Skandale alles andere als einfach waren, hat dem Projekt offenbar keinen Abbruch getan. „Wir hatten auch in diesem Projekt Situationen, wo es nicht immer ganz einfach war. Da muss dann einfach der Wille da sein, das auch durchzuziehen.“, so Bereichsleiterin Esther Laun. Rückenwind bekam das Team zunächst von Finanzchef Eric Strutz, ab 2012 dann vom neuen und aktuellen CFO Stephan Engels.

Commerzbank: „Investition war wichtig“

Ob und wann sich die Investition von 300 Millionen Euro für die neue IT lohnen, wird sich allerdings noch zeigen müssen. Konkrete Angaben dazu macht die Commerzbank auch auf Nachfrage nicht. Doch eine Alternative zu dem Mammutprojekt gab es offenbar ohnehin nicht: „Es war eine wichtige Investition“, sagt Laun. Um wettbewerbsfähig zu bleiben und den immer strengeren Auflagen durch die Bafin zu genügen, sei die Investition erforderlich gewesen.

Die Commerzbank will ihr Projekt nun noch weiter ausrollen. In Zukunft soll es noch ein integriertes Finance & Risk Warehouse geben, dann wird beispielsweise auch die Risikoklassifizierung auf Basis der einheitlichen Daten erfolgen. Bis dahin muss die Bank weiterhin ihr Vertrauen in die Entwicklung der technischen Möglichkeiten setzen.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de