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Stada drängt zu neuer Größe

Die Private-Equity-Eigentümer Bain Capital und Cinven fahren bei Stada einen klaren Expansionskurs. Foto: Stada

Entspannt sitzt CFO Wolfgang Ollig in einem Drehstuhl im geräumigen Konferenzraum der Firmenzentrale von Stada im hessischen Bad Vilbel, vor sich die aktuellen Zahlen. Der Blick darauf stimmt den Finanzchef rund eineinhalb Jahre nach seinem Einstieg bei dem Pharmaunternehmen zufrieden. „Stada geht gerade organisch und anorganisch große Wachstumsschritte“, sagt Ollig. Der Finanzchef ist seit Februar 2020 zurück in Deutschland. Als CFO von Hella hatte er den Börsengang des Automobilzulieferers begleitet, bevor es ihn 2016 für knapp vier Jahre zum Hörgerätehersteller Sivantos ins rund 10.000 Kilometer entfernte Singapur zog. „Ich hatte Lust auf eine neue Herausforderung und wollte gern einmal im Private-Equity-Umfeld arbeiten“, hatte er den Schritt damals im Gespräch mit FINANCE begründet.

Zu den größten Zukäufen zählen ein Medikamentenportfolio von Takeda Pharmaceutical aus Japan für umgerechnet 550 Millionen Euro sowie das Consumer-Healthcare-Unternehmen Walmark in Osteuropa für rund 140 Millionen Euro – beide Deals wurden noch kurz vor Corona eingetütet. Die Integration der Zukäufe war in Covid-Zeiten jedoch nicht alltäglich.

Auf Einkaufstour: Stadas Deals (Auswahl)

ZeitpunktTransaktion
Juni 2019OTC-Markenportfolio von GSK
November 2019Walmark (Hersteller von Consumer-Health-Produkten in
Osteuropa), Deal-Volumen: 140 Mio. Euro (inkl. Schulden)
November 2019OTC-Portfolio von Takeda in Russland/CIS, Kaufpreis: 660 Mio. USD
Dezember 2019Geschäft für rezeptpflichtige Arzneimittel und Consumer-HealthProdukte von Biopharma
Februar 202015 Consumer-Health-Produkte von GSK
Februar 2020OTC- und Nahrungsergänzungsmittelportfolio (Fern-C-Portfolio)
auf den Philippinen
Oktober 2020Lobsor Pharmaceuticals (Therapie bei Parkinson-Erkrankungen),
Kaufpreis: 320 Mio. Euro (inkl. Schulden)
Juni 2021Consumer-Healthcare-Portfolio mit 16 Marken von Sanofi
Quelle: Stada, FINANCE-Recherche

Stada setzt auf Drei-Säulen-Strategie

Zwar konnte die Stada-Führung noch zu einem ersten Town Hall Meeting an die neu erworbenen Standorte in Osteuropa reisen, die Integration von Technik, Lieferketten und Produktion musste jedoch virtuell erfolgen.

Auf die gut gefüllte Deal-Pipeline der Bad Vilbeler hatte Corona dagegen keinen Einfluss. Dabei profitiert Stada von seinem wachsenden Track Record: „Stada konnte sich als ‚Go-to-Partner‘ in der Industrie profilieren. Wer über Verkäufe nachdenkt, der hat uns als möglichen Kaufinteressenten inzwischen auf dem Radar“, erläutert Ollig. Zuletzt übernahm Stada Produkte von GSK und Sanofi. „Wir checken kontinuierlich viele Akquisitionsopportunitäten mit Blick auf strategischen Fit und Wachstumspotential.“ Eine davon war zuletzt der Kauf des auf die Parkinson-Therapie spezialisierten schwedischen Unternehmens Lobsor Pharmaceuticals im vierten Quartal 2020 für 320 Millionen Euro inklusive Schulden.

Seit Februar 2020 ist Wolfgang Ollig als Stada-CFO zurück in Deutschland. Foto: Lydia Gorges/Stada

Mit den Zukäufen will Stada sich breiter aufstellen und setzt künftig auf drei Säulen: rezeptfreie OTC-Produkte, Generika sowie Spezialpharmazeutika inklusive Biosimilars. Den dritten Teilbereich will Stada vom kommenden Jahr an separat ausweisen. Alle drei Bereiche sollen dann einen „signifikanten“ Umsatzbeitrag von mindestens 25 Prozent beisteuern.

