Newsletter

Abonnements

Tönnies bläst Milliardendeal ab

Nach der Absage des geplanten Verkaufs bleibt der Fleischereikonzern Tönnies vorerst weiter im Familienbesitz.
Tönnies

Es hätte einer der größten M&A-Deals in Deutschland in diesem Jahr werden können, doch nun hat sich der zerstrittene Tönnies-Clan doch noch zusammengerauft und den erwogenen Verkauf des Familienunternehmens abgeblasen: Der Fleischereikonzern, der zu Beginn der Coronakrise zum Sinnbild für schlechte Arbeitsbedingungen geworden war, soll in Familienhand bleiben. Das haben die drei Gesellschafter Robert und Clemens Tönnies sowie dessen Sohn Maximilian am gestrigen Mittwoch mitgeteilt und damit den M&A-Prozess offiziell beendet.

„Mit der klaren Aussage für die gemeinsame Zukunft als Familienunternehmen leisten die Gesellschafter ihren Beitrag, die Gerüchte und Spekulationen um einen Verkauf oder Teilverkauf zu beenden“, lässt das Unternehmen verlauten. Zugleich bestätigte der Konzern jedoch, dass „verschiedene Optionen zur künftigen Ausgestaltung der Eigentümerstruktur geprüft“ worden seien. Neben dem M&A-Prozess wurde auch das sogenannte „Zerrüttungsverfahren“ beendet, in dessen Zuge Robert Tönnies seinen Onkel Clemens im Jahr 2019 mit einer Schiedsklage überzogen hatte. Beide Familienstämme kontrollieren je die Hälfte der Anteile.

Strategen lagen im M&A-Prozess vorne

Nachdem Ende März Gerüchte die Runde machten, dass der zerstrittene Tönnies-Clan auf Käufersuche sei, hatte sich eine ausgesprochen komplizierte Dealsituation angedeutet. Verschiedene Private-Equity-Investoren fühlten vor, zogen sich aber dem Vernehmen nach bald wieder zurück – vor allem weil ihre Investoren Bedenken hinsichtlich der ESG-Qualität des Tönnies-Konzerns hegten.

Danach sah es lange so aus, als könnte ein Stratege aus dem Ausland den Zuschlag für Deutschlands größte Schlachtbank bekommen. Spekuliert wurde unter anderem über Branchengiganten wie den US-Konzern Tyson Foods, den brasilianische Fleischproduzenten JBS oder den chinesischen Wettbewerber WH Group, der sich schon länger im europäischen Fleischereimarkt verstärken möchte. Auch wegen der starken Position des Tönnies-Konzerns ist dies den Chinesen bislang aber nicht gelungen.

Tönnies ist mit 7,3 Milliarden Euro Umsatz Platzhirsch

Der Fleischereikonzern mit Sitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück ist mit einem Umsatz von 7,3 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2019 der Platzhirsch in Deutschland und exportiert 50 Prozent seiner Produkte ins Ausland. Doch der Wettbewerb ist hart, die großen Player liefern sich angesichts des in vielen Industrieländern sinkenden Fleischkonsums ein immer schnelleres „Race to the Bottom“, in dem Dumpinglöhne, prekäre Arbeitsbedingungen und gravierende Mängel beim Tierschutz seit Jahren dunkle Schatten über das Image der Branche werfen.

Dem Tierschutz wollen sich auch die wieder versöhnten Tönnies-Gesellschafter künftig stärker widmen. Zudem sollen mit Fleischersatzprodukten und Tiernahrung zwei neue Geschäftsfelder stark ausgebaut werden.

Scheiterte der Tönnies-Deal am Preis?

Warum genau die Tönnies-Familie zu dem Schluss gekommen ist, dass die jetzige Struktur „genau die richtige“ für das Familienunternehmen sei, wie es in der Unternehmensmitteilung heißt, gab sie nicht bekannt. Es heißt lediglich, dass Tönnies „in seiner Ausrichtung als integrierter Lebensmittelproduzent weltweit einzigartig“ sei. „Dieser Unternehmenswert soll weiter kontinuierlich gesteigert werden.“

Tatsächlich könnte der M&A-Deal auch schlicht am Geld gescheitert sein. Wie das „Handelsblatt“ schreibt, ist aus Finanzkreisen zu hören, dass unterschiedliche Preisvorstellungen zum Abbruch der Verhandlungen geführt haben sollen. Während die Familie Tönnies 4 Milliarden Euro für den Fleischereikonzern haben wollte, sollen die Kaufinteressenten vor dem Hintergrund des schwierigen Fleischmarktes weniger als die Hälfte dieser Summe geboten haben. Der JBS-Konzern, der als Übernahmefavorit galt, wollte nach Angaben des Handelsblatts auf Anfrage keine Stellung dazu nehmen.

thomas.holzamer[at]finance-magazin.de

thomas.holzamer@finance-magazin.de | + posts

Thomas Holzamer ist Redakteur bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Banken-Sektor, speziell das Firmenkundengeschäft. Er hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Thomas Holzamer mehr als 12 Jahre in den Redaktionen der Mediengruppe Offenbach-Post, zunächst als verantwortlicher Redakteur für Sonderpublikationen, später im Lokalen.

Themen