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Was geht am M&A-Markt, Evonik?

Auf dem Weg zum Spezialchemiekonzern trennt sich Evonik von der Performance-Materials-Sparte. Foto: Evonik Industries AG
Auf dem Weg zum Spezialchemiekonzern trennt sich Evonik von der Performance-Materials-Sparte. Foto: Evonik Industries AG

Es ist eine Transformation, die im Chemiesektor Schule macht: Weg von der großvolumigen, zyklusabhängigen Basischemie, hin zur weniger zyklischen, margenstarken Spezialchemie, die auch im Sinne der Nachhaltigkeit steht. Wie auch andere Branchenkollegen wie Lanxess hat der Essener Konzern Evonik diese neue Fokussierung als Kern der Wachstumsstrategie ausgerufen.

Dazu hat CEO Christian Kullmann Evonik Anfang 2020 eine komplett neue Unternehmensstruktur verpasst. Vier neue Chemiedivisionen – Specialty Additives, Nutrition & Care, Smart Materials und Performance Materials (PM) – untergliedern seither das Geschäft des MDax-Konzerns. Drei von ihnen sind auf Wachstum ausgerichtet. Die vierte, Performance Materials, passt nicht mehr zum spezialisierten Ansatz, sollte zunächst aber als reines Effizienzsegment der Cash-Generierung dienen.

Doch Evonik hat sich unlängst entschlossen, Performance Materials komplett abzustoßen. Aufgrund der Umstrukturierung standen die vergangenen Jahre im Zeichen der internen Aufstellung. Bis Ende 2023 aber soll Performance Materials verkauft sein. Doch wenn sich alle Chemiekonzerne derzeit spezialisieren, wer will dann Evoniks „Reste“ kaufen – vor allem, da sich Evonik vorgenommen hat, die Einheit nicht in einem Rutsch, sondern in gleich drei Deals zu veräußern?

Evonik will Division in drei Teilen verkaufen

Was die Käufersuche für Evonik schwierig macht: Performance Materials soll in drei Teilen verkauft werden. Der erste Verkauf dürfte die C4-Chemie betreffen. Medienberichten zufolge soll Evonik beginnen, Banken für den Prozess zu mandatieren. Doch wer kommt als Käufer infrage?

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Dass ein Branchenkollege hier zuschlagen könnte, schließen Marktexperten aus, denn die meisten direkten Konkurrenten befinden sich im gleichen Transformationsprozess wie Evonik. Ein weiterer Störer: „Einige Chemiekonzerne können in gewissen Bereichen kaum noch wachsen, ohne Auflagen der Kartellhüter auferlegt zu bekommen“, erklärt Konstantin Wiechert, Analyst bei der Baader Bank.

Er glaubt vielmehr, dass Evonik vor allem internationale Ölfirmen auf den Plan rufen wird, die stärker in den (Basis)-Chemiebereich vordringen wollen. „Das ist ihre Art der Spezialisierung“, erklärt Wiechert. Der Wiener Ölkonzern OMV sei so ein Kandidat, aber auch Ölmulti Saudi Aramco beziehungsweise dessen Chemie- und Metall-Tochter Sabic dürfte nach Essen schielen, nachdem Saudi Aramco schon das Kautschukgeschäft von Lanxess komplett übernommen hat. Hier gebe es einige Synergien, etwa bei der Reifenproduktion, wo Evonik die Ausgangsmaterialien für das synthetische Kautschuk herstellt, betont Wiechert. Und letztlich ist da noch BP. Strategischer Vorteil: Der Ölkonzern hat bereits eine Nähe zu Evonik als Zulieferer.

Verkauf en bloc hätte Vorteile für Evonik…

In die gleiche Kerbe schlägt Warburg-Research-Analyst Oliver Schwarz. Ein Private-Equity-Investor wäre eher an dem Gesamtpaket interessiert, wie es Lanxess mit Finanzinvestor Advent zuletzt vorgemacht hat, glaubt der Evonik-Experte. Auch Schwarz sieht eher einen großen internationalen Strategen am Zug, wenn Evonik bei der Drei-Deal-Strategie bleibt.