Der Deal-Marathon schlägt sich auch im Zahlenwerk der Bad Vilbeler nieder: Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr 2020 nicht zuletzt dank des anorganischen Wachstums von 2,6 Milliarden auf 3 Milliarden Euro. Die Kehrseite der Expansion: Stadas Nettoverschuldung kletterte von 1 Milliarde Euro Ende 2019 auf rund 2,5 Milliarden Euro zum Jahresende 2020. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent auf 713 Millionen Euro.

Stada-Führung sieht US-Markt als Fernziel

Perspektivisch wollen CEO Peter Goldschmidt und CFO Ollig Stada auch außerhalb Europas und Russlands breiter aufstellen. In Asien ist das Unternehmen bislang vor allem in Vietnam, den Philippinen und Thailand präsent, ebenso auf der arabischen Halbinsel. Für den Consumer-Healthcare-Bereich rücken auch die USA und China stärker in den Fokus. In beiden Märkten ist Stada bereits aktiv, will aber deutlich wachsen. „Das zu realisieren wäre ein ‚Big Jump‘ und ist gegebenenfalls eher eine mittelfristige Perspektive“, sagt Ollig.

„Von den Rahmenbedingungen wäre Stada für einen Re-IPO gerüstet.“

Stada-CFO Wolfgang Ollig

Klar ist, dass die Expansionspläne finanziert werden müssen. Ein erneuter Börsengang, durch den die Eigentümer Bain Capital und Cinven zumindest teilweise aussteigen könnten, wäre eine Option – zumal CFO Ollig bei Hella schon einen Börsengang gestemmt hat. Ob er diese IPO-Erfahrung in nicht allzu ferner Zukunft auch bei Stada einbringen könnte? „Das Wissen hätte ich“, erklärt Ollig und schmunzelt. Einen Disclaimer schiebt er gleich nach: Die Entscheidung liege selbstverständlich bei den Eigentümern, die das einst im M-Dax notierte Unternehmen nach ihrem Einstieg von der Börse nahmen. „Von den Rahmenbedingungen wäre Stada für einen Re-IPO gerüstet“, ist Ollig überzeugt. Insgesamt sei man für alle Optionen offen.

Übernahme durch Bain und Cinven war umstritten

In einem Private-Equity-geprägten Umfeld arbeiten zu können war für Wolfgang Ollig ein wesentlicher Faktor bei seiner Entscheidung für Stada, auch wenn die Übernahme durch Bain Capital und Cinven nicht unumstritten war. „Wir können mit Unterstützung der Gesellschafter und ihrer Mittel strategische Opportunitäten wahrnehmen, die Stada sonst nicht offenstehen würden“, sagt der CFO. Ollig schätzt die Arbeit unter Finanzinvestoren: „Man hat selbstverständlich Druck, aber auch mehr Freiheitsgrade in der Gestaltung.“ Dadurch lasse sich in kurzer Zeit viel erreichen. Man müsse eben damit umgehen können, dass es auch mal „tough“ werden könne.

Mitunter „tough“ war auch das Arbeiten unter Lockdown-Bedingungen. Einen Teil des Finanzteams und die Vorstandskollegen konnte der CFO in seinen ersten Wochen persönlich treffen. „Das hat den Einstieg erleichtert“, sagt er. Allerdings gebe es immer noch enge Mitarbeiter, die er nur über den Bildschirm kennengelernt habe. Auch die private Rückkehr verlief Corona-bedingt etwas holprig. Während Ollig im Februar 2020 das Büro in Bad Vilbel bezog, blieb seine Familie in Singapur. Der Plan, zur Umzugsunterstützung nach Asien zurückzukehren, scheiterte an harten Lockdowns. Erst im Juni 2020 war die Familie in Deutschland wieder vereint, und Wolfgang Ollig konnte aufatmen, im wahrsten Sinne des Wortes: „Bei der Rückkehr nach Deutschland habe ich mich am meisten über die klare Luft gefreut“, gesteht er lachend.

thomas.holzamer[at]finance-magazin.de

Thomas Holzamer ist Redakteur bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Banken-Sektor, speziell das Firmenkundengeschäft. Er hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Thomas Holzamer mehr als 12 Jahre in den Redaktionen der Mediengruppe Offenbach-Post, zunächst als verantwortlicher Redakteur für Sonderpublikationen, später im Lokalen.