Rocket Internet

27.04.16
Finanzabteilung

Ernste Zweifel am inneren Wert von Rocket Internet

Das wichtigste Portfoliounternehmen von Rocket Internet hat 2 Milliarden Euro an Wert verloren. Auch Rocket-Aktionär Kinnevik schürt Zweifel an den Berechnungen von CEO Oliver Samwer. Die Aktie stürzt ab.

Die Zweifel am inneren Wert des Beteiligungsportfolios von Rocket Internet bekommen neue Nahrung. Es ist nur ein unauffälliger Satz in der heutigen Pressemitteilung, der die Investoren verschreckt. Aber dieser hat es in sich: „Nach den Transaktionen wird GFG mit 1,0 Milliarden Euro bewertet“, schreibt der Start-up-Inkubator am Mittwoch Vormittag über seine bisher wertvollste Beteiligung, die Global Fashion Group.

Damit ist der Wert der Global Fashion Group gegenüber der vorherigen Finanzierungsrunde um fast 2 Milliarden Euro eingebrochen – das sind zwei Drittel des bisherigen Wertansatzes. Dass der Online-Händler für Kleidung in Schwellenländern 300 Millionen Euro eingesammelt hat, davon 100 Millionen von Rocket, rückt in den Hintergrund.

Rocket Internet hielt bislang 22,5 Prozent an der Global Fashion Group. Weil die Berliner ein Drittel zur neuen Finanzierungsrunde beisteuern, dürfte ihr Anteil leicht ansteigen. Den bisher auf Rocket entfallenden Wert der Global Fashion Group muss Rocket nun aber wohl um 400 bis 500 Millionen Euro reduzieren. Das ist fast ein Zehntel des gesamten von Rocket aktuell ausgewiesenen „Last Portfolio Values“, den Finanzchef Peter Kimpel und CEO Oliver Samwer vor noch nicht einmal zwei Wochen auf knapp 6 Milliarden Euro taxierten. Der Aktienkurs von Rocket Internet brach am Mittwoch Vormittag um mehr als 7 Prozent ein.

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Kinnevik bewertet Rocket-Unternehmen viel geringer

Der Kursverfall dürfte auch daher rühren, dass Rocket-Großaktionär Kinnevik fast zeitgleich am Mittwoch Vormittag eine eigene, skeptische Sicht auf Rocket präsentiert hat: Der Investor beziffert den Wert der gemeinsam gehaltenen Portfoliounternehmen in jetzt veröffentlichten Schätzungen deutlich niedriger als Rocket selbst. Kinnevik ist nach CEO Oliver Samwer und seinen beiden Brüdern mit 13,2 Prozent der größte Aktionär des Internet-Inkubators. Gleichzeitig sind die Schweden an Unternehmen wie der Global Fashion Group auch mit eigenen Positionen beteiligt.

Wie aus dem Geschäftsbericht von Kinnevik hervorgeht, hat der Investor etwa die Global Fashion Group noch vor der Hiobsbotschaft vom Mittwoch mit nur 1,7 Milliarden Euro bewertet – 1,3 Milliarden weniger, als Rocket der Beteiligung bislang zumaß. Auch dieser Wertansatz hat sich jetzt als zu hoch herausgestellt, aber nicht so gravierend wie bei Rocket.  

Hintergrund der Abweichungen ist eine unterschiedliche Bewertungsmethode: Während die Schweden den aktuellen Wert der Unternehmen schätzen, indem sie auf einen gleitenden Zwölfmonatsdurchschnitt der erzielten Umsätze die aktuellen Multiples von privaten und börsennotierten Vergleichsunternehmen ansetzen, weist Rocket jenen Wert aus, der bei der jüngsten Finanzierungsrunde zu Grunde gelegt wurde. Beide Methoden sind nach den IFRS-Bilanzierungsregeln zulässig. Rockets Ansatz entspricht aber eher dem Fair-Value-Prinzip von IFRS, während sich Kinnevik mit seiner Methode mehr Spielraum für eigene Einschätzungen einräumt und so in der Lage ist, konservativer zu bilanzieren.

Verkauf von Lazada stützt Wertansatz von Rocket Internet

Bemerkenswert ist, dass Kinnevik bei so gut wie allen relevanten, gemeinsam gehaltenen Investments zu einem geringeren Wert kommt. Und die Abweichungen sind erheblich. So bewertet Rocket Internet den Möbelhändler Home24 nach der jüngsten Finanzierungsrunde mit 1 Milliarde Euro, Kinnevik mit der Hälfte. Ähnliche Unterschiede tun sich bei den Portfoliofirmen Linio, Westwing und Lazada auf. Kumuliert summieren sich die Wertunterschiede von Rocket und Kinnevik bei GFG, Home 24, Westwing, Linio und Lazada auf satte 3 Milliarden Euro.

Zur Verteidigung von Rocket-Chef Samwer muss man einräumen, dass er erst kürzlich mit einer Transaktion Argumente für den eigenen Wertansatz gesammelt hat: Mitte April vereinbarte Rocket den Verkauf seiner Beteiligung an der asiatischen E-Commerce-Plattform Lazada an den chinesischen Internetriesen Alibaba  – zu einem Preis, der sogar noch oberhalb der jüngsten Bewertung durch Rocket lag. Der Preis, den Alibaba für Lazada hingelegt hat, dürfte in etwa doppelt so hoch liegen wie die damals aktuelle Schätzung Kinneviks.   

florian.bamberg[at]finance-magazin.de

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