Vom Controller zum Kümmerer: Auf Bahn-CFO Richard Lutz kommt mit seiner Beförderung zum Bahnchef ein hoher Anspruch zu.

Oliver Lang/Deutsche Bahn

03.04.17
CFO

CFO des Monats: Richard Lutz

Nach seinem Aufstieg an die Spitze muss sich Bahn-CFO Richard Lutz neu erfinden. Sich auf seine Fähigkeiten als Planer und Controller zu verlassen, wird in seinem neuen Job als Bahnchef nicht mehr reichen.

Nicht Ex-Politiker Ronald Pofalla, nicht der Siemens-Manager Siegfried Russwurm, nicht der Schweizer Bahnchef Andreas Meyer – ausgerechnet der seit 2010 amtierende Finanzvorstand Richard Lutz wird neuer CEO der Deutschen Bahn.

Damit bekommt der Controller, der nie in einem anderen Unternehmen gearbeitet hat als bei der Bahn, einen der aufreibendsten Managerjobs Deutschlands: Er wird das personifizierte Sinnbild für das System Bahn mit all dessen vielkritisierten Schwächen. Fürstlich bezahlt wird er dafür nicht: 1 bis 1,5 Millionen Euro inklusive Bonus sind nicht viel für die Führung eines 40-Milliarden-Umsatz-Konzerns. 

Richard Lutz beharrt auf Doppelrolle als CEO und CFO

Nun herrscht gespannte Erwartung, wie Lutz seine Rolle als Bahnchef ausfüllen wird. Die zentrale Frage ist, ob Lutz dem Bahnkonzern ähnlich stark seinen Stempel aufdrücken wird wie seine beiden Vorgänger Rüdiger Grube und Hartmut Mehdorn. Die ersten Signale lassen das nicht erwarten. Nach seiner Strategie befragt, sagte Lutz: „Das vergangene Jahr war erfolgreich. In einer solchen Situation wird niemand das Spielsystem und die Strategie infrage stellen.“

Großen Gestaltungswillen drückt er damit nicht aus. Das kommt recht unerwartet, denn dass bei der Bahn nur noch Kleinigkeiten zu optimieren seien, kann niemand behaupten: Der Güterverkehr ist in einer tiefen Strukturkrise gefangen, im Regionalverkehr verliert die Bahn wegen ihrer hohen Kosten viele Ausschreibungen, und im Fernverkehr kann sich der Staatskonzern nur deshalb einigermaßen gegen die Fernbuskonkurrenz behaupten, weil er im großen Stil Billigtickets auf den Markt wirft und gleichzeitig viel Geld investiert, um den Service und die WLAN-Performance in den ICEs zu verbessern.

Auch der Ressortzuschnitt spricht dafür, dass sich Lutz eher als Controller denn als Reformer sieht. Weil er darauf insistierte, das Finanzressort zu behalten, muss er den Zugriff auf die operativen Bereiche Güterverkehr und Logistik sowie die Verantwortung für die digitale Transformation abgeben. Dass ihn die Doppelrolle als CEO und CFO stark auslasten wird, gibt Lutz offen zu: „Ich will und werde das aber zu 150 Prozent machen.“ Dass er sich wie sein Vorgänger Grube viel Zeit für den direkten Kundenkontakt nehmen wird, ist vor diesem Hintergrund mehr als fraglich.

Ex-CFO Lutz wird sich als Bahnchef neu erfinden müssen

Stattdessen wird sich Lutz vermutlich auf die Abarbeitung des Grube-Plans konzentrieren: Verbesserung von Zuverlässigkeit und Service, Sanierung des Güterverkehrs und Abbau der hohen Verschuldung von 17,6 Milliarden Euro netto. Das aktuelle Ertragsniveau mit einem bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,95 Milliarden Euro reicht dafür nicht aus, zumal die Bahn derzeit das größte Modernisierungsprogramm ihrer Geschichte fährt, weil lange Zeit zu hart gespart wurde und viel Geld für teure Übernahmen und hohe Dividenden an den Bund abfloss. Noch mindestens fünf Jahre lang werde der Cashflow der Bahn nicht reichen, um die Milliardeninvestitionen in neue Fahrzeuge und die Ertüchtigung der Infrastruktur abzudecken, machte Lutz bei seiner ersten Bilanzpressekonferenz klar. 

Immerhin unterstützt der Bund den Modernisierungskurs, indem er auf einen Großteil seiner Dividende verzichtet und 1 Milliarde Euro frisches Kapital zuschießt. Darauf eine Langfriststrategie aufbauen kann Lutz aber wahrscheinlich nicht, denn auch für den versierten Planer dürfte die politische Lage schwer vorauszusehen sein.

Eine neue politische Konstellation nach der Bundestagswahl könnte nicht nur die Sichtweise der Bundesregierung auf die Bahn erneut verändern, sondern auch die Zusammensetzung des Vorstands. Zwar haben die drei wichtigsten Vorstände – Neu-CEO Lutz, Infrastrukturvorstand Pofalla und Personenverkehrschef Huber – neue Verträge bekommen, die bis 2022 laufen. Aber bei einem derart politischen Unternehmen wie der Bahn muss das nicht heißen, dass auch tatsächlich bis dahin personelle Kontinuität herrscht.

Neben seinen unbestrittenen Fähigkeiten als Controller wird Lutz daher auch noch auf sein Talent als Schachspieler vertrauen müssen – und er wird sich wohl oder übel als Kümmerer neu erfinden müssen. Für einen Finanzer, der zum Thema Jahresabschlussanalyse promoviert hat, wird das kein Spaziergang werden.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Für herausragende Leistungen, besonderen Spürsinn oder mutige Entscheidungen zeichnet FINANCE jeden Monat einen Finanzvorstand aus. Welche Finanzchefs die Auszeichnung bislang erhalten haben, lesen Sie auf unserer Themenseite CFO des Monats.