Wafer-Platte: Die Konsolidierung auf dem Wafer-Weltmarkt nimmt an Fahrt auf.

Siltronic

30.11.20
Deals

Siltronic soll taiwanesisch werden

Der Münchener Chip-Zulieferer Siltronic steht kurz vor der Übernahme durch den taiwanesischen Rivalen GlobalWafers. Großaktionär Wacker Chemie steht vor einem lukrativen Exit.

Megafusion in der Chipindustrie, und das mit deutscher Beteiligung: Der Münchener Anbieter von Halbleiterwafern für die Chipindustrie Siltronic steht vor dem Verkauf nach Asien. Wie der MDax-Konzern am gestrigen Sonntagabend mitteilte, steht das Unternehmen kurz vor einer Einigung mit dem taiwanesischen Rivalen GlobalWafers, der insgesamt 3,75 Milliarden Euro bezahlen will. Die Taiwaner bieten 125 Euro je Siltronic-Aktie, was einer Prämie von 11 Prozent zum Schlusskurs vom Freitag beziehungsweise 48 Prozent gegenüber dem volumengewichteten Durchschnittskurs der letzten 90 Tage entspricht.

Der Vorstand des Münchener Chipzulieferers bezeichnet das Angebot als „attraktiv und angemessen“. Mit der Übernahme würden die Taiwaner zur weltweiten Nummer 2 in der Wafer-Produktion aufsteigen, ein Vorprodukt, aus dem später dann Halbleiter-Chips hergestellt werden, die unter anderem in Computern und Smartphones verbaut sind. Bislang dominieren die japanischen Unternehmen Shin-Etsu und Sumco diesen Markt.

Corona-Effekt: Siltronic-Umsatz sinkt

Sofern der Aufsichtsrat zustimmt, könnte der M&A-Deal nach Siltronic-Schätzungen in der zweiten Dezemberwoche unterzeichnet werden. Einen Strategieschwenk durch die neuen Eigentümer soll es nicht geben. Für die Werke im bayerischen Burghausen und im sächsischen Freiberg geben die Taiwaner eine Standortgarantie bis Ende 2024. Bis dahin schließen sie auch betriebsbedingte Kündigungen aus. Für Siltronic sind rund 3.700 Mitarbeiter beschäftigt. Zwei Drittel arbeiten in Deutschland.

Zuletzt spürte auch Siltronic die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie. Schon im März kassierte das Unternehmen seine Gewinnprognose für Ebit und Gewinn je Aktie. In den ersten neun Monaten 2020 fielen die Umsatzerlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,5 Prozent auf 923 Millionen Euro, während  das operative Ergebnis (Ebitda) um 17 Prozent abrutschte. Für das Gesamtjahr rechnet der MDax-Konzern mit einem im mittleren einstelligen Prozentbereich rückläufigen Umsatz.

Siltronic-Großaktionär Wacker Chemie vor Ausstieg

Der Siltronic-Großaktionär Wacker Chemie unterstützt das Angebot und ist bereit, Global Wafers sein Aktienpaket von 30,8 Prozent anzudienen, was etwa 1,2 Milliarden Euro in die Unternehmenskasse spülen würde. Für Wacker Chemie ist der Deal ein gutes Geschäft: Im Jahr 2015 hatte das Familienunternehmen die Wafer-Tochter zu einem Ausgabepreis von 30 Euro an die Börse gebracht. Zwei Jahre später gab Wacker die Mehrheit ab und reduzierte seinen Anteil im Anschluss immer weiter. Im Vergleich zum aktuellen Bilanzansatz des Siltronic-Pakets würde Wacker einen Buchwertgewinn von fast 600 Millionen Euro realisieren, das ist ein Achtel des gesamten Börsenwerts.

Der Exit markiert für den Chemiekonzern das Ende einer Achterbahnfahrt mit seiner früheren Tochter. Waren die Siltronic-Titel zwischen 2017 und 2018 immer mal wieder um die 150 Euro wert, rutschten sie danach mehrmals deutlich in Richtung 50 Euro ab. Von Mitte Februar bis Mitte März halbierte sich der Aktienkurs. Es ist wahrscheinlich, dass in diesem Moment die Taiwaner ihr M&A-Projekt forcierten.

Siltronic-Aktiekurs seit IPO

Am heutigen Montagmorgen legten die Titel von Siltronic um 11 Prozent auf 126 Euro zu, gaben danach aber etwas nach und rutschten geringfügig unter den Angebotskurs. Die Aktie von Wacker Chemie kletterte um 6 Prozent auf 109 Euro. Allerdings sollten Wacker-Anleger nicht zu sehr auf eine üppige Sonderdividende hoffen. So schüttete der Chemiekonzern im Jahr 2017 weniger als ein Sechstel der Erlöse von 634 Millionen Euro aus einem Siltronic-Anteilsverkauf an seine Aktionäre aus. Kritische Marktbeobachter warnen ohnehin vor zu großer Euphorie: So könnte die Bundesregierung den M&A-Deal als weiteren Ausverkauf von Schlüsseltechnologie werten und noch ein Veto einlegen.

Kommt es jedoch zum Closing, käme Wacker finanziell in eine rosige, aber nicht unheikle Lage. Der Zufluss von 1,2 Milliarden Euro wäre mehr als genug, um die aktuelle Nettofinanzverschuldung von 309 Millionen Euro in ein sattes Guthaben zu drehen. Über organische Investitionen ließe sich dieses Geld auf absehbare Zeit kaum investieren. Es ist anzunehmen, dass auch Wacker Chemie bald engagierter am M&A-Markt auftreten wird als zuletzt.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de