Munich-Re-CFO Jörg Schneider, der dienstälteste Finanzchef im Dax, plant seinen Rückzug. Seine Bilanz fällt gemischt aus.

Munich Re

31.07.18
CFO

CFO des Monats: Jörg Schneider

Nach 18 Jahren im Amt und als dienstältester CFO im Dax hat Munich-Re-CFO Jörg Schneider seinen Rückzug angekündigt. Seine Bilanz ist so solide wie der Werdegang des Managers selbst.

Lebensläufe wie jenen von Jörg Schneider wird man in Zukunft in den Reihen der Dax-Vorstände wohl nicht mehr finden: Der Manager arbeitet seit 30 Jahren für den Rückversicherer Munich Re, 18 Jahre davon als Finanzvorstand. Schneider gilt als ebenso risikoscheuer wie kompetenter Administrator, und genau dies lässt ein Blick in seinen Lebenslauf auch erwarten.

Die Studienfachkombination Jura und BWL spricht für einen klaren Blick auf den anschließenden Karriereweg, seine zeitweilige Arbeit als Programmierer wirkt vor einem solchen Hintergrund schon fast exotisch. Zum Jahresende wird der langjährige Finanzchef Schneider den CFO-Posten bei dem Dax-Konzern an den 43-jährigen Christoph Jurecka übergeben, der derzeit noch CFO der Tochter Ergo ist.

Amtsantritt inmitten des Absturzes

Schneiders Bilanz verrät, warum er sich so lange wie kein anderer amtierender Finanzchef in Deutschlands wirtschaftlicher Eliteliga behaupten konnte – und das, ohne jemals nennenswert in Frage gestellt worden zu sein. Doch sich seinem Leistungsnachweis zu nähern, ist komplex.

Die Aktienkursentwicklung, der traditionelle Gradmesser für CFO-Karrieren, ist über Schneiders gesamte Amtszeit betrachtet eher trist. Als er im Jahr 2000 in den Vorstand einzog, eilte die Munich-Re-Aktie von Rekord zu Rekord und gipfelte schließlich bei 380 Euro. Als der zweifache Vater wenig später CFO wurde, war der Absturz schon in vollem Gange: Im Frühjahr 2003 war das Papier kaum noch mehr als 50 Euro wert.

Katastrophen wie 9/11, vor allem aber der Kollaps der Aktienmärkte hatten die Munich Re, die damals ein Drittel ihrer Kapitalanlagen in Aktien hielt, heftig ins Wanken gebracht. Bis heute hat sich das Papier nur teilweise wieder erholt und liegt bei rund 180 Euro. 

Erholt nach tiefer Krise: Munich-Re-Aktienkurs seit Schneiders Einstieg

Jörg Schneiders Weitsicht beim Klimawandel

Doch auf seine schon damals respektierte ruhige und analytische Art steuerte Schneider direkt nach seinem Amtsantritt gegen und reduzierte die Risiken – im Versicherungs- wie im Anlagenportfolio. Bankbeteiligungen, etwa an der Commerzbank und der Hypo Vereinsbank, ließ er abstoßen. Der Umstieg auf die Bondmärkte hatte aber zur Folge, dass Jahre später die Nullzinspolitik der Zentralbanken hart ins Kontor schlug.

Trotzdem können sich selbst heute noch die Renditen, die der Dax-Konzern mit seinen mehr als 200 Milliarden Euro schweren Kapitalanlagen erwirtschaftet, sehen lassen. Dies liegt auch daran, dass die Munich Re sich als einer der ersten Versicherungskonzerne neu aufkommenden Anlageklassen wie Infrastruktur sowie Wind- und Solarparks geöffnet hat.

Weitsicht bewies Schneider auch, als er schon frühzeitig vor den enormen wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels warnte – zu einer Zeit, als eine starke Zunahme von Unwetterkatastrophen noch als ferne Zukunftsvision galt.

Spätestens das Jahr 2017 gab Schneider Recht: Es entwickelte sich zu einem der drei schadensreichsten aller Zeiten, mit gleich mehreren verheerenden Wirbelstürmen und schweren Erdbeben. Die Schäden kosteten allein die Munich Re 3,2 Milliarden Euro, praktisch ihren gesamten Jahresgewinn. Proportional zur Unternehmensgröße wurden die meisten anderen Rückversicherer aber noch schwerer gebeutelt.

Jörg Schneider bewies Weitblick beim Klimawandel und öffnete die Munich Re schon früh für neu aufkommende Anlageklassen.

Schneiders vielleicht größte Leistung als CFO

Was als Schneiders vielleicht größte Leistung unter dem Strich stehen bleibt: Anders als vor 15 Jahren weckt ein Katastrophenjahr heute keine Sorgen mehr um die Stabilität des weltgrößten Rückversicherers. „Unsere Kapitalbasis bleibt sehr stark“, erklärte Schneider im vergangenen Herbst ungerührt, direkt nachdem er den Kapitalmarkt über die Milliardenverluste informiert hatte. 

Dass der Konzern so kapitalstark ist, liegt auch daran, dass in Schneiders Amtszeit große Akquisitionen gescheut wurden. Stattdessen returnierte das Traditionshaus in Form mehrerer großer Aktienrückkaufprogramme, die meist direkt aneinander anschlossen, Milliardensummen an seine Aktionäre. Auch die Dividende stockt der Versicherer seit mehr als zehn Jahren immer weiter auf. Die Dividendenrendite ist seit Jahren eine der höchsten im Dax. 

FINANCE-Köpfe

Dr. Jörg Schneider, Munich Re AG

Während seines Studiums arbeitet Schneider als Programmierer und Systemanalytiker bei Daimler Benz. Seit 1988 ist Schneider bei Munich Re. Ab 1988 arbeitet er im Finanzbereich und übernimmt 1993 die Leitung für den Bereich Beteiligungen. Ab 1997 leitet er den Bereich Konzernfinanzen. 2000 wird er schließlich in den Vorstand gewählt. Als CFO trägt er unter anderem die Verantwortung für die Bereiche Financial and Regulatory Reporting, Group Controlling, Integrated Risk Management, Group Legal, Group Taxation, Investor and Rating Agency Relations sowie Group Compliance. Im Juli 2018 kündigt Schneider seinen Abschied von dem Rückversicherer zum Jahresende an.

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Munich Re muss agiler werden

Schneiders Nachfolger wird allerdings andere Akzente setzen müssen. Es ist unübersehbar, dass das Niedrigzinsumfeld die vorhandene Ertragsbasis erodieren lässt. Der im vergangenen Jahr an Bord gekommene neue Vorstandschef Joachim Wenning will das Unternehmen agiler und digitaler machen und es näher an die Endkunden heranrücken.

Sein scheidender Finanzchef Schneider hat ein Sparprogramm aufgelegt, das die Kosten um 200 Millionen Euro im Jahr senken soll. Diese Mittel sollen dann für Investitionen in die Digitalisierung eingesetzt werden. Dem altgedienten Versicherer auf diesem Wege wieder Dynamik und Fantasie einzuhauchen, wird eine der zentralen Aufgaben von Schneiders Nachfolger Christoph Jurecka sein. Anders als beim Risikomanagement lässt Schneiders Erbe dort noch Luft nach oben.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr Infos zur Vita des Dax-Urgesteins bietet das FINANCE-Köpfe-Profil von Jörg Schneider.

Eine Übersicht über alle bisherigen CFOs des Monats gibt es auf der dazu gehörigen FINANCE-Themenseite „CFO des Monats“.