Volker Walprecht ist seit März bei dem Explosionsschutzkonzern R. Stahl, seit Juli bekleidet er den CFO-Posten. Seither begleitet er die Restrukturierung.

R. Stahl

29.11.18
CFO

R. Stahl-CFO Walprecht: „Haben scharf nachjustiert“

Seit März ist Volker Walprecht Finanzchef des kriselnden Explosionsschutzkonzerns R. Stahl. Gleich in den ersten Wochen musste er kräftig durchgreifen, wie er im FINANCE-Interview erzählt.

Herr Walprecht, R. Stahl hat eine schwere Zeit hinter sich, musste 2017 gleich zweimal seine Gewinnprognosen kappen. Im März, kurz nachdem Sie ins Unternehmen gekommen waren, hat der Konzern sich dann verpflichtet, einen Teil der Linie aus seinem Konsortialkreditvertrag nicht in Anspruch zu nehmen. Wie ernst war die Lage?
Wir haben die Konsortialkreditlinie reduziert, da sie zum damaligen Zeitpunkt für unsere Verhältnisse mit 95 Millionen Euro einfach zu hoch war und darüber hinaus nur unnötige Kosten verursacht hat. Aktuell nehmen wir unseren Konsortialkredit mit rund 10 Millionen Euro in Anspruch, nochmal 12 Millionen Euro haben wir über Avale aufgenommen. Wir liegen damit nicht nur weit unter dem Volumen, das uns heute die deutlich reduzierte Kreditlinie bietet, sondern haben auch einen großen Spielraum.

Zudem haben wir bis Ende September 2018 unsere Nettofinanzverbindlichkeiten auf unter 9 Millionen Euro reduziert – dem niedrigsten Stand zum Quartalsende seit rund fünf Jahren. Wir verdienen operativ wieder Geld. All das zeigt deutlich: R. Stahl ist wieder auf Kurs und unsere Maßnahmen greifen. Das ist ein starkes und gutes Signal in alle Richtungen, vor allem an unsere Partner. Auch vor dem Hintergrund des schwachen Jahres 2017.
 
Ihr Vorgänger Bernd Marx musste noch Ende 2017 die Kreditklauseln anpassen, damit R. Stahl seine Covenants nicht reißt. Das dürfte zu deutlich höheren Finanzierungskosten geführt haben. Das Geschäftsjahr 2018 läuft nun wieder besser: Haben Sie die Kreditkonditionen mittlerweile zurückverhandeln können?
Auf unsere Kreditkonditionen möchte ich nicht im Detail eingehen. Richtig ist, dass unsere Finanzierungspartner auf die Herausforderungen, denen sich R. Stahl stellen musste, reagiert haben. Unsere wirtschaftliche Situation hat sich aber bereits im laufenden Jahr deutlich verbessert: Die Umsätze steigen. Das bereinigte operative Ergebnis und unsere Eigenkapitalquote haben wir deutlich gesteigert. Parallel dazu senken wir unsere Kosten kontinuierlich. Wir tun viel dafür, verloren gegangenes Vertrauen bei unseren Finanzierungspartnern zurückzugewinnen. Dabei setzen wir auf einen konstruktiven und partnerschaftlichen Dialog.

R.Stahl setzt auf Restrukturierungsprogramm

Nicht nur bei den Banken, sondern auch am Kapitalmarkt hat R. Stahl Wohlwollen verspielt. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr nicht nur zweimal seine Prognosen kassiert, sondern musste zusätzlich auch noch die Vorlage der Zahlen für das Geschäftsjahr 2017 verschieben. Seit November 2017 ist Ihre Aktie von 31 auf jetzt nur noch 22 Euro gefallen.

Die unterjährigen Anpassungen der Prognose und die Terminverschiebung zur Vorlage des Geschäftsberichts 2017 haben unterschiedliche Ursachen. Die Prognoseanpassungen in der Vergangenheit haben gezeigt, dass unsere Prozesse nicht die erforderliche Zuverlässigkeit mitbringen, um auf Prognosen erfolgreich liefern zu können. Hier haben wir prozessual und inhaltlich kurzfristig scharf nachjustiert, um die Prognosegenauigkeit zu verbessern. Auch in anderen Bereichen wollen wir unsere Prozesse verbessern und auch unsere Systeme harmonisieren, noch sind sie sehr heterogen.

„Unsere Prozesse bringen nicht die Zuverlässigkeit, um auf Prognosen erfolgreich liefern zu können.“

Volker Walprecht, CFO R. Stahl

Die späte Vorlage unseres Geschäftsberichts 2017 hing dagegen vor allem mit unerwarteten bilanziellen Anpassungen und Veränderungen im Vorstand im Frühjahr dieses Jahres zusammen und damit, dass sich das Unternehmen hier Klarheit über die finanzielle Situation des Unternehmens verschaffen musste. Dass unsere Aktionäre mit solchen Entwicklungen nicht zufrieden sein können, ist verständlich. Auch hier arbeiten wir daran, Vertrauen wieder aufzubauen, und ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das gelingen wird.