Die Strategie stößt nicht überall auf Zuspruch, da ein Verkauf der PM-Sparte en bloc den potenziellen Interessentenkreis vergrößert – nicht uncharmant für ein Unternehmen aus einer Branche, die zurzeit deutlich härter von der akuten Gaskrise und steigenden Rohstoffkosten getroffen wird als andere Sektoren. Denn für Private-Equity-Investoren dürften die Einzelteile von Performance Materials deutlich zu spezialisiert sein, betont Schwarz.

Hinzu kommt: Ein Komplettverkauf ist im aktuellem Marktumfeld leichter umzusetzen, muss Evonik den M&A-Prozess inklusive Verkaufsverhandlungen und Co. nur für ein Target durchspielen und nicht für drei.

Die sinnvollste Option laut Wiechert wäre es, die Superabsorber gesondert zu verkaufen, da diese Einheit wenig synergistischen Mehrwert zu den beiden anderen hat, und Functional Solutions und Performance Intermediates dann en bloc ins Schaufenster zu stellen.

… aber die Einzelbewertung der Evonik-Divisionen wäre höher

Doch wieso hält Evonik an dem Deal-Trio fest? „Der einzige echte Vorteil ist, dass die Bereiche einzeln etwas höher bewertet werden könnten“, erklärt Wiechert. Würde Evonik PM als Ganzes verkaufen, müssten die Essener wahrscheinlich mit einem Abschlag rechnen. 2 Milliarden Euro könnten die Essener für Functional Solutions und Performance Intermediates im Bundle erhalten, schätzt Wiechert.

Noch höher könnten die Erlöse bei komplett getrennten Deals ausfallen: „Trennt sich Evonik einzeln von Functional Solutions und Performance Intermediates, dürften um die 2,2 Milliarden Euro herausspringen, weil die Multiples im Bereich Functional Solutions etwas höher liegen als im Perofrmance Intermediates-Segment“, schätzt der Baader-Analyst. Die Superabsorber-Einheit dürfte dem Analysten zufolge noch mal 800 bis 900 Millionen Euro bringen. Das deckt sich mit den Schätzungen des Warburg-Research-Kollegen. Insgesamt käme Evonik so auf einen Verkaufserlös von 2,8 bis 3,2 Milliarden Euro für die gesamte PM-Einheit. „Der Unternehmenswert ist aber stark inflationär aufgepustet“, betont Schwarz.

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„Die in der Branche üblichen Umsatz-Multiples von ohnehin schon leicht gesunkenen 1,1x bis maximal 1,7x wird Evonik in der aktuellen Marktphase kaum bekommen.“ Realistischer sei eine Umsatz-Benchmark auf Basis des vergangenen Jahres – oder gar früher vor Corona, als PM um die 2 Milliarden Euro Erlös generierte.

M&A-Erlöse sollen in grüne Transformation von Evonik fließen

Bleibt Evonik bei dem Dreier-Modell, könnten zuerst C4 und danach die Superabsorber verkauft werden, Functional Solutions als letztes. „Hier ist die Kaufbereitschaft geringer, da für einen Teil des Geschäfts am Standort Lülsdorf ein Verbot ab Ende 2027 vorliegt“, erklärt Wiechert.

Letztlich halten es die Experten für eine Abwägungssache, ob Evonik im aktuellen Marktumfeld drei Mal auf Käufersuche gehen und Transaktionsverhandlungen, wie -kosten auf sich nehmen will, oder für den einfacheren Weg des Gesamtverkaufs einen Preisabschlag in Kauf nehmen will. Evonik selbst erklärt die Logik des Dreier-Deals damit, dass die einzelnen Business Lines unterschiedliche Produkte, Endkunden und Zielmärkte haben.

Das Geld, das durch die Verkäufe in die Kasse gespült werden soll, ist jedenfalls schon verplant. Die Erlöse sollen in die grüne Transformation fließen, mit der Evonik die Scope-1- und Scope-2-Emissionen um 25 Prozent reduziert werden sollen. Dazu will der Chemiekonzern bis 2030 rund 3 Milliarden Euro in Produkte mit überlegenem Nachhaltigkeitsnutzen investieren.

melanie.ehmann@finance-magazin.de | + posts

Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.

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