Sie haben mit dem seit Beginn des Jahres amtierenden CEO Mathias Hallmann im Sommer auch das Effizienzprogramm „R.Stahl 2020“ angestoßen. Was trägt die Finanzabteilung bei?
Ein wichtiger Meilenstein von R. Stahl 2020 war der Aufbau einer globalen Organisation mit starken Konzernfunktionen. Dies haben wir zum 1. April 2018 umgesetzt, auch im Finanzbereich. Darüber hinaus haben wir damit begonnen, die sehr hohe Komplexität in unserem Produktsortiment zu verringern. Hierzu analysieren wir mit einem neuen Controlling-Ansatz unsere Produkte beispielsweise nach Bestellhistorie und Profitabilität. Bis heute haben wir rund ein Drittel unserer einst 20.000 Produkte aussortiert, weil sie kaum Erlöse gebracht haben.

In der Tat hat das Programm nach kurzer Zeit Spuren in der Bilanz von R. Stahl hinterlassen: Das Working Capital ist von 17,6 Ende 2017 auf 7,7 Millionen Euro zum Neunmonatsbericht gesunken. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten haben Sie im gleichen Zeitraum von 26 auf 10 Millionen Euro mehr als halbiert. An welchen Schrauben haben Sie dafür gedreht?

FINANCE-Köpfe

Volker Walprecht, R. Stahl AG

Zu Volker Walprechts ersten beruflichen Stationen gehören der frühere Technologiekonzern Mannesmann, der Automobilzulieferer Mannesmann VDO (später: Siemens VDO/Continental) und der Industriekonzern Siemens.

2012 beruft ihn der Autozulieferer Grammer zum Finanzvorstand. Drei Jahre später geht Walprecht als kaufmännischer Geschäftsführer zum Anlagenbauer Kelvion (vormals Gea Heat Exchangers), der sich im Besitz des Finanzinvestors Triton befindet. Von dort wechselt er 2017 als Partner zum Executive Advisor Bonum in Essen. Im Juli 2018 beruft der Explosionsschutzkonzern R. Stahl Volker Walprecht in den Vorstand, wo er die CFO-Position übernimmt.

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Beim Net Working Capital konnten wir schnell Optimierungspotentiale realisieren. Durch das schlankere Produktportfolio hat sich auch die Kapitalbindung in Vorräten verringert. Unser neuer Treasury-Chef Philipp Öhler treibt die Optimierung unserer Cash-Position voran – hier hatten wir aufgrund der bislang geringen Transparenz einen kräftigen Hebel, um uns speziell im Cash-Pooling schnell zu verbessern. In der Konsequenz konnten wir unsere Kreditlinien zügig entlasten.

R. Stahl zahlt Beratern 3,4 Millionen Euro

All den Verbesserungen zum Trotz: R. Stahl rechnet für das laufende Geschäftsjahr mit einem hohen einstelligen Millionenverlust nach Steuern. Ins Auge fallen vor allem die hohen Beraterkosten von bislang 3,4 Millionen Euro in diesem Geschäftsjahr, obwohl Sie die Ausgaben ja eigentlich niedrig halten wollen.
Diese Kosten standen vor allem im Zusammenhang mit der finanziellen Stabilisierung des Konzerns und dem Aufsetzen unserer Effizienzmaßnahmen im ersten Halbjahr. Sie bewegen sich der Höhe nach in einer üblichen Größenordnung, werden aber auch 2019 deutlich zurückgehen.

R. Stahl musste im Vergleich zu Ende 2017 auch mehr als 50 seiner rund 1.800 Mitarbeiter entlassen, was das Ergebnis durch Abfindungszahlungen nochmal mit 2,3 Millionen Euro nach den ersten neun Monaten 2018 belastet hat.
Es war uns von Beginn an wichtig, einen selektiven Stellenabbau mit Umsicht und Augenmaß vorzunehmen und möglichst viele unserer Mitarbeiter an Bord zu halten. Denn wir wollen spätestens ab 2020 unseren Fokus wieder auf nachhaltiges Wachstum richten – da wäre es nicht klug, heute qualifiziertes Personal abzubauen, das wir morgen wieder brauchen.

Wann schreibt R. Stahl nach Steuern wieder schwarze Zahlen?
Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau sagen. Im vergangenen Jahr haben wir einen Verlust von 21 Millionen Euro erwirtschaftet, dieses Jahr werden wir den Verlust auf einen hohen einstelligen Betrag reduzieren. Und natürlich wollen wir uns in 2019 noch einmal deutlich verbessern. Eine Prognose für das kommende Jahr werden wir mit der Vorlage unseres nächsten Geschäftsberichts im April 2019 geben. Wir haben uns ehrgeizige Ziele gesetzt und haben dafür auch die Mannschaft, die ebenso motiviert ist wie mein Vorstandskollege und ich es sind.

jakob.eich[at]finance-magazin.de

